Ein Europäer aus Ostberlin

Dietmar Bartsch erinnert an den LINKEN-Politiker Dominic Heilig

Am 31. Oktober verstarb Dominic Heilig. Er wurde keine vierzig Jahre alt. Dominic war eines der größten politischen Talente unserer Partei. Und weit mehr als das. Er hat die Europa- und die Innenpolitik, die antifaschistische und die Menschenrechtspolitik unserer Partei und ihrer Bundestagsfraktion mit geprägt. Die Bundestagsfraktion DIE LINKE trauert um einen profilbestimmenden Mitarbeiter, ich habe einen verlässlichen Mitstreiter und guten Freund verloren.

In der PDS und in der LINKEN war Dominic unter anderem Bundesjugendreferent, mehrmals Mitglied des Parteivorstandes, Mitarbeiter von Bundestagsabgeordneten und der Bundestagsfraktion, Arbeitskreiskoordinator in der Fraktion, Leiter des Büros der Europäischen Linken und Mitglied im Vorstand der EL sowie Mitglied und Sprecher des Forums Demokratischer Sozialismus. Der in Ostberlin Geborene war ein leidenschaftlicher Europäer und Internationalist. Europa-Skepsis war ihm suspekt, Nationalismus zuwider. Kaum jemand erreichte eine solche Tiefe in der Analyse der europäischen Linken. Dominic beließ es nicht dabei. Solidarität hieß für ihn, aktiv zu handeln – im Kosovo, in Portugal, in Griechenland und an vielen weiteren Orten. Wenn unsere Partei mit einigem Erfolg auf den Weg ist, eine Partei des Demokratischen Sozialismus zu werden, dann auch und nicht zuletzt deshalb, weil es in ihr solche wie Dominic Heilig gibt, die fortführen und weiterentwickeln, was Michael Schumann, Lothar Bisky und andere begonnen haben.

In spielerischer Ernsthaftigkeit gelang es Dominic, schier Unvereinbares unter einen Hut zu bekommen. Er war Politiker und Publizist, Weltbürger und Fan bei Union Berlin an der Alten Försterei in Berlin-Köpenick. Dominic war Leitwolf und Mitarbeiter, DJ und Vortragsreisender, ein Taktiker mit offenem Visier, ein engagierter Moderator und sensibler Spötter. Vielen von uns bleibt er in guter Erinnerung als ein Paradiesvogel im schwarzen Dress.

Ich habe Dominic 2001/2002 kennengelernt. Er war mir immer ein fordernder und unbequemer, ein kluger und humorvoller Begleiter, Mitstreiter und Ratgeber. Rückschläge – sowohl für die Partei als auch für ihn selbst – haben ihn schmerzlich getroffen, weckten aber letztlich immer den Kämpfer in ihm. Aufgeben kam für ihn nie in Frage. Als ich vor rund zwei Jahren mit Dominic darüber sprach, ob er als Vorstandsreferent unmittelbar an meiner Seite arbeiten möchte, hatte er nur eine Bitte: „Sperre mich nicht im Büro ein! Ohne Reisen, ohne andere Kulturen, Laute, Gerüche, Geschmäcker und vor allem Menschen kann ich nicht sein!“

Dominic hat viele von uns bereichert, auch weil er selbst ein reiches Leben geführt hat. Ja, er nahm auch die Lebensfreude ernst! Seine große Liebe galt Lissabon – das war sein Lebensgefühl: als LINKER nicht in der Minderheit sein, mit Sozialistinnen und Sozialisten unter Sonnenschein leben, mit gutem Essen und Trinken das Dasein genießen. Und selbstverständlich liebte er als Weltbürger das Meer!

„Eisern Union“ war für den eher mäßig Fußballbegeisterten mehr Weltanschauung denn verbiesterter Wettstreit. Der Fußballverein hat sicher sachkundigere Mitglieder, aber an Leidenschaft ließ sich Dom nicht übertreffen.

Und – natürlich! – das Chagall, die Stammkneipe des fds in Berlin. Bei Dominic stand es für eine Lebenshaltung: LINKE dürfen vieles sein, aber nicht bierernst! Mit Trübsal lässt sich kein Marsch für eine bessere Welt blasen! Ein Buch hatte Dominic stets im Gepäck, und selbst beim Wissen aus der „BUNTEN“ konnte ihm so leicht niemand etwas vormachen! Enge Freunde wissen, mit Dom, wie wir ihn nannten, konnte man „Stadt-Land-Fluss“ auch zu italienischer Popmusik, Ostrock oder belgischen Interpreten spielen. Dominic musste und konnte alles aufsaugen: Politisches und Publizistisches, Musik und Literatur, Tanz und Film, Sport und Natur … Ein Leben im Dauerlauf, regeneriert wurde bei einer Kippe.

Dominic steckte voller Lebenswillen, doch eines Tages reichte die Kraft nicht mehr. Er ging am Reformationstag – ausgerechnet! So als wolle er sich mit einem Augenzwinkern von uns verabschieden. Seiner Partnerin, seinen drei Kindern, seinen Eltern und seiner Schwester gilt mein tiefes Mitgefühl. Vor meinem großartigen Weggefährten verneige ich mich. Wir LINKE müssen nicht gläubig sein, aber optimistisch: Vielleicht gibt es da oben ja doch ein Chagall …