Zum 100. Jahrestag an der Newa

Von Reinhold Gläß

Es war ein seit langem gehegter Wunsch, den 100. Jahrestag der (früher so genannten) „Großen Sozialistischen Oktoberrevolution“ in der Stadt zu verbringen, die am unmittelbarsten mit diesem Ereignis verbunden ist. Weil wir beide die Stadt aus touristischer Sicht schon mehr oder weniger gut kannten, machten wir uns erst am 5. November auf den Weg, um schwerpunktmäßig die mit der Revolution verbundenen Stätten noch einmal auf uns wirken zu lassen.

Der erste Eindruck ist für denjenigen Besucher, der vor einigen Jahren zum letzten Mal in der Stadt war, schon einmal positiv: Der Flughafen Pulkowo empfängt den Fluggast inzwischen mit einem nagelneuen, großzügig ausgelegten Terminal, der keine Wünsche offenlässt. Zwar hat der Flughafen nach wie vor keinen Schienenanschluss, aber man wartet maximal fünf Minuten (wenn man kein Taxi nehmen will), um per Bus oder Linientaxi zur nächstgelegenen U-Bahn-Station „Moskowskaja“ zu fahren. In der Stadt selbst ist dann ohnehin die Metro (wie in Moskau und anderen Megastädten) das schnellste Verkehrsmittel. Dazu geht es in der von St. Petersburg, verglichen mit Moskau, auch noch vergleichsweise entspannt zu. Und die Preise für alle genannten Verkehrsmittel betragen für unsere Verhältnisse moderate 40 Rubel, also etwa 58 Cent.

Angekommen in unserem direkt an der Newa und über einem Metrokreuz gelegenen Hotel „Moskwa“, hielten wir uns nicht lange auf, sondern machten uns gleich wieder auf den Weg zum „Newski-Prospekt“, der Hauptstraße von St. Petersburg. Dort sind, verständlich für eine 5-Millionen-Stadt, zu jeder Tages- und Nachtzeit sehr viele Menschen unterwegs. Aber am Spätnachmittag des Sonntages strömten ungewöhnlich viele – wie auch wir – in Richtung Schlossplatz.

Vom diesem Platz aus stürmten bekanntlich am 7. November 1917 bewaffnete Arbeiter, Soldaten und Matrosen das Winterpalais; Bilder dieses Ereignisses sind uns wahrscheinlich allen noch gut in Erinnerung. Aus jenem Anlass fand an diesem Abend eine grandiose Licht-Show statt. Dabei wurden in bewegten Bildern Szenen der russischen Geschichte vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis zum Bürgerkrieg in technisch beeindruckender Weise an die Front des Generalstabsgebäudes projiziert. Diese Präsentation lief mehrmals hintereinander ab, während in den Pausen internationale Aktionskünstlergruppen ihre Projekte zum Thema „St. Petersburg“ auf die gegenüberliegende Front des Winterpalais strahlten.

Der nächste Tag war dem Besuch von mit der Revolution verbundenen Stätten gewidmet. Zunächst fuhren wir zum Finnischen Bahnhof, auf dem Lenin nicht nur nach seiner berühmten Reise aus der Schweiz über Deutschland zum ersten Mal nach seinem Exil im April 1917 wieder in Russland eintraf, sondern auch zwei weitere Male nach Aufenthalten in Finnland. Die Lok, auf der Lenin, als Heizer verkleidet, das Land illegal wieder verließ und auf der er auch erneut einreiste, wurde 1957 der Sowjetunion von der finnischen Regierung geschenkt und kann auf dem Bahnhof besichtigt werden – was wir natürlich, gemeinsam mit einer Gruppe österreichischer Kommunisten, getan haben.

Danach legten wir ein paar rote Nelken am Lenindenkmal auf dem Bahnhofsvorplatz, heute (nach wie vor) Leninplatz, nieder. Das Denkmal zeigt Lenin bei seiner Rede vom Panzerwagen auf ebendiesem Platz unmittelbar nach seiner Rückkehr aus dem Schweizer Exil im April 1917, wo er seine berühmten „Aprilthesen“ skizzierte. Anschließend schlenderten wir zum Ufer der „Bolschaja Newka“, an deren gegenüberliegendem Ufer der symbolträchtige Kreuzer „Aurora“ zu sehen ist.

Ein weiteres „Muss“ in unserem Besuchsprogramm war der Smolny. Auf dem Weg von der U-Bahn dorthin durchquerten wir zunächst den Taurischen Park und sahen schon von der Rückseite das „Taurische Palais“, einen besonders prächtigen der vielen Petersburger Stadtpaläste. Die beiden Wachgebäude am Eingang zum weitläufigen, parkartigen Gelände des Smolny tragen Aufschriften wie „Proletarier aller Länder, vereinigt euch“. Beim weiteren Gang Richtung Smolny-Institut passiert man zwei Statuen von Marx und Engels zu beiden Seiten des Wegs. Dann steht man vor dem berühmten Gebäude des von Katarina der Zweiten als Schule für adlige Töchter errichteten Instituts, das dem unmittelbar benachbarten Smolny-Kloster angeschlossen war. Leider beherbergt das Gebäude kein allgemein öffentlich zugängliches Museum; immerhin wurde von hier aus der bewaffnete Aufstand selbst geleitet. Lenin, Trotzki und weitere Revolutionsführer arbeiteten hier während der Oktoberereignisse. Heute ist im Smolny ein Teil der Stadtverwaltung von St. Petersburg untergebracht.

Nach einem Blick in den Innenhof und auf die Kirche des Smolny-Klosters passierten wir auf dem Rückweg das Taurische Palais an seiner Vorderfront. Dieses Gebäude hat insofern einen Bezug zur Oktoberrevolution, als hier der Petrograder Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten seinen Sitz hatte. Der Name des Palastes rührt daher, dass ihn Katharina II. ihrem Feldherrn und Geliebten, Fürst Potjomkin, zum Geschenk für dessen erfolgreiche Eroberung der Krim in den Kriegen gegen die Türkei machte („Taurien“ ist frühere Bezeichnung der Krim). Heute ist das Taurische Palais Sitz der Interparlamentarischen Versammlung der Staaten der GUS.

Ausklingen ließen wir den Tag mit einem Besuch des vor allem innenarchitektonisch sehr interessanten Neuen Marijnskij-Theaters, wo wir die Aufführung eines Prokofjew-Balletts sahen. Den nächsten Tag, den 7. November selbst, wollten wir Veranstaltungen widmen, die unmittelbar mit dem berühmten Jubiläum zu tun hatten. Das Wetter war für Petersburger Verhältnisse in dieser Jahreszeit ungewöhnlich schön. So konzentrierten wir uns auf Unternehmungen im Freien, obwohl auch in etlichen Museen und anderen Kulturstätten Ausstellungen und weitere Veranstaltungen zum Jubiläum stattfanden.

Wir machten uns erneut auf den Weg zum Finnischen Bahnhof, wo sich schon eine ganze Anzahl von Menschen am Lenindenkmal versammelt und Blumengebinde niedergelegt hatte. Revolutionäre Musik leitete in ein Meeting der Kommunistischen Partei „Kommunisten Russlands“ über. Dabei handelt es sich um eine kommunistische Splitterpartei, die sich – zusammen mit einer weiteren – im Jahre 2012 gegründet hat und die Wert auf eine deutliche Abgrenzung zur KPRF legt. Sie hält sich für die legitime Nachfolgerin der KPdSU und die Partei Lenins, während die KPRF ihrer Meinung nach einen zu opportunistischen Kurs fährt.
Es erschien der Parteivorsitzende, „Genosse Maxim“, der eine rhetorisch brillante und extrem kämpferische Rede vom Denkmal aus hielt. Anschließend kamen weitere Mitglieder der Führung der Partei, u. a. ein ehemaliger Gouverneur des Leningrader Gebiets und der Vorsitzende des Komsomol, zu Wort.

In jedem Falle interessant, gleichgültig, wie man es bewertet, war es zu hören, wie sich der Diskurs unter den Linken (das wäre auch bei der KPRF nicht prinzipiell anders gewesen) von unserem unterscheidet. So spielt beispielsweise die Kategorie „Patriotismus“ eine herausragende Rolle und das Verhältnis zu Lenin, vor allem aber zu Stalin, ist ein gänzlich anderes. So wurde u. a. ein neu gestifteter „Orden der Oktoberrevolution“ mit der Nr. 1 symbolisch an Lenin und der Nr. 2 an Stalin verliehen. Dies wurde mit einem entsprechenden Plakat, das am Denkmal angebracht wurde, symbolisch dargestellt. Im Übrigen ging es vor allem darum, zumindest die sozialen Errungenschaften der Sowjetunion wenigstens schrittweise wieder herzustellen. Die Notwendigkeit hierfür wurde mit vielen einleuchtenden Argumenten gut begründet.

Aus einer Reihe von Ergebnissen von Umfragen unter der russischen Bevölkerung wurde viel Optimismus dafür geschöpft, dass nach zeitweiligen Rückschlägen die kommunistische Bewegung doch noch siegen würde: Beispielsweise hielten mittlerweile über 46 Prozent der Bevölkerung das sowjetische für das bessere Gesellschaftssystem und die absolute Mehrheit sieht die Oktoberrevolution und ihre Ergebnisse überwiegend positiv. Daher war es folgerichtig, dass zum Abschluss des Meetings der nahen Newa eine Flaschenpost übergeben wurde, deren Botschaften von diesem Tag sich an diejenigen richtet, die an dieser Stelle den 200. Jahrestag in einem dann kommunistischen Russland begehen würden. Eine in jedem Falle gut inszenierte und emotional aufgeladene Aktion.

Wir hatten anschließend viel Nachdenk- und Redebedarf und gingen weiter zum Kreuzer Aurora, der, vor wenigen Jahren generalüberholt, wieder an seinem alten Ankerplatz liegt. Er ist heute als Museum zugänglich. Als wir allerdings den Besucherandrang sahen, verzichteten wir. Stattdessen beließen wir es bei einer „Außenbesichtigung“, bestaunten den regelrechten Berg roter Nelken, der vor dem Schiff aufgerichtet worden war, und genossen das Zusammensein mit vielen grundsätzlich Gleichgesinnten.

Der Abend gehörte einem Besuch in der „Music Hall“, wo ein Konzert zum 100. Jahrestag mit „Musik der Revolution“ stattfand. Dies gestaltete sich zu einem absolut würdigen Ausklang unserer Reise, denn die Mitglieder des Opernchores brachten in einer künstlerisch überzeugenden und beeindruckenden Weise Lieder zu Gehör, die wir ja auch kannten, darüber hinaus aber auch viele andere – eine Veranstaltung mit Gänsehauteffekt! Wir ließen anschließend noch das Flair des spätabendlichen Newski-Prospekt auf uns wirken, bevor wir nachdenklich, aber voll von Eindrücken und positiven Emotionen, auf die Heimreise begaben.