Denkanstöße für ein gutes Leben

Von Ralf Richter

Das Buch von Christian Schüle, das in der edition Körberstiftung erschien, heißt „Wir haben die Zeit“. Erst im Untertitel ist die Rede von Denkanstößen. Auf dem Blauen Cover sieht man eine stilisierte Uhr mit Stunden, Minuten und Sekundenzeiger. Ein Menschlein wird vom Minutenzeiger gejagt. Während er gejagt wird, kommt ihm eine Idee, so scheint es.

In der Zeit zwischen den Jahren ist es an der Zeit, sich über Zeit Gedanken zu machen. Über Freizeit. Über Arbeitszeit. Über Lebenszeit – oder gar über Lebensarbeitszeit. Nutze ich meine Zeit richtig – oder ist es ein anderer, der meine Zeit verbrät, und werde ich spätestens im Januar wieder vom Minutenzeiger gejagt?

In den 90er Jahren stand in den westlichen Ländern fest, dass die Ausbildungszeiten immer länger geworden waren. Waren in den 60er Jahren viele nach der achten Klassenschule in den Beruf beziehungsweise die Berufsausbildung gegangen, schloss sich nun für eine immer größere Zahl nach dem Abi das Studium an. Gern war man zwischendurch noch ein Jahr in der Orientierungsphase und studierte dann etwas länger. Im Ergebnis kam man mit Ende zwanzig von der Uni. Das veränderte das Reproduktionsverhalten: Geheiratet wurde immer später, und wenn Ende der 80er Jahre noch über-25jährige Mütter in der DDR als „Spätgebärende“ galten, wundert sich heute kaum noch jemand, wenn eine Frau mit Ende dreißig oder Mitte vierzig ein Kind bekommt. Aber leben wir nun wirklich besser? Freier? Gesünder?

Der Autor sieht da gewaltige Defizite. Den gehetzten, erschöpften Menschen kurz vor dem Burnout, geplagt von Depressionen und Schlafstörungen, rast- und ruhelos die Karriereleiter hinaufjagend. Terrorisiert von E-Mails, SMS, im dauernden Terminstress. Es fallen treffende Formulierungen wie: „Permanente Mobilität steckt in der DNA des digitalen Nomaden.“ Bevor wir irgendwo angekommen sind, sind wir schon wieder weg. Und so kommen immer weniger von uns an: Ort, Partner, Arbeitsstellen – alles ist permanent austauschbar. Zwar jettet nicht jeder zwischen Rio und Shanghai hin und her, aber mancher Leiharbeiter hat schon dreißig Jobs in verschiedensten Regionen des Bundesgebietes plus Österreich gehabt. Ist das das neue Leben? Immer auf Achse, immer erreichbar?

Leider greift der Autor in seiner Analyse zu kurz. Das Verschwinden des Taylorismus und die Entstehung der Digitalwirtschaft werden wie ein Naturgesetz dargestellt; es fehlt aber die nähere Untersuchung der Triebkräfte. Geradezu grob fahrlässige Falschdarstellungen gibt es auch, etwa wenn der Autor behauptet: „Das Wesen der Kapitalismus besteht in seiner Häutung.“ Es ist vollkommen egal, wie oft sich der Kapitalismus häutet – sein Wesen bleibt immer gleich: Es besteht in der Profitmaximierung, und dabei ist jedes Mittel recht: Tricksen, betrügen, Steuern hinterziehen. Man denke an sämtliche Autokonzerne in Deutschland oder an die immer noch nicht öffentlich ausgewerteten Panama-Papers. Die gleichen Konzerne, die hier heute auf „Mitbestimmung“ schwören, führten und führen sich Ausland gegenüber den dort Beschäftigten oft ganz anders auf. Immer noch beruht der Wohlstand des Westens auf einer schamlosen Ausbeutung der Länder Afrikas, Lateinamerikas und Asiens.

Fazit: Wenn die Lektüre dazu führt, dass Menschen erkennen, dass sie in einem Hamsterrad gefangen sind und im Interesse ihrer Gesundheit und sozialen Beziehungen etwas Grundlegendes ändern müssen, dann hat das Buch seinen Zweck erfüllt. Das Plädoyer für eine kürzere Arbeitszeit für alle ist zweifellos richtig. Doch viel wäre schon erreicht, wenn der Mut wachsen würde, die Dinge einfach wieder bei ihrem richtigen Namen zu nennen. Wir haben kein Problem mit „Arbeitszeitverdichtung“, sondern eher eines mit der schamlosen Ausbeutung, die seit der Einführung der Agenda 2010 zugenommen hat. Immer mehr können von ihren Stellen nicht leben und ruinieren dann als Multi-Jobber ihren Alltag und ihre Gesundheit. Da ist man dann wieder ganz beim Autor, wenn er meint, dass am bedingungslosen Grundeinkommen kein Weg vorbei führt. In Finnland wird es möglicherweise 2020 für alle kommen.

Das Buch kostet 22 Euro.