„Elmar Faber kämpfte für die Bücher und die Autoren“

Christoph Hein mit einer bemerkenswerten Rede beim Abschied von dem Verleger
Von Volker Külow

„Man hebt den Vorhang auf und tritt auf die andere Seite.“ Mit diesen Worten beginnt Michael Faber die bewegende Trauerfeier für seinen Vater am 19. Dezember 2017 auf dem Leipziger Südfriedhof. Er erinnert sich damit an diejenigen Momente, wenn der namhafte Verleger, der am 3. Dezember 2017 im Alter von 83 Jahren gestorben war, ein seltenes Buch aufschlug. In der bis auf den letzten Platz gefüllten Kapelle ergreift nach dem Verklingen des Streichquartetts op. 30 F-Dur von Carl Reinecke dann Christoph Hein das Wort, der unter dem Leitmotiv „Elmar Faber kämpfte für die Bücher und die Autoren“ eine grandiose Rede hält. Zunächst ruft er der Familie zu, dankbar zu sein „für das Glück, über Jahrzehnte mit diesem tollkühnen Husaren gelebt zu haben“. Die Rede des Schriftstellers bildet das ganze emotionale Spektrum ab; auch der warme Humor des Verlegers kommt nicht zu kurz, wenn der Schlesier Hein mit leichter Ironie von der felsenfesten Überzeugung des gebürtigen Thüringers Faber berichtet, dass Thüringer Bratwürste und Liedgut angeblich die jeweils besten der Welt seien.

Die Rede Heins hat eine Vorgeschichte, denn acht Tage vor seinem Tod hatte Elmar Faber mit seinem einstigen Bestsellerautor gesprochen und ihn gebeten: „Sag am Grab die Wahrheit, Christoph. Du kennst sie, du kannst sie sagen.“ Und der Redner scheut sich nicht, die bis heute fortwirkenden Verwerfungen der deutsch-deutschen Geschichte nach 1990 in ungewohnter Deutlichkeit beim Namen zu nennen. „Nach der Wende wurde der Osten demokratisiert.“ Scheinbar unverfänglich beginnt Hein, um dann umso unmissverständlicher seine Kritik an den von der Alt-BRD initiierten Fehlentwicklungen auszusprechen. „Das große Staatsziel hieß: Delegitimierung des anderen deutschen Staates, und bald gab es den Auftrag: Austausch der Eliten.“ Der sprachempfindsame Autor zeigt auf, dass es sich dabei um ein abgewandeltes Wort der Lingua Tertii Imperii (LTI) handelt. Als seltsam charakterisiert er auch den Rückgriff auf „das Wort Aufbau Ost als Bezeichnung der wirtschaftspolitischen Dekrete zu Anpassung der neuen Bundesländer an den Westen“. Der Begriff stammt ebenso aus der LTI. „Das Planungsamt des Reichskommissariats erstellte den Plan für die Kolonalisierung und Germanisierung von Teilen Osteuropas. Der zuständige Wirtschaftsstab Ost nannte das das Programm seinerzeit zynischerweise Aufbau Ost.“ Wieso benutzte man 1990 diese Sprache fragt der Redner und gibt selbst die Antwort: „Nach 1945 gab es keinen Austausch der Eliten in der neu gegründeten Bundesrepublik, ganz im Gegenteil… Das liegt Jahrzehnte zurück, inzwischen übernahmen die Kinder dieser Eliten, dann ihre Kindeskinder. Ist die Verwendung der Sprache des LTI eine Reminiszenz an das alte Bauern-Kriegslied ‚Geschlagen ziehen wir nach Haus / Unsre Enkel fechtens besser aus’?“

Hein verurteilt nicht nur das westliche Herrenmenschentum gegenüber Ostdeutschland, sondern wirft auch einen kritischen Blick zurück auf die DDR, insbesondere auf die verhängnisvolle Zensurpraxis, die von ihm couragiert thematisiert und bekämpft wurde. Elmar Faber erwies sich in dieser Auseinandersetzung mit der sozialistischen Obrigkeit als „Mann von Mut und Ehre“. Bewundernd erzählt der Autor von „Horns Ende“, wie der Leiter des Aufbau-Verlages dieses Manuskript zum Druck frei gab, obwohl das zuständige Politbüromitglied Kurt Hager vorher ausdrücklich und mehrfach sein Veto eingelegt hatte. Hinterher wurde Faber im ZK maßlos beschimpft, die Angst der Parteioberen vor den Westmedien rettete ihm aber den Kopf.

Am Ende der Trauerfeier ergreift Peter Sodann das Wort und trägt Gedichte von Wolfgang Borchert, Rainer Maria Rilke und Hans Sahl vor, bei dem es heißt: „Ich weiß, daß ich bald sterben werde. Ein Gast nimmt leise seinen Hut und geht.“