Diva der arabischen Welt

Jens-Paul Wollenberg über Umm Kulthum

Sie wurde als leuchtender Stern des Morgenlands bezeichnet und gilt ohne Zweifel als die ungekrönte Königin der arabischen Sangeskunst. Obwohl Umm Kulthum bereits vor dreiundvierzig Jahren, am 4. Februar 1975 in Kairo verstarb, genießt sie immer noch den tadellosen Ruf als beste und populärste Sängerin im arabischen Sprachraum Nordafrikas und des vorderen Orients. Sie war eine der wichtigsten Pioniere, die Anfang des 20. Jahrhunderts den Prozess der Wiedergeburt des altarabischen Kulturguts vollzogen und die „Kasside“ neu aufleben ließen. Die „Kasside“ ist eine spezielle, klassische Gedichtform, die auch gesanglich vorgetragen werden konnte. Sie wurde auf dem Land, in den Dörfern von den Dorfältesten mündlich weitergegeben, auch dem Vater Umm Kulthums, Scheich al Ibrahim, dem Imam der Dorfmoschee im kleinen Dorf Tamayet el Zahayra, gelegen im östlichen Nildelta. Dort wurde Umm Kulthum im Dezember 1902 als Fatme Ibrahim geboren.

Ihre Familie war sehr musikalisch. So sangen ihr Bruder Haled und ihr Vater oft auf Hochzeitsfesten in der Region, auch um ein wenig Geld zu verdienen, denn man lebte in sehr ärmlichen Verhältnissen. Wenn die beiden ihre Lieder zu Hause in der Küche probten, hörte die kleine Fatme begeistert zu und begann alsbald heimlich, wenn sie in ihrem Kämmerlein war, die Lieder ihrer Spielzeugpuppe vorzusingen. Einmal wurde sie dabei von ihrem Vater überrascht, dem sofort das großartige Talent seiner Tochter auffiel. Er schlug ihr vor, ihn zum Dorfältesten des Nachbarorts zu begleiten, der als Gesangslehrer in der Schule wirkte. Doch das Mädchen fühlte sich noch sehr unsicher, genierte sich ein wenig. Nachdem ihr der Vater versprochen hatte, sie mit Süßigkeiten zu belohnen, willigte sie schließlich ein.

Der Dorfälteste war sehr erfreut von Fatmes Gesang und begann, sie zu unterrichten. Anfangs verstand sie die Worte, die sie sang, noch nicht, doch das sollte sich bald ändern. Sie war zu diesem Zeitpunkt ja gerade sieben Jahre alt. Etwa zwei Jahre später begann Fatme öffentlich bei Hochzeiten zu singen. Ihr Publikum war sehr erfreut vom Mut des kleinen Mädchens, das so schön singen konnte. Oft stand sie dabei auf einem Stuhl, weil man sie sonst nicht sehen konnte. Kurz und gut: Sie wurde im Dorf wie ein kleiner Star gefeiert.

Dann gab es erste kleine Tourneen durchs Nildelta, oft zu Fuß oder auf Eseln. Stundenlang wurde gesungen, und das Repertoire musste erweitert werden, um bis zum Tagesanbruch auszureichen. Denn es war üblich, von den Abendstunden bis zum Tagesbeginn zu feiern. In eine staatliche Schule ging sie nicht, sie besuchte eine religiöse Lehranstalt, wo der Koran im Mittelpunkt stand. Acht Jahre später war sie bereits in ganz Ägypten bekannt, und man lud sie mit der Gesangsgruppe ihres Vaters in die Städte zu Veranstaltungen ein, wo das Ensemble noch Lieder der Sufi vortrug. Als sie 1923 nach Kairo kam, war ihre Stimme schon sehr geschult und sie eroberte im Nu die Herzen der Hauptstadt. Schon bald krönte man sie mit dem Prädikat „Diva von Kairo“.

Um ihre Keuschheit zu bewahren, und weil es anfangs noch schwer war, als Sängerin akzeptiert zu werden, verkleidete sie sich als Junge. Oft wurde sie deshalb von den jungen Männern verspottet, doch in der Zeit der gesellschaftlichen Liberalisierung und der damit verbunden Veränderung der politischen Situation im Land kam es zu deutlichen Lockerungen, auch was die Rolle der Frau in der Öffentlichkeit anbelangte. Fortan nannte sie sich Umm Kulthum, nach der Tochter des Propheten Kulthum. Sie gründete eine Instrumentalgruppe, deren Mitglieder als die besten Musiker ihrer Zeit gehandelt wurden, kleidete sich westlich und begann, auch ihre Liedtexte zeitgenössischer zu gestalten. Sie bevorzuge nun hauptsächlich Liebeslieder. Dabei fand sie die großzügige Unterstützung namhafter Textdichter wie Mursi Gamil Azizi, Ahmad Rami, Nizar Quabbani oder Ahmad Schafik Kamil, um nur einige zu nennen. Die Kompositionen stammten, abgesehen von Saharia Achmed und Mohammed Abdel Wahab (übrigens ein Meister der arabischen Laute Oud und derjenige, der erstmals westliche Harmonien in seine Musik aufnahm und bis 1966 Umm Kulthum musikalisch die Treue hielt), unter anderem auch von Abu al Oula, Rijad al Sunbati und Mohammed Kassabbga. Erwähnenswert ist auch der Umstand, dass die Verschmelzung von Tradition und Moderne durch die Musik Umm Kulthums ein wesentlicher Beitrag zur künstlerischen Erweiterung der ägyptischen Musik geleistet wurde. Auch jüngere Sängerinnen und Sänger begannen, diesen Weg einzuschlagen, wie ein Schüler von Abdel Wahab, der später ebenfalls ein Superstar wurde – Abdel Halim Hafez –, oder die libanesische Sängerin Feyruz, die mit ihrer monströsen „Poèmes d’amour“ selbst in Paris gefeiert wurde. Sie sang als erste Songs von Jacques Brel in Arabisch.

Umm Kulthums Popularität erweiterte sich in den dreißiger Jahren in die Nachbarländer Nordafrikas und der arabischen Halbinsel, weil der staatliche ägyptische Rundfunk „Radio Al Quahera“ ihre Konzerte live und grenzüberschreitend ausstrahlte, und weil sie inzwischen durch ihre Mitwirkung in Spielfilmen bekannt wurde. Dabei achtete sie stets darauf, ihre ländliche Herkunft nicht zu vernachlässigen, und schlüpfte oft in die Rolle eines einfachen Mädchens, was gut ankam. Sie gab auch Konzerte in Bagdad, Jerusalem, Damaskus und im Libanon. Ihre Gagen spendete sie meist dem palästinensischen Widersand gegen die Besatzer.

1943 jedoch beendete sie ihre Karriere als Schauspielerin, um sich nur noch dem Gesang zu widmen. Zusammen mit dem Komponisten Ria al Sumbati erarbeitete sie nun die legendären langen Lieder, die oft eine Länger von mehr als drei Stunden erreichten. Wie nie zuvor gelang es einer arabischen Sängerin, wegen ihres wärmenden, klaren, charismatischen Gesangs, der magisch wirkenden Schönheit der arabischen Spräche mit ihrer blumenreich anmutenden Poesie und der einzigartig herzzerreißenden Musik, ein Millionenpublikum zu faszinieren. Allein schon die Bekanntgabe eines nahenden Konzerts löste in der arabischen Bevölkerung eine euphorische Stimmung aus. Tausende strömten in die Konzertsäle, und wer es sich nicht leisten könnte, fand sich vor den unzähligen Radioapparaten ein, die eigens vor den Cafés und Teestuben aufgebaut wurden, um andachtsvoll ihrer außergewöhnlich mächtigen Stimme zu lauschen.

Oft dauerten ihre Konzerte vier bis sechs Stunden. Das lag auch daran, dass das orchestrale Vorspiel der Instrumentalisten in klassischer Form einer Ouvertüre oft eine Länge von dreißig Minuten erreichte, was eine erwartungsvolle Spannung im Publikum erzeugte, sobald die singende Diva die Bühne betrat. Umm Kulthum achtete stets auf inhaltlich hochwertige Liedtexte, geschrieben von ihren Textdichtern, denn die poetische Aussage galt ihr als wichtigstes Fundament. Musik und Interpretation spielten erst während der anfänglichen Proben eine wichtigere Rolle. Während ihrer weit über fünfzig Jahre währenden Schaffensperiode als Sängerin erschienen um die dreihundert Lieder auf Schallplatte, später auch auf Musikkassette und CD bei „Sono Cairo“ und „Sonodisc Paris“. Am 4. Februar 1975 verstarb Umm Kulthum in Kairo.

Zu ihrem Gedenken erschien im gleichen Jahr eine Briefmarke in Ägypten mit ihrem Portrait. Etwa zwei Millionen Trauernde folgten ihrem Sarg, die Trauer um sie erfasste den ganzen arabischsprachigen Raum. Ihre Lieder bleiben unsterblich, denn sie werden von Jung und Alt immer noch gehört.