Kennedys späte Erkenntnis

Von Prof. Dr. Horst Schneider

Im Oktober 2017 ging eine Nachricht um die Welt, die überall große Aufmerksamkeit erregte. US- Präsident Ronald Trump hat zugestimmt, dass die Geheimakten, die den Mord an John F. Kennedy am 22. November 1963 betreffen, veröffentlicht werden dürfen. Zwar ist damit nicht klar, ob die Dienste Brisantes zurückbehalten oder schon vernichtet haben, aber mit dieser Entscheidung wird der Streit über Kennedys Politik und Tod neu angefacht. Zwei Drittel aller USA-Bürger glauben nicht, dass damals mit Lee Harvey Oswald der wahre Einzeltäter verhaftet und umgebracht wurde.

Viele bringen den Mord in Zusammenhang mit dem Auftritt des US-Präsidenten am 10. Juni 1963 an der Universität in Washington. Der Auftritt trug den Titel „Über eine Strategie des Friedens“. Einleitend erklärte Kennedy: „Ich habe … diesen Zeitpunkt und diesen Ort gewählt, um ein Thema zu erörtern, über das zu oft Unwissenheit herrscht und bei dem die Wahrheit zu selten gesehen wird – und doch ist es eines der wichtigsten Themen auf Erden: der Weltfrieden.“ Der Frieden könne und dürfe nicht eine Pax Americana sein, „die der Weit durch amerikanische Waffen aufgezwungen wird“. Kennedy sprach von einem „echten Frieden“, der es allen Menschen und Nationen ermöglicht, ein besseres Leben aufzubauen.

Kennedy verwies auf die neue Qualität der Vernichtungswaffen: „Ein totaler Krieg ist sinnlos.“ Er wandte sich gegen die These, wonach die Hochrüstung („Abschreckung“) das einzige Mittel sei, um die Sowjetunion vom Angriff abzuhalten: „Die Beseitigung des Krieges und der Waffen liegt eindeutig im Interesse des einen wie des anderen.“ Kennedy ging davon aus, dass Menschen die Probleme schaffen, also Menschen sie auch lösen können und müssen: „Der Weltfriede … erfordert nicht, dass einer den anderen liebt. Er erfordert lediglich, dass man in gegenseitiger Toleranz miteinander lebt, seine Streitfälle einer gerechten und friedlichen Lösung unterwirft.“

Nachdem Kennedy Grundsätzliches und damals Ungewöhnliches zur Notwendigkeit und den Bedingungen eines echten Friedens gesprochen hatte, wandte er sich den Beziehungen der USA zur UdSSR zu: „Lassen Sie uns zweitens unsere Haltung gegenüber der Sowjetunion überprüfen.“ Um die Bedeutung dieser Aufforderung zu verstehen und zu würdigen, muss berücksichtigt werden, dass damals die Achse der Weltpolitik, der kalte Krieg und die NATO-Strategie vom Ost-West-Konflikt bestimmt wurden. Kennedy kennzeichnete die Grundeinstellung der US-Bürger so: „Wir Amerikaner empfinden den Kommunismus als Verneinung der persönlichen Freiheit und Würde im tiefsten abstoßend. Dennoch aber können wir das russische Volk um viele seiner Leistungen willen – sei es in der Wissenschaft und Raumfahrt, in der wirtschaftlichen und industriellen Entwicklung, in der Kultur und in seiner mutigen Haltung rühmen.“

Hier ist nicht der Platz, um die vielen Vorschläge zur Verbesserung der amerikanisch­sowjetischen Beziehungen aufzuzählen, obwohl viele von aktueller praktischer Bedeutung sind. Zu diesen Maßnahmen sollten gehören: Rhetorische Feindseligkeit war zu vermeiden. Die USA wollten mit jedem Land auf der Erde in einen friedlichen Wettstreit treten. Erste Schritte der Rüstungskontrolle sollten die Intensität des Wettrüstens bremsen. Eine etappenweise allgemeine und vollständige Abrüstung sollte eingeleitet werden. Kernwaffenversuche in der Atmosphäre, im kosmischen Raum und unter Wasser sollten verboten werden (Ein entsprechender Vertag wurde am 5. August 1963 in Moskau abgeschlossen).

Kennedy schloss seine Rede: „Wir stehen nicht hilflos vor dieser Aufgabe und sind nicht hoffnungslos im Hinblick auf ihren Erfolg. Voller Vertrauen und ohne Furcht werden wir weiter arbeiten, nicht in Richtung auf eine Strategie der Vernichtung, sondern in Richtung auf eine Strategie des Friedens.“

Die beiden Hauptaufgaben, die Kennedy 1963 nannte – die Atomwaffen abzuschaffen und Beziehungen der friedlichen Koexistenz zwischen der UdSSR und den USA herzustellen – sind 65 Jahre später unerfüllt. Die USA verfolgen bis heute eine Strategie des Krieges und der Aggressionen. Ob der US-Präsident mit seiner Rede 1963 sein Todesurteil gesprochen hat, ist weder bewiesen noch widerlegt. Es ist aus vielen Gründen auch nicht zu erwarten, dass die Hintergründe und Hintermänner des Mordes entlarvt werden.