Freiheit und Einheit

Jour fixe spécial: Peter Brandt erzählt, liest und diskutiert über sein geschichtspolitisches Lebensthema. Von Wulf Skaun

Doppelter Jour-fixe im November. Bereits eine Woche nach der turnusmäßigen 27. Runde, über die in dieser Ausgabe ebenfalls berichtet wird, ging Nummer 28 als Spécial über die Leipziger Bühne der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen. Das Besondere hat einen Namen: Peter Brandt (69). Der älteste Sohn Willy Brandts ist nicht nur ein vielgefragter, sondern auch vielgesichtiger Mann. Mit Alttrotzkist, Historiker, Universitäts-Professor, Buchautor, Vorstandsmitglied von Historischer Kommission der SPD und Friedrich-Ebert-Stiftung ist er unvollständig beschrieben. Klaus Kinners Vorstellung im vollbesetzten Salon des Hauses umfasst etliche Ämter und Funktionen mehr, darunter den Vorsitz im wissenschaftlichen Beirat für die neue Dauerausstellung im Geburtshaus von Karl Marx in Trier. Kinner würdigt auch die wissenschaftlichen Leistungen des Experten für Neuere Deutsche und Europäische Geschichte. Dass der linke Sozialdemokrat als Brückenbauer eines kooperativen Verhältnisses seiner Partei zur entschiedenen Linken gilt, verleiht dem Abend einen Hauch von „Brüder in eins nun die Hände“-Atmosphäre.

Peter Brandt hat seine in diesem Frühjahr bei edition bodoni erschienenen beiden Anthologiebände „Freiheit und Einheit“ mitgebracht. Sie sind angefüllt mit Vorträgen und Essays aus den Jahren 1982 bis 2017. Statt eines Vortrags werden diese in jeder Beziehung schwergewichtigen Geschichtsbücher Quelle einer bekömmlichen Mischung aus Erzählung, Lesung und Dialog mit dem diskursfreudigen Auditorium. Der Historiker nimmt es zunächst mit auf eine Tour d’Horizon durch beide Druckwerke. Band eins beinhaltet Beiträge über die deutschen Freiheits- und Einheitsbestrebungen während des 19. Jahrhunderts. Im zweiten Teil werden „Fortschritt und Reaktion in Deutschland während des 20. Jahrhunderts ? das Nationale und das Universale“ verhandelt. Für das Leipziger Publikum wählt der Autor aus dem Kosmos seiner geschichtspolitischen Betrachtungen drei Lesestellen aus, die, Vortragserfahrung, „Ostdeutsche für sich als besonders interessant markieren“.

„Revolution muss Spaß machen“

Bereits die erste Textdarbietung zur Idee der nationalen Einheit demonstriert Peter Brandts redlich- bedachtsamen und historisch-konkreten Umgang mit Andersdenkenden. So gibt seine Kritik an Alexander Abuschs (KPD) vereinfachte, auf zwei Klassenlinien in der deutschen Geschichte verengte Auffassungen in dessen Schrift von 1945 „Der Irrweg einer Nation“ zu bedenken, dass es dem Autor primär darum ging, die Kontamination des Nationalen durch den Faschismus herauszuarbeiten.

Als Wertschätzung für die im Westen lange Zeit desavouierte DDR-Geschichtswissenschaft darf Brandts Hommage an Ernst Engelberg gelten. Dessen Bismarck-Biografie war 1985 in beiden deutschen Staaten gleichzeitig erschienen. Mit Genugtuung registriert das Publikum, dass der feinfühlige Gast Engelbergs Verständnis von Epoche, Revolution und Evolution, von Erbe- und Traditionspflege mit dem Hinweis auf das verdienstvolle Wirken der Leipziger Universalhistoriker Walter Markov und Manfred Kossok verbindet, die zu den Gründungsmitgliedern der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen gehörten.

Aus dem zweiten Band von „Freiheit und Einheit“ liest Brandt Passagen seiner 2008 verfassten Rückschau auf die „radikale Demokratiebewegung“ des Jahres 1968, an der er als junger Trotzkist beteiligt war. Im Zentrum stehen die Studentenproteste des SDS und als Personifizierung der Revolte Rudi Dutschke, dessen „Revolution muss Spaß machen“ eine mit Marx, Korsch und Lukács eher deterministisch als voluntaristisch gedachte Losung gewesen sei.

Kalkulierte Zweideutigkeit Willy Brandts

Die Diskussion nimmt sogleich Fahrt auf, als nach der Rolle des Trotzkismus in Geschichte und Gegenwart gefragt wird. Brandt weiß, dass auch seine eigene trotzkistische Jugendphase angesprochen ist. So antwortet er ohne Umschweife, dass er dieser linksradikalen Strömung von etwa 1965 bis 1975 anhing, bis er begriff, dass auch die ehernen Dogmen des Trotzkismus keiner freiheitlich-demokratischen Bewegung galten. Längst zu zersplittertem Sektendasein verkümmert, wisse der Trotzkismus von heute keine Antwort auf die aktuellen Epochenprobleme. Seine einstige Opposition gegen die Stalin-Diktatur habe aber Stalinismus-Gegner geprägt. Aus dem Publikum unterstreicht Peter Porsch diesen Gedanken, indem er an Ernest Mandels Einfluss in eigener Studentenzeit erinnert.

Die Frage um eine „Bremser“-Rolle Willy Brandts und Egon Bahrs im deutschen Vereinigungsprozess beantwortet Peter Brandt jenseits bekannter Urteile. Mit Willy Brandts sich scheinbar widersprechenden öffentlichen Äußerungen von 1988 „Die Hoffnung auf Wiedervereinigung wurde geradezu zur Lebenslüge der zweiten deutschen Republik“ und von 1989 nach dem Fall der Berliner Mauer „Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört“ konfrontiert, überrascht Brandt-Junior mit Wissen aus nächster Nähe. Das Lebenslüge-Zitat interpretiere er als „kalkulierte Zweideutigkeit“. Sein Vater habe bei der deutschen Einheitsfrage die Silbe „Wieder“ betont wissen wollen als Mahnung gegen alles Imperiale, das es schon mal gab; auch als Reflex auf westdeutsche Wiedervereinigungspläne, die noch bis 1970 auf eine Revision der Ostgrenzen nach Polen orientiert waren. Das populäre Wortspiel vom Zusammenwachsen legitimiere pointiert das real Geschehene. „Der Fuchs“ Egon Bahr sei erst aus seiner Strategie zu verstehen: das Eisen im Feuer halten, aber nie davon reden. Bahr habe in staatsrechtlich-diplomatischen Kategorien, nicht in bürgerbewegten Szenarien gedacht, an Wege zur Gesamtstaatlichkeit, an der auch die DDR-Führungsschicht hätte beteiligt werden müssen.

„An mir liegt es nicht!“

Wie solle sich das Verhältnis zwischen SPD und Linkspartei entwickeln? Peter Brandts Haltung ist eindeutig. Beide müssten endlich zu gemeinsamem, langfristigem Dialog finden, in dem mit offenen Karten gespielt werde, um eine sach- und problemorientierte Zusammenarbeit zu organisieren. Das verbiete es, auf je eigenen Grundsatzpositionen und alten Klischees zu beharren. Wenn sich beide Parteien ein realistisches Bild von den Leuten an der jeweils anderen Basis verschafften, würden sie nach seiner Erfahrung mehr Gemeinsamkeiten vorfinden als vermutet. Auf Klaus Kinners Einwurf, es sei nicht einmal gelungen, die Historischen Kommissionen beider Parteien zusammenzubringen, reagiert sein Kollege prompt:

„An mir liegt es nicht!“

Warum die SPD, anders als die CDU, keine früheren SED-Mitglieder, die sich für einen demokratischen Sozialismus in der DDR stark gemacht hatten, in ihre Reihen aufgenommen habe, lautet eine weitere Frage. Brandt glaubt, zwei Gründe hätten in SPD-Kreisen gegen einen solchen Schritt gesprochen: Befürchtungen, durch Masseneintritte früherer SED-Genossen minorisiert zu werden und mangelndes Interesse der anders sozialisierten Schröder-Generation, die die Intentionen Brandts und Bahrs gar nicht verstanden hätten und sich zudem böswilligen Angriffen von rechts, mit SED-Leuten zu mauscheln, nicht aussetzen wollten.

Selbstkritik von SPD und Linkspartei notwendig

Die Frage, wie der sozialen Polarisierung, der Kluft zwischen Profitwachstum und Stagnation der Reallöhne Einhalt geboten werden könne, veranlasst den Historiker, seinen politischen Standort zu benennen: „Ich bezeichne mich als Sozialist. Was mit 1917 passierte, hat den Begriff Kommunismus diskreditiert. Sonst hätte ich im Sinne des Kommunistischen Manifests auch Kommunist genannt werden können.“ Trotz höheren Lebensstandards in den entwickelten Ländern halte er den Kapitalismus als Weltsystem für brüchig. Hier sei mehr Systemkritik dringend geboten. Aber praktische Lösungen seien schwierig, da die „Arbeiterklasse an sich, aber nicht mehr für sich“, zahlenmäßig noch am größten als „Dienstleistungsproletariat“, existiere.

Dankbar zeigt sich Peter Brandt für die Frage, für wie stabil er die Berliner Republik angesichts einer schockierenden Rechtsentwicklung halte. Sie gibt ihm Gelegenheit, noch einmal vereinte Anstrengungen von SPD und Linkspartei einzufordern, deren Defizite, „nicht mehr an bestimmte Gruppen des arbeitenden Volkes heranzukommen“, und weil sie als Teil des „etablierten politischen Spektrums wahrgenommen“ werden, die Rechtsaußen-AfD gestärkt habe. „Das ist gefährlich. Ich sehe aber keine faschistische Gefahr in Deutschland.“ Statt moralisierend die „bösen Führer“ der AfD aufs Korn zu nehmen, sei ein selbstkritischer Ansatz der beiden linken Parteien vonnöten. Ich hoffe, dass die SPD aus ihrer Wahlkatastrophe Lehren zieht. Und mit erhobener Stimme: „Ich sage eins: Wir müssen wieder die soziale Frage ins Zentrum stellen!“

Herzlicher Applaus. „Brüder in eins nun die Hände“-Stimmung.