Afrika in Moabit

Die Internationale Rosa-Luxemburg-Konferenz widmete sich dem Nachbarkontinent. Ralf Richter hat sie besucht

Für den Anfang war es schon ganz gut: „Amandla! Awethu!“ Die Schauspielerin Gina Pietsch, Sängerin, Schauspielerin und Brecht-Interpretin, die neben Dr. Seltsam im Hotel Mercure in Berlin-Moabit durch das Programm der Konferenz führte, übersetzt das Motto des Tages: „Amandla, wie es Nelson Mandela dem Volke zurief, heißt so viel wie ,die Macht‘. Die Masse ruft darauf zurück: Awethu! Das heißt wiederum so viel wie ,dem Volke‘.“ Das Ganze wird gleich im Saal, der einer überdimensionierten Mitropa-Halle gleicht, praktiziert. Damit sind die Wörter klar – mehr wird an der Stelle nicht vermittelt, das würde auch zu weit führen. Es hätte es sich aber gelohnt, an anderer Stelle tiefer ins Motto und nach Südafrika zu gehen, denn die Grußformel der Anti-Apartheid-Bewegung wird heute gern von (linken) Gegnern des ANC benutzt. Mit dieser Grußformel aber ist noch weit mehr verbunden: Sie eint die wichtigsten Stämme Südafrikas, denn sie hat in beiden Sprachen Xhosa wie Zulu die gleiche Bedeutung. Regierte mit dem ersten schwarzen Präsidenten Nelson Mandela ein Xhosa, so regiert heute mit Jacob Zuma ein Zulu. Das ist überhaupt keine Selbstverständlichkeit. Die weißen Apartheidsregierungen hatten bis 1994 nicht nur Weiße, Asiaten und Farbige begünstigt und Schwarze unterdrückt und ausgebeutet, sie hatten zugleich auch sehr viel getan, um die Schwarzen in Südafrika zu spalten. Da Xhosa und Zulu die mit Abstand stärksten Bevölkerungsgruppen in Südafrika sind, unterstützte sie eine Seite, die Zulu, förderte ihren Separatismus und setzte sie sogar als Schläger in Townships ein. Das hat Auswirkungen bis in die Gegenwart: Im ANC gab es schon immer mehr Xhosa, während sich Zulu anderweitig organisierten. Südafrika, das der Konferenz das Motto gab und in dem sich so viel abspielt, was ganz Afrika betrifft, bleibt leider auf der Konferenz völlig unterbelichtet.

Die fehlende Tiefe der XXIII. Internationalen Rosa-Luxemburg-Konferenz kommt allerdings sowohl Veranstaltern wie dem Publikum entgegen – allzu sehr hatte man in den letzten Jahren den Schwerpunkt auf Lateinamerika gelegt. Russland, China – überhaupt Asien oder Afrika spielten kaum eine Rolle. Wenn man sich aber zu lange auf einen Schwerpunkt fixiert, droht die Gefahr, Schlagseite zu bekommen und den Rest der Welt aus den Augen zu verlieren. Etwas zerknirscht wurde denn auch eingestanden, dass man mit der Idee der konferenzbegleitenden Kunstausstellung gescheitert ist: Eigentlich wolle man unter dem Motto „Afrika am Scheideweg – Aufbau oder Migration“ Kunst von afrikanischen Künstlern zeigen. Nun zeigte man mit wenigen Ausnahmen Kunstwerke von Deutschen, die zwar exakt zum Thema passen, aber genau das wollte man gar nicht machen. Die Ursache? „Weil wir kaum Kontakte nach Afrika haben.“ Wenn man an die engen Kontakte der DDR zu Äthiopien, Angola, Algerien, Namibia, Libyen und Mosambique denkt und weiß, dass der derzeitige wichtigste Oppositionspolitiker Kenias Raila Odinga schon mal zum Ehemaligentreffen der Absolventen der Uni Magdeburg fährt und ein guter Freund der Sohnes von Stephan Hermlin, dem bekannten Swing-Musiker Andrej Hermlin ist, der seinerseits mit einer Kenianerin verheiratet ist und Kenia gut kennt und gelegentlich dort lebt, hätte man doch nur innerhalb Berlins die Beziehungen spielen lassen können – es wäre so viel möglich gewesen.

Was ist gelungen? Sehr, sehr vieles! Bei allen Schwächen ist es ein Aufbruch zu neuen Ufern, und nur weil die allzu fremd scheinen und vernachlässigt wurden in den letzten Jahrzehnten, fällt es nicht so ganz leicht, überhaupt einen Kurs zu finden. Zu vieles soll vermittelt werden, weil so vieles unbekannt ist. Deshalb gibt es erstmals keine richtigen Pausen. Das Programm beginnt 10:20 Uhr mit der Ingoma-Trommelgruppe Berlin (eine gemischte afrikanische Gruppe, die richtig für Stimmung sorgt – da kommt lautstark buntes optimistisches afrikanisches Leben in die Bude) und endet mit Singen der Internationale 20 Uhr. Dazwischen jede Menge Informatives. Der Umweltschützer, Dichter und Träger des alternativen Nobelpreises Nnimmo Bassey aus Nigeria berichtet darüber, wie sich Ausbeutung und Umweltverschmutzung für das internationale Kapital rentiert. Eine ehemalige Sozialministerin (Clothilde Ohouochi) der Elfenbeinküste erzählt von der Einmischungspolitik des französischen Imperialismus ihr Land betreffend. Eine Brücke von Asien nach Afrika schlägt Professor Xiaoquin Ding von der Uni Shanghai mit seinem Vortrag „Wie unterscheidet sich Chinas Rolle in Afrika von jener der imperialistischen Hauptmächte?“ Zum ersten Mal erfahren Zuhörer in Berlin etwas zu den verschiedenen Phasen der chinesischen Afrikapolitik, die sich wandelte von einer reinen Unterstützungspolitik hin zu einer Partnerschaft – sicherlich hätte es jede Menge Fragen gegeben, aber der Zeitplan lässt das nicht zu. Da kommt der Vize-Außenminister Venezuelas mit einer Delegation seines Landes und erläutert schnell die Lage in seinem Land, es gibt Grußbotschaften aus einem Gefängnis in den USA sowie vom Generalsekretär der Kommunistischen Partei Israels. Der kubanische Philosoph und Journalist Enrique Ubieta erläutert die kubanischen Einsätze in Afrika damals und heute – dazwischen viel Musik, Kunst-Performances. Eine Initiative erinnert an Oury Jalloh, den Senegalesen, der 2005 in einem Dessauer Polizeiarrest unter bis heute ungeklärten Umständen verbrannte. Kurz: Das Programm hätte für zwei Tage locker gereicht – für einen Tag war es der totale Overkill, wie man Neudeutsch zu sagen pflegt. Im Ohr behält man die Bemerkung Achille Mbembes, Professor aus Kamerun, der derzeit in Johannesburg lehrt und über die Afrikanisierung der Welt spricht: „Zwölf Stunden fliegt das Flugzeug von Casablanca bis Kapstadt – so groß ist Afrika – und der Kontinent hat auf absehbare Zeit mit Abstand die jüngste Bevölkerung der Welt. In Afrika steht die letzte Frontlinie gegen das Kapitalismus – in der Gegenwart wird das nur einem Land verstanden: In China!“

Wer nach diesem Tag keine Lust auf Afrika hat und nicht nach afrikanischen Kulturvereinen in der Umgebung schaut, dem ist nicht zu helfen. Fazit: Die „unbekannten Nachbarn“ werden sich in der nächsten Zeit näherkommen – und das wird zu vielen neuen Erkenntnissen auf beiden Seiten führen. Die Veranstalter der Rosa-Luxemburg-Konferenz aber müssen sich überlegen, ob sie entweder die Konferenz auf zwei Tage ausdehnen, was vermutlich an der Kostenfrage scheitert, oder eine andere Lösung finden, in dem man parallel in Räumen mehrere Veranstaltungen stattfinden lässt. Alles kann man sowieso nicht in sich aufnehmen. Entweder Reduktion oder Neu-Organisation sollte im nächsten Jahr allen Beteiligten im wahrsten Sinne des Wortes etwas Luft schaffen – und die soll ja in Berlin bekanntlich besonders gut sein. Aber ganz Afrika an einem Tag? Es war ein Versuch, für den man auf jeden Fall dankbar sein sollte. Allen Widrigkeiten zum Trotz war es ein wundervoller Tag. Die Besucher waren am Ende zwar ziemlich fertig, aber irgendwie doch auch sehr zufrieden, weil es sich gelohnt hat.