Stadt – Land und das Ende der Solidarität?

Von Daniel Knorr

Nicht erst seit dem Landesparteitag debattieren wir die Stärkung des ländlichen Raumes und den Erfolg der LINKEN in urbanen Zentren. Sätze wie „Wir müssen sukzessive die Unterstützung für die Kreisverbände zurückfahren – sie sind nur Kostenfaktoren“ verkennen die Bedeutung und Potentiale des ländlichen Raumes. In vielen Gesprächen wurde deutlich: Wir haben entweder eine Ahnung vom urbanen Zentrum oder eine Vorstellung vom ländlichen Raum, aber meist fehlt der Erfahrungsschatz, der beides umfasst.

Wenn wir unsere Politikfähigkeit bewerten, dürfen wir die Standortnachteile der Kreisverbände im Vergleich zu den Stadtverbänden nicht außer Acht lassen. Dazu zählen vor allem die räumliche Distanz von 80 bis 120 km; fehlende hauptamtliche Strukturen; eine geringe Einwohnerdichte, geringerer Zuzug, geringeres Potential an aktiven Mitstreiter*innen; Pressemonopole mit fehlender Lokalberichterstattung und zuletzt eine hohe Komplexität bei der Organisation von Politik, beispielsweise Kommunalwahlen, wo pro Kreisverband nicht selten 30 bis 60 Kreistags-, Gemeinderats-, und Ortschaftsrats-Wahlen vorbereitet werden müssen.

So schwierig das politische Agieren im ländlichen Raum auch sein mag, es ist auch für die urbanen Zentren notwendig. Wollen wir das Potential des ländlichen Raumes künftig AfD & CDU überlassen und uns nur noch mit der SPD um die Eliten in den Großstädten streiten? Wann werden junge Menschen politisiert? Doch nicht erst mit ihrem Umzug in die Universitätsstädte! Nehmen wir den Verein Bon Courage aus Borna, von den ursprünglich 50 Mitgliedern aus dem Landkreis wirken heute über 40 in Leipzig. Wichtige Akteure des Jugendparlamentes in Leipzig haben zuvor in Borna das Jugendparlament aus der Taufe gehoben. Oder nehmen wir den der Leipziger Bildungsverein Parcours, dessen Hauptakteure aus Limbach-Oberfrohna kommen. Ohne die politische Arbeit im ländlichen Raum wären viele dieser Mitstreiter*innen, von denen wir heute in den urbanen Zentren profitieren, keine politischen Partner*innen geworden. Eine flächendeckende Präsenz ist deshalb notwendig für DIE LINKE im ländlichen Raum und auch Voraussetzung für eine starke LINKE in den urbanen Zentren!

Ich möchte keine Wahlergebnisse Einzelner in Frage stellen. Politik hängt auch mit den Personen zusammen, die sie transportieren, aber am Ende spiegelt das Ergebnis vor allem die Gesamtleistung der Partei wieder. Ich kann mich den Gratulationen an Sören Pellmann nur anschließen. Er hat das historische Moment genutzt und für DIE LINKE das erste Direktmandat in Sachsen geholt. Mehr aber auch nicht. Für mich ist es nicht vorstellbar, dass André Hahn in SOE weniger LINKE Politik betrieben, Jörn Wunderlich weniger Vor-Ort-Termine vereinbart und Caren Lay in Bautzen weniger inhaltliche Positionen der LINKEN transportiert hat. Wir haben alle über Jahre im Ehren- wie Hauptamt für die Partei gekämpft, politisch gestritten und persönlich großen Verzicht an Zeit für die Familie geübt.

Wenn wir also davon ausgehen, dass unsere Wahlergebnisse nicht nur von Werbeträgern abhängen, sondern vom Potential, das sich durch unsere inhaltlichen Positionen aktivieren lässt, kommt man in Leipzig an der Arbeit der offenen Bürger-, Projekt- und Kulturbüros nicht vorbei. Hier ermöglichte das Engagement der Bundestagsabgeordneten Susanna Karawanskij und Axel Troost eine strukturelle und vor allem personelle Absicherung. In Kombination mit der Landesgruppe konnte in Graswurzelarbeit mit knapp 120 Initiativen/Vereine und Projekten kooperiert werden, davon hat DIE LINKE in den neu gewonnenen Milieus erheblich profitiert.

Vor diesem Hintergrund wäre es naheliegend, da Susanna und Axel nicht mehr im Bundestag vertreten sind, dass es eine solidarische Weiterführung ihrer Projekte im ländlichen Raum gibt. Aber leider gibt es auch schlechte Gewinner. Von den 12 Mitarbeiter*innen von Susanna und Axel in der Region Leipzig hat keiner eine Arbeitsperspektive bei einem Bundestagsabgeordneten. Gehen wir als Partei mit hohen gewerkschaftlichen Maßstäben so mit unseren Mitarbeiter*innen um? Jenseits der Landesgruppe wird sich kein Bundestagsabgeordneter in die politische Arbeit der Landkreise Leipzig und Nordsachsen einbringen. Sieht so unsere innerparteiliche Solidarität aus? Ist das der verantwortungsvolle Umgang mit der Region?

Zuletzt: Da ich auf eigenen Wunsch als Mitarbeiter der Landesgruppe ausscheide, möchte ich denen danken, die in den letzten drei Jahren intensiv mit mir in der Region Leipzig zusammengearbeitet haben, aber auch die Mitarbeiter von Jörn Wunderlich würdigen: Danke an das Team aus Anna Gorskih, Jacob Wagner, Andy Sauer, Paul Hösler, Steffen Juhran, Fabian Blunck, Michael Sehrt, Michael Eichhorn, David Himmer, Florian Krahmer, Sabine Schmidt, Andreas Salzwedel, Sven Merbeth, Moritz Thielicke, Alexander Weiß sowie den bisherigen Abgeordneten Susanna Karawanskij, Jörn Wunderlich und Axel Troost.