Die Gorch Fock – kein Wind, aber viel Jammer

Von Michael Leutert


„Ein nationales Symbol“ sei das Segelschulschiff der Deutschen Marine, die Gorch Fock, nach den Worten des Personalchefs im Marinekommando, Rainer Endres. Mit etwas weniger Pathos sieht der Wehrbeauftragte des Bundestags, Hans-Peter Bartels, in dem Windjammer ein Symbol, ein „Wahrzeichen der Marine“. Ein Symbol ist die Gorch Fock ganz sicher, wenn auch in anderer Hinsicht: Obwohl sie bei weitem nicht so teuer ist wie die aktuellen und großen Rüstungsprojekte, ist sie ein Symbol für Missmanagement und Intransparenz im Zuständigkeitsbereich des Bundesverteidigungsministeriums.

Ihren Anfang nahm die Geschichte, als das 1958 erbaute Schiff wegen größerer Schäden im Dezember 2015 zur Reparatur in die Werft musste. Waren zunächst lediglich sechs Monate für die Arbeiten vorgesehen, so wurde bereits im Januar 2016 deutlich, dass die Schäden weitaus größer waren, die eingeplante Zeit nicht ausreichen und die Kosten steigen würden. Damit wurde erstmals auch die Frage in den Raum gestellt, die trotz einer Entscheidung fortan immer wieder aufkam: Reparieren oder Neubau?

Zunächst kündigte Verteidigungsministerin von der Leyen noch im Januar 2016 öffentlich die Restaurierung des populären Segelschulschiffs an, ohne eine damit verbundene Kostenschätzung zu nennen. Doch noch im selben Jahr stoppte der Projektleiter – zuständig für die Restaurierungsarbeiten ist das Bundesamt für Ausrüstung und Informationstechnik der Bundeswehr in Koblenz – die Arbeiten vorerst. Der Grund: Aus den ursprünglich kalkulierten zehn Millionen Euro waren bis Oktober 2016 bereits 35 Millionen Euro geworden, eine weitere Verzögerung inbegriffen. Im April 2017 wurde die Fortführung des Instandsetzungsvorhabens schließlich mit geschätzten 75 Millionen Euro mehr als doppelt so hoch veranschlagt. Zugleich wurde die Entscheidung unter anderem gegen den Einspruch des Bundes der Steuerzahler bestätigt. Doch damit war das Ende des Schiffsmasts immer noch nicht erreicht. Im Oktober 2017 machte die Nachricht die Runde, dass die Gorch Fock erst Anfang 2019 und damit sechs Monate später als zuletzt vorgesehen wieder im Dienst stehen würde. Damit dehnt sich die Werftliegezeit von anfänglich sechs auf nun stolze 21 Monate aus – wenn es dabei bleibt. Zu den höheren Kosten, die dadurch erneut entstehen, war aus dem Verteidigungsministerium leider nichts zu vernehmen. Der Inspekteur der Marine ließ seinen Sprecher lediglich verkünden, dass die Entscheidung für eine Restaurierung und gegen einen Neubau letztlich auch aufgrund von Wirtschaftlichkeitskriterien gefallen sei. Eine interessante Aussage, die durchaus angezweifelt werden darf, wenn man weiß, dass die angegebenen 80 bis 120 Millionen Euro für einen Neubau ganz zufällig eine Restaurierung noch geradeso rechtfertigen würden.

Damit gibt es für mich als zuständigen Berichterstatter der LINKEN im Haushaltsausschuss ausreichend Grund, nachzuhaken. Wie konnte die Werftliegezeit so ausufern, und ist Ende 2018 als Zeitpunkt der Übergabe an die Marine überhaupt noch zu halten? Wie hoch sind mittlerweile die geschätzten Kosten? Wie setzen sich die geschätzten Kosten für einen Neubau von 80 bis 120 Millionen Euro zusammen? Welche zusätzlichen Kosten entstehen durch die zwischenzeitliche Ausbildung der deutschen Offiziersanwärter*innen der Marine auf dem rumänischen Segelschulschiff „Mircea“? Und nicht zuletzt: Ist eine solche Ausbildung, die alle deutschen Marineoffizersanwärter*innen durchlaufen, überhaupt noch zeitgemäß?

Es geht bei diesem unrühmlichen Kapitel der Geschichte der „Gorch Fock“ eben nicht nur um ein Segelschiff, es geht um erhebliche Ausgaben aus öffentlichen Geldern. Leider – und damit schließt sich der Kreis – ist der so schön anzusehende Dreimaster bei allen Unterschieden zu den High-Tech-Waffen der Bundeswehr nur ein weiterer Fall, in dem das Verteidigungsministerium seinen eigenen Maßstäbe von Transparenz und besserem Management nicht gerecht wird.