Wider die Legendenbildung „Soziale Marktwirtschaft“

Von Prof. Dr. Kurt Schneider

Coverbild der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft

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Der wirtschaftliche Wiederaufbau in den westlichen Besatzungszonen Deutschlands wird im historischen Rückblick oft als „Wirtschaftswunder“ bezeichnet. Diese Entwicklung sei in der „Sozialen Marktwirtschaft“ begründet gewesen, die mit der Währungsreform am 20. Juni 1948 ihren Anfang genommen habe. Mehr noch: Der Aufstieg der Bundesrepublik Deutschland zu einer der führenden Industrienationen wäre nicht möglich gewesen ohne die „Soziale Marktwirtschaft“. Dem liegt die Auffassung zugrunde, dass Deutsche Geschichte vor allem Wirtschaftsgeschichte ist.

Demnach wäre zu vermuten, dass eine derartige Grundsäule der Nationalgeschichte der Bundesrepublik längst umfassend wissenschaftlich durchleuchtet worden ist. Doch weit gefehlt. Bislang gab es, wie Uwe Fuhrmann schreibt, lediglich Spekulationen darüber, seit wann überhaupt von „Sozialer Marktwirtschaft“ die Rede war. Zugleich ist festzustellen, dass auch ein bedeutender Kurswechsel in der Wirtschaftspolitik im Herbst 1948, der viele Entscheidungen vom Juni 1948 korrigierte, bislang nicht zur Kenntnis genommen wurde. „Geschichtswissenschaftlich kaum bearbeitet, fristet schließlich eine sehr große, wirtschaftspolitisch motivierte Protestwelle, die immerhin im letzten deutschen Generalstreik gipfelte, bislang ein Schattendasein.“ Damit sind Anlässe genug gegeben, „die Frage nach der Entstehung der ,Sozialen Marktwirtschaft‘ neu zu stellen – und damit die Frage nach der (Vor-)Geschichte der Bundesrepublik als ,radikal ökonomischem Staat‘“. Diese Vorgeschichte der Bundesrepublik wird von Fuhrmann als Genealogie der „Sozialen Markwirtschaft“ neu behandelt.

Fuhrmann beschreibt, ausgehend vom Zustand der Wirtschaft nach Kriegsende, die zunehmend dominierende Politik der USA in der Bizone, die Konstituierung deutscher Parlamente und Verwaltungen sowie den Aufbau und die Ausrichtung der Gewerkschaften, was teilweise mit erheblichen Spannungen verbunden war. Als 1947/48 die Entscheidung für die Schaffung eines westdeutschen Staates immer erkennbarer wurde, warf das die Frage auf, welche politisch-ökonomische Orientierung dieser Staat haben würde.

„Der überwiegende Teil der Bevölkerung wünschte sich“, wie Fuhrmann belegt, eine „nichtkapitalistische Ordnung“. Die generelle „antikapitalistische Grundstimmung“ resultierte „aus der Interpretation des Aufstiegs der NSDAP als vom Kapitalismus mit verursacht und dem Rückblick auf die gescheiterte wirtschaftsliberale Epoche“. In der Tat: Die deutsche Wirtschaft hatte dem Hitler-Faschismus zum politischen Machtantritt verholfen und an dessen Kriegsvorbereitung und Kriegsführung monströse Gewinne erzielt. Die faschistischen Wehrwirtschaftsführer waren als Kriegsverbrecher gebrandmarkt worden.

Hervorzuheben sind die inhaltsstarken Kapitel, in denen der Kampf um gewerkschaftliche Mitbestimmung bei der Entnazifizierung, Personalpolitik und den Betriebsvereinbarungen sowie auf Landesebene, so am Beispiel der Länder Hessen und Nordrhein-Westfalen, behandelt wird. Das trifft auch zu auf jene, welche die Massendemonstrationen 1947 und insbesondere die des Jahres 1948 zum Gegenstand haben. Dazu gehören regionale Generalstreiks in Bayern am 23. Januar 1948, in Baden-Württemberg am 3. Februar 1948 und anderweitige Proteste. Dennoch: „Zum wiederholten Male verpassten die Organisationen der deutschen Arbeiterbewegung einen wichtigen Moment, ihre enorme Macht auszuspielen“. Dazu wären, wie Fuhrmann betont, allein die Gewerkschaften in der Lage gewesen. Doch es setzten sich die Kräfte durch, die eine auf „Verhandlungen und Kooperation fixierte Politik“ betrieben, auch als „Vernebelungspolitik der Wünsche und Hoffnungen der Arbeiterschaft“ bezeichnet.

