Die vom Proletariat aller Länder im Stich gelassene Revolution

Von Prof. Dr. Kurt Schneider

Mit heutigem Wissen, aber auch mit der notwendigen Kompetenz hat Stefan Bollinger eine Arbeit zum 100. Jahrestag der Russischen Oktoberrevolution 1917 vorgelegt, die sich von so mancher Publikation zu diesem welthistorischen Ereignis positiv unterscheidet. Die vorherrschende Meinung aller an Marx geschulten Sozialdemokraten war, wie Bollinger im historischen Rückblick vermerkt, eindeutig: Russland ist nicht reif für eine sozialistische Revolution. Die soziale und politische Hauptkraft eines derartigen gesellschaftlichen Umsturzes, die Arbeiterklasse, soweit vorhanden und organisiert, ist noch zu schwach. Lenins Sichtweite hingegen konzentrierte sich auf Tendenzen der aktuellen Entwicklung. Er sah, wie Bollinger schreibt, dass in der russischen Arbeiterschaft eine Klasse an sich zu einer Klasse für sich heranwuchs. In den wirtschaftlichen Zentren hatte sich eine leistungsstarke, international konkurrenzfähige Industrie entwickelt. Der russische Kapitalismus hatte seine imperialistischen, monopolkapitalistischen Züge in rasantem Tempo ausgeprägt. Zugleich war eine „kämpferische Arbeiterschaft“ herangewachsen, „die sich organisierte, die Gewerkschaften schuf und massenhaft in sie eintrat, die sich für linke Agitation und Organisationsarbeit als offen, als fruchtbar und inspirierend erwies“. Eine Generation von linken Arbeitern hatte fähige Parteiführer hervorgebracht.

Bollinger skizziert den revolutionären Umbruchprozess in Russland, der sich in der gescheiterten Revolution von 1905 bis 1907 erstmals manifestiert hatte und in den Auseinandersetzungen des Jahres 1917 seinen Höhepunkt fand. „Aus der Massenbewegung“, betont er, „erwuchsen die Bolschewiki als handlungs- und kampffähige Partei, formierten sich die Roten Garden, die im Oktober diese Massenbewegung wohl organisiert zum Sieg führten.“

Es war die Zeit, in der die Arbeiterbewegung Klarheit über ihre Stellung zur Bourgeoisie im neuen gesellschaftlichen Gesamtgefüge erlangen musste. Dazu hatte Lenin in aller Deutlichkeit zum Ausdruck gebracht: „Die bürgerliche Revolution“, schrieb er, „ist im Interesse des Proletariats unbedingt notwendig. Je vollständiger und entschiedener, je konsequenter die bürgerliche Revolution sein wird, desto gesicherter wird der Kampf des Proletariats gegen die Bourgeoisie für den Sozialismus sein.“ Wenn jedoch in einer revolutionären Situation wie in Russland sich die Bourgeoisie als zu schwach, ja unfähig erwies, die ihr von der Geschichte auferlegte eigene Revolution durchzuführen und damit insbesondere bürgerliche Demokratie, Freiheitsrechte und Gleichheit vor dem Gesetz im Vollzug der Errichtung einer parlamentarischen bürgerlich-demokratischen Republik sowie die Aufhebung der Vorherrschaft des Adels und die Lösung der Agrarfrage zu Gunsten der Bauern zu verwirklichen, „dann musste diese Revolution“, wie Bollinger unterstreicht, „von jenen angetrieben werden, die eigentlich mehr wollten, die aber bereit waren zu handeln. Das war die Arbeiterklasse und ihre Partei.“ Daraus ergab sich, dass die Russische Oktoberrevolution 1917 auch zu Maßnahmen gezwungen war, die sich nicht aus dem ureigenen Wesen einer sozialistischen Revolution ergaben, sondern aus dem Fehlen der durch eine bürgerliche Revolution zu erbringenden historischen Leistungen.

Hinzu kam, dass ihr Ausgangspunkt der Aufstand gegen den imperialistischen Weltkrieg war, den die Führung der internationalen Sozialdemokratie nicht auf revolutionäre Weise zu beenden bereit war. Demgegenüber waren die Beendigung des Krieges um jeden Preis und die Sicherung des Friedens erstrangige Aufgaben der Oktoberrevolution. Am 25. Oktober 1917 sprach Lenin davon, dass mit der siegreichen Erhebung das russische Proletariat „seine Schuld gegenüber dem internationalen Proletariat beglichen habe“, indem es „einen fürchterlichen Schlag gegen den Krieg“ geführt hat. Seine Annahme, dass diesem „die siegreiche Erhebung des Proletariats in der ganzen Welt“ folgen werde, erwies sich jedoch als Trugschluss. Rosa Luxemburg vermerkte dazu, dass, „abgesehen von einigen tapferen Anstrengungen“, die russische Oktoberrevolution „von den Proletariern aller Länder im Stich gelassen“ worden ist.

Eindringlich unterstrich Lenin, dass es ein „großer Fehler“ wäre, die unverzichtbaren Attribute der russischen Revolution auf mehr als einige Grundzüge auszudehnen, sie zu allgemeingültigen Gesetzmäßigkeiten der sozialistischen Revolution und des sozialistischen Aufbaus zu stilisieren, was jedoch später in der Stalin-Ära der Fall war. Ebenso wäre es verfehlt, außer Acht zu lassen, dass „nach dem Sieg der proletarischen Revolution, sei es auch nur in einem der fortgeschrittenen Länder, aller Wahrscheinlichkeit nach ein jäher Umschwung eintritt, dass nämlich Rußland bald danach nicht mehr ein vorbildliches, sondern wieder ein (im sowjetischen und im sozialistischen Sinne) rückständiges Land sein wird“. Was Lenin nicht durchschaute, war – Bollinger verweist darauf – dass die neue Macht und ihre Träger – die Politiker und Funktionäre in Partei, Staat und Wirtschaft und erst recht in den Sicherheitsapparaten – ein Eigenleben entwickelten und selbst zu einer in sich strukturierten machtausübenden Schicht, zu einer „bürokratischen Klasse“ wurde.

Zahlreiche längere zeitgenössische Texte neben Tabellen und Eckdaten ergänzen die faktenreiche Darstellung. In seine Analyse bezieht Bollinger die Rezeption der russischen Revolution durch die heutige Linke ein und findet, dass nicht nur sie das Kind mit dem Bade ausgeschüttet hat.

Stefan Bollinger: Oktoberrevolution. Aufstand gegen den Krieg 1917-1922. edition ost 2017, 224 Seiten, 14,99 Euro. ISBN 978-3-360-01882-3