Auch Legenden haben kurze Beine

Jörn Schütrumpf enttarnt den Kniefall deutscher Linker vor dem Moskauer Diktat nach 1919. Von Wulf Skaun

Das Feuilleton bläst 2017 die Revolutionsfanfare. Verbaler Pulverdampf entfacht einen vielkalibrigen Hype um die Russische Großrevolte, das Spektakel auf der Weltbühne vor 100 Jahren. Totgesagte leben eben länger. Die Historikerzunft, auf Jahrestage geeicht, steht den journalistischen Edelfedern nicht nach. Ihre Erinnerungsstücke spielen die atemberaubenden Aufruhrtage, die die „Welt erschütterten“, minutiös nach, wälzen revolutions-theoretische Fragen alter und neuer Couleur oder holen bekannte und vergessene Zeitzeugen samt ihrer ideellen und praktischen Haltung gegenüber dem Epochenereignis von 1917 ins Rampenlicht.

Jörn Schütrumpf, langjähriger Chef des Karl Dietz Verlages, nunmehr im Dienste der Rosa-Luxemburg-Stiftung, steuert zum 100. Jubiläum einen Aufsehen erregenden Beitrag aus zeitgenössischer linker Perspektive bei. Seine Schrift „Diktatur statt Sozialismus. Die russische Revolution und die deutsche Linke 1917/18“ präsentiert sich als eine quellenreiche, knapp kommentierte Dokumentation, an der künftige Geschichtsschreibung nicht vorbeigehen kann. Wie die 1917er Revolutionsschüsse die alte Welt erzittern ließen, erschüttern einige brisante Zeitzeugnisse auch festgefügte Erkenntnisbilder DDR-sozialistisch geschulter Generationen.

Beim 27. Jour fixe Anfang November, unter dem Dach der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen in Leipzig, bestätigt sich dieser Effekt. Selten korrespondieren Diskursthemen mit dem Charakter des als unkonventionell bezeichneten Gesprächskreises so eng wie Schütrumpfs revolutionshistorische „Ausgrabungen“. Vor wiederum vollem Haus liefert der promovierte Historiker einige markante Kostproben. In seiner ihm eigenen Manier, Historie spannend und unterhaltsam aufzubereiten, Geschichte in Geschichten zu erzählen, macht er Frontverläufe zwischen Befürwortern und Gegnern der Bolschewiki und ihrer Herrschaftsmittel sichtbar. Dabei holt er auch vergessene Akteure ins allgemeine Bewusstsein zurück, die vor 100 Jahren linkes politisches Geschehen in Deutschland mitbestimmten wie Arthur Crispien, Wilhelm Düwell, Alfred Henke und Ernst Däumig.

Ein Kabinettstück des Abends: Wie der Autor in tief verdunkelte Bereiche deutscher Linkspolitik vor einhundert Jahren blicken lässt. Wie er an Beispielen demonstriert, dass Pro- und Kontra-Positionen zu Bolschewiki und ihrer Revolution von Rosa Luxemburg (unter Pseudonym), Franz Mehring, Paul Levi, Clara Zetkin, Otto Bauer, Rudolf Breitscheid, Eduard Bernstein, Karl Kautsky und anderen damals ganz selbstverständlich und in respektvoller Streitkultur in publizistischen Organen von SPD und USPD („Sozialistische Auslandspolitik“!) ausgetauscht wurden. Wie er so den Spannungsbogen aufbaut für kommende Pointen. Denn später, unter dem Schreckensregime Stalins und seines Machtapparates, will es keine kritisch-distanzierten Stimmen gegeben haben, wie sie doch zum Beispiel auch in dem Stuttgarter Spartakusblatt „Der Sozialdemokrat“ publiziert waren. Jahrzehntelang blieb dessen besonders beweiskräftiger vollständiger Jahrgang 1918 verschollen. Bis Schütrumpfs unermüdliche Jagd nach der „verschwundenen Materie“, seine schier aussichtslosen Suchaktionen in in- und ausländischen Archiven und dokumentarischen Aufbewahrungsstätten doch noch belohnt werden. Im Bundesarchiv wird er 2016 fündig. In einem eigens angefertigten Schuber schlummert eine 1970 im Institut für Marxismus-Leninismus (IML) verfilmte Kopie des wohl einzig erhaltenen Exemplars vom vermissten Jahrgang. Ob bewusst versteckt oder einfach vergessen, mag der Historiker nicht entscheiden. Der Aufdruck der Fundsache lautet immerhin: Nicht ausleihen! Das Material ist brisant genug.

So brisant wie auch die 1921/22 unter Lenins Druck von Clara Zetkin in die Welt gesetzten Legenden, die später für die „linke“ Verunglimpfung Rosa Luxemburgs prägend wurden und deren kritische Position gegenüber den demokratiefeindlichen Methoden der Bolschewiki aushebeln sollten. Die erste behauptete wider besseres Wissen, die im Gefängnis einsitzende Rosa habe, weil sie keine Zeitungen zur Verfügung hatte, gar nicht gewusst, was in Russland tatsächlich geschah, und daher falsche Urteile über die Revolution gefällt. Die zweite gerierte sich als Lügengespinst über Luxemburgs