Der Domino-Effekt wirkt fort

Jens-Paul Wollenberg mit einem Nachruf auf den Pionier des Rhythm And Blues

Fats Domino war stets mit sich im Reinen, ein unermüdlicher Musikant der allerersten Reihe, der es spielend vermochte, seine Zuhörerschar schon durch seine persönliche Ausstrahlung und seinen mitreißenden Musizierstil zu begeistern. Wie kein anderer chargierte er einen speziellen Sound der Musik von New Orleans, und seine Songs wurden in kürzester Zeit regelrechte Megahits.

Antoine Dominique Domino Jr erblickte am 10. Mai 1929 in New Orleans das Licht der Welt. Schon als kleiner Junge war von den Klängen des Boogie Woogie begeistert, auch tiefgründige Bluesballaden ließen ihn aufhorchen, Jazz und Ragtime ebenfalls. So lag es nahe, dass er bei einem verwandten Boogie-Pianisten Klavierunterricht nahm. Als Zehnjähriger bestritt er schon erste Auftritte in den unzähligen Bars seiner Heimatstadt, wo man ihn wegen seiner Körperfülle liebevoll „Fats“ taufte. Er wurde rasch populär, von Bar zu Bar empfohlen und im wahrsten Wortsinn herumgereicht. Mit vierzehn Jahren beschloss er, die Schule zu verlassen und professioneller Musiker zu werden. In dieser Zeit lernte er in einem Club „Professor Longhair“ kennen, den er später als seinen Meister bezeichnete. Der war der Wegbereiter des Rhythm And Blues schlechthin. Der als Bogalusa im Bundesstaat Louisiana stammende Pianist, der eigentlich Henry Roeland Byrd hieß, galt als eine Art Vaterfigur der Blues- und Jazz-Szene von New Orleans. „Professor Longhair“ wurde er genannt, weil es damals in den Rotlichtvierteln üblich war, dort auftretende Pianisten mit einem solchen Titel zu beehren, und weil er sein Haar wachsen ließ. Der spezielle Sound der New-Orleans-Musik war schon immer von kreolisch-karibischen Einflüssen geprägt, und „Longhair“ verschmolz geschickt Elemente von Calypso, Rumba- und Sambarhythmen. Seinen internationalen Durchbruch erlebte er jedoch erst 1973 beim Newport Jazz Festival und galt fortan als „der farbigste und einflussreichste Pianist seit Jelly Roll Morton, der aus dem Milieu von New Orleans emporgekommen ist“. Das jedenfalls äußerte ein äußerst kompetenter Musikjournalist einmal über ihn.

Doch zurück zu Fats Domino. Jobbte er anfangs noch als Pianist für ein geringes Honorar, wollte es ein glücklicher Umstand, dass er Anfang der Vierziger den Trompeter Dave Bartholomew traf. Der entdeckte sofort Fats‘ musikalische Begabung und holte ihn in seine Bigband. Bartholomew war ein geschickter Komponist und Arrangeur, der auch als guter Produzent galt. In ihm fand Fats Domino einen idealen Co-Autor, mit dem er fortan Songs kreierte, die, von Bartholomew produziert, schon bald auf Schellack auf den Markt kamen und im Nu die Charts der Rhythm And Blues-Szene eroberten.

1949 erschien die erste Single „The Fat Man“, die Anfang 1950 ein Riesenhit wurde. Auch seine Veröffentlichungen „Goin’ Home“, „Rocking Chair“, „Please, Don’t Leave Me“ und „Goin‘ To The River“ kamen gut an. Anfang der Fünfziger wurde die biedere Schlagerwelt der Weißen von den heißen Beats des Rhythm And Blues förmlich überrollt, das kam den schwarzen Protagonisten zugute. Dominos Einfluss auf den Rock’n’Roll, die Beatmusik, später Rock oder Pop geheißen – deren Ursprung liegt trotz aller modischen Tendenzen tief im Blues – war enorm. Schließlich überwand er scheinbar mühelos die Grenzen bisheriger Attribute. Dass er auch weiße Sänger beeinflusste, war aufgrund durch Medienpräsenz unvermeidlich. Seine Hits erreichten längst nicht mehr nur afroamerikanische Hörer.

Immerhin besannen sich selbst aufkommende „Paradiesvögel“ am Anfang ihrer glitzernden Karrieren noch auf die schwarzen Wurzeln „ihrer“ Musik, Elvis Presley sei erwähnt.

Dominos Songs, die er mit süffisanter Gelassenheit vorzutragen pflegte, untermalt durch virtuoses Klavierspiel mit Honky-Tonk-Flair, umgarnte ein unaufdringlicher, swingender Drive, dem man sich kaum entziehen kann. Auch seine soulige, bis ins hohe Alter jugendlich klingende Stimme strahlte eine faszinierende Kraft aus, fundamentiert vom Beat der Rhythmus-Instrumente und stark vom Chicago-Blues geprägten Bläsersätzen. Seine Texte, meist von augenzwinkernder Selbstironie, aber auch von überschäumender Leidenschaft geprägt, behandelten Themen wie den Verlust von Liebesbeziehungen, die Vergänglichkeit alles Irdischen, Sehnsüchte und Freuden, aber auch das Aufbegehren gegen leider noch immer präsente rassistische Tendenzen. In seinem bekanntesten Song „The Fat Man“ heißt es: „they call me the fat man / ‚Cause I weigh two hundred pounds / All the girls they love me / ‚Cause I know my way around – Sie nennen mich den fetten Mann, weil ich zweihundert Pfund wiege. Alle Mädchen lieben mich deshalb, denn ich weiß, wie man’s macht.“ Dass dieser Song in den Siebzigern vom ebenfalls schwergewichtigen Frontmann der Superboogieband „Canned Heat“, Bob Hite, sehr erfolgreich gecovert wurde, war gewiss kein Zufall. Doch nicht nur diese Band vergötterte Fats Domino, er galt vielen als Vorbild und musikalischer Wegweiser: David Bowie, Ricky Nelson, den Beatles, den Rolling Stones, Jimmy Rodgers, den Everly Brothers, Jerry Lee Lewis, Paul Anka, Elvis Presley …

Dominos Erfolg war nicht mehr aufzuhalten, er wurde ein Weltstar. Allein in den englischen Charts tauchten seine Lieder an die zwanzig Mal auf und erreichten Spitzenplätze, bis die Beatles auftauchten und das Blatt sich wendete. Mitte der 1960er Jahre überschwemmten britische Beatgruppen den amerikanischen Markt. Trotzdem blieb Fats populär und genoss hohe Anerkennung, auch weil die neue „Konkurrenz“ seine Songs mit neuem Gewand erfolgreich coverten. Er blieb auch ein gefragter Pianist bei zahlreichen Plattenproduktionen von Rockgiganten, so dass er keinesfalls „brotlos“ wurde. 1968 tauchte er wieder als Sänger auf, mit „Lady Madonna“ von Lennon und McCartney. Den Titel interpretierte er so leidenschaftlich, dass es wirkte, als stamme er aus seiner Feder. Das war ein überwältigender Wurf, der ihn in die internationalen Charts zurückbrachte.

1970 erhielt er das Angebot, bei Warner Brothers zu produzieren, und sein Album „Fats“ erschien. Er überzeugte mit Studioproduktionen und Livemitschnitten, zumal er im Blues-Revival den richtigen Nerv traf. 1974 trat er sehr erfolgreich beim Jazzfestival in Montreux auf.

Auch in den 80er Jahren endeten seine Konzerte nicht; den Blues als Grundlage seiner Musik stellte er nie in Frage. 1986 wurde er völlig zu Recht in die „Rock’n’Roll Hall of Fame“ aufgenommen, ein Jahr später erhielt der den „Grammy“ für sein Lebenswerk.

1990 kam das Livedoppelalbum „My Blue Heaven“ auf den Markt, das als eines seiner besten gelten kann. 1993 folgte eine große Tournee durch ganz Europa. 1998 würdigte US-Präsident Bill Clinton Fats Domino mit der „National Medal oft he Arts“. Trotz seines hohen Alters tourte Fats weiter durch die Staaten. Allmählich wurde es ruhiger um ihn, und er zog sich allmählich aus dem Musikgeschäft zurück. Regelmäßig stand er noch beim New Orleans-Festival auf.

Am 29. August 2005 löste Hurrican „Katrina“ eine große Flutkatastrophe aus. Am Tag zuvor hatte Fats Domino noch mit seinem Agenten telefoniert und ihm mitgeteilt, dass er trotz der behördlichen Aufforderung zur Evakuierung seine Wohnung nicht verlassen werde. Als der Hurrican abzog und eine überschwemmte Ruinenlandschaft hinterließ, galt Fats Domino als verschollen. Bis am 1. September im Radio die Nachricht verbreitet wurde, dass er mit einem Rettungsboot aus dem dritten Stockwerk seines Hauses gerettet worden sei!

2007 erschien sein Sampler „Goin‘ Home“, auf dem außer ihm auch namhafte Rockstars vertreten sind. Im Mai trat er im sehr angesagten „Tipitina’s“ in New Orleans auf. Am 20. Mai 2009 gastierte er beim Festival „The Domino Effect“, das ihm gewidmet war.

Er war unbestritten einer der bemerkenswertesten Musiker des Rhythm And Blues, dem es gelang, Grenzen zwischen Schwarz und Weiß, zwischen Jung und Alt zu überwinden. Am 24. Oktober 2017 ist Antoine „Fats“ Domino in Harvey, Louisiana im Alter von 89 Jahren gestorben.