Die letzte (?) Melodie & Rhythmus

Von Ralf Richter

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Die Produktion von „Melodie & Rhythmus“ wird vorerst eingestellt – als Grund gibt der Verlag Geldmangel an. Wenn man die vorläufig letzte Ausgabe mit dem Titel-Thema Afrika in den Händen hält, stellt sich ein doppelter Schmerz ein: einerseits über den neuerlichen Verlust eines Stückes ostdeutscher Identität – und andererseits tut es auch weh, zu sehen, was fast 30 Jahre nach dem Ende des Staates, der sie geschaffen hatte, aus der Publikation geworden ist. Das beginnt ganz einfach mit der Titelseite. Unter „Melodie & Rhythmus“ steht klein „Magazin für Gegenkultur“. Wer in einem Anflug von Nostalgie nach der letzten Melodie & Rhythmus greift, wird sie möglicherweise entsetzt durchblättern und zur Seite legen – was ist nur aus der Ostmusikzeitschrift geworden? Die Zeitschrift ist wie ein Haus aus DDR-Zeiten im Jahr 2018: Die äußere Hülle ist mehr oder weniger stark geliftet, aber gleichwohl noch wiedererkennbar, und erinnert noch stark an damals – aber der Inhalt hat mit dem einstigen absolut nichts mehr gemein. Aus dem einstigen Musikmagazin ist eine linke Publikation mit breitem Themenspektrum geworden.

Was bleibt aus einer Zeitepoche? Es sind die Bauten, es ist die Literatur, die Malerei und es sind tatsächlich Melodien & Rhythmen. Bei letzteren gesellt sich hier zur Erinnerung an Klassik-Konzerte mit Stücken von Beethoven oder Bach auch die an Zeitgenössisches aus einer 40jährigen Epoche. Das ist ein weites Feld, welches sich von politischer Musik (Oktoberklub) über Schlager (Frank Schöbel) oder Humoresken (Helga Hahnemann) bis hin zu Alternativem (Gerhard Schöne bis 1989) zieht. Es sind die Erinnerungen an Konzerte – wie das legendäre Joe-Cocker-Konzert in Dresden – oder den Auftritt der Ersten Allgemeinen Verunsicherung im Hygienemuseum. Dazu kommen Jazz und nicht zuletzt auch die Platten von denen, die hier zur DDR-Zeit gehört wurden, aber bis zum Ende des kleinen Landes nicht auftraten – wie Johnny Cash, der erst nach der „Wende“ in den Osten kam.

Ein aktuelles „Magazin für Gegenkultur“ braucht keine Rücksicht zu nehmen auf das, was war – eine „Melodie und Rhythmus“ dagegen müsste es durchaus. Das denken diejenigen vielleicht, die die DDR und damit die „Melodie & Rhythmus“-Zeit zu einem Teil bewusst in Ostdeutschland miterlebt haben. Aber ist die Zeitschrift für sie überhaupt gemacht? Bestimmt nicht. Die alte Brille taugt nicht für das neue Blatt. Wenn überhaupt „klassische Themen“ angefasst werden, dann aus ganz neuer Perspektive – zum Thema Afrika gäbe es vieles zu sagen, allein zur Sektion Afrikanistik an der Uni Leipzig. In der M & R äußert sich auf einer halben Seite ein DDR-Berater des Erziehungsministeriums in Mosambique – aber es fehlt der Überblick über das breite Engagement des sozialistischen Lagers in ganz Afrika von Algerien bis Südafrika. Die Verehrung für die Leistungen Kubas spielt auch eine Rolle – eine schwedische Punk-Rock-Band hat eine CD mit entsprechendem Inhalt aufgenommen und Moshe Zuckermann, ein renommierter Professor an der Uni in Tel Aviv, schreibt über Louis Armstrong und sein Lied „What a wonderful world“. Dieser Artikel hätte allerdings auch zu DDR-Zeiten in der M & R stehen können, genauso wie der Innenteil, in dem unter der Rubrik „Kritik und Reflexion“ 16 neue CDs vorgestellt werden.

Insgesamt ist das „Magazin für Gegenkultur“ ganz sicher keine „Melodie & Rhythmus“. Es ist viel mehr und viel weniger zugleich: Die frühere M & R wollte alle Musikinteressierten eines 17 Millionen-Einwohner-Landes erreichen und sie über das Neueste aus der Rock-, Pop- und Schlagszene informieren. Das heutige Magazin für Gegenkultur aber steht weiter links als die „alte“ M & R. Hier wird aus marxistischer Perspektive argumentiert, man wendet sich gegen das, was in heute der Gesellschaft Konsens ist oder unter den Teppich gekehrt wird – aus linker Perspektive. Es geht um Neokolonialismus, Afrika aus afrikanischer Perspektive und Sozialkritik. Ein Fotograf besucht seit Jahren in Ludwigshafen, der Altkanzler-Kohl-Gegend, die Ärmsten der Armen immer wieder und schildert seine Eindrücke zu den Fotos. Es ist ein Kulturmagazin für den ganzen deutschen Sprachraum. Braucht man das überhaupt? Aber ja doch! Die M & R sollte unbedingt eine Chance haben, weiter zu existieren, denn längst rollt die rechte Kulturrevolution durch Europa und in dieser Phase braucht es dringend ein Gegengewicht – eben doch ein Magazin für linke Gegenkultur, was die M & R nie war. Der Name „Melodie und Rhythmus“ führt nur in die Irre, der kann und wird fallen. Die Autoren stehen nicht in der Tradition des Heftes und können es aus vielerlei Gründen auch gar nicht sein. In welcher Form es weiter geht, ist noch nicht klar, aber wer auf www.melodieundrhythmus.com geht oder die junge Welt liest, wird es erfahren, so viel steht fest. Und das Beste ist: Wir alle können dafür etwas tun! Mehr dazu im Interview mit der Chefredakteurin Susann Witt-Stahl, demnächst hier in der Links!