Nachdem folgend die „freie Marktwirtschaft“ und die Wirtschafts- und Währungsreform am 20. Juni 1948 analytisch behandelt werden, richtet Fuhrmann den Blick auf die ersten Proteste gegen massive Preissteigerungen in der „freien Marktwirtschaft“. Wut über soziale Ungerechtigkeit und Missachtung von Demokratie und Rechtssicherheit u.a.m. sind weitere Ursachen zunehmender Unruhen. Nachdem es in einer zweiten Phase im Oktober und Anfang November vielerorts zu Massenkundgebungen gekommen war, konnte sich die Führung der Gewerkschaften diesem Druck nicht mehr entziehen. Für den 12. November 1948 rief der Gewerkschaftsrat des Vereinigten Wirtschaftsgebietes, dem Hans Böckler vorstand, die Arbeiter, Angestellten und Beamten der Bizone zu einer 24-stündigen Arbeitsniederlegung auf. An ihr beteiligten sich nach gewerkschaftlicher Schätzung 9,25 Millionen von insgesamt 12 Millionen Beschäftigten. Die von Fuhrmann verfasste Darstellung gibt einen Überblick über den kaum bekannten und bislang letzten (west)deutschen Generalstreik und beschreibt auch die mit ihm verbundenen Konflikte. Der DGB forderte, gegliedert in 10 Punkten, die amtliche Verkündung des wirtschaftlichen Notstandes und außerordentliche Maßnahmen zu seiner Überwindung, die Überführung der Grundstoffindustrien und Kreditinstitute in Gemeinwirtschaft sowie die Demokratisierung der Wirtschaft und gleichberechtigte Mitwirkung der Gewerkschaften in allen Organen der wirtschaftlichen Selbstverwaltung und weitere demokratische Maßnahmen. Er endete mit den mahnenden Worten: „Männer und Frauen, reiht Euch ein! Es handelt sich um Euer Lebensinteresse!“

Der Band schließt mit der erfolgten Modifizierung der „freien“ zur „sozialen“ Marktwirtschaft. Der Begriff „Soziale Marktwirtschaft“ war mit der Absicht gewählt worden, um die Wiedereinführung des Kapitalismus mit einem sozialen Mantel zu verschleiern. Dem diente auch die unzulässige Legendenbildung um die Person Erhards, der die Währungsreform mit den Worten kommentierte: „Von jetzt an ist Geld der einzige Bezugsschein“.

Der zentrale Befund von Fuhrmanns Genealogie korrigiert die bisherige offizielle Geschichtsschreibung zur „Sozialen Marktwirtschaft“, die entgegen dieser nicht am 20. Juni 1948 eingeführt worden ist. „Sie wurde vielmehr überhaupt nicht eingeführt, sondern ist das Ergebnis gesellschaftlicher Auseinandersetzungen, die auf den Märkten, den Straßen, im Betrieb und im Parlament stattfanden … Diese Auseinandersetzungen führten im Herbst 1948 zu einer veränderten, sozialer orientierten Wirtschaftspolitik in der Bizone, die mit etwas zeitlicher Verzögerung schließlich die allseits bekannte neue Bezeichnung bekam.“ Die CDU/CSU machte sich Anfang Januar 1949 den Begriff zueigen und entschied, unter dieser Parole Wahlkampf zu führen. Am 25. Februar 1949 avancierte Erhard mit einer programmatischen Rede zum Inspirator und herausragenden Vertreter der „Sozialen Marktwirtschaft“.

Die vorliegende Arbeit, die im Januar 2016 als Dissertation verteidigt worden ist, wurde mit Unterstützung durch die Hans-Böckler-Stiftung und die Ernst-Reuter-Gesellschaft gedruckt.

Uwe Fuhrmann: Die Entstehung der „Sozialen Marktwirtschaft“ 1948/49. UVK Verlagsgesellschaft mbH, Konstanz und München 2017, 360 Seiten, 39 Euro. ISBN 978-3-86764-665-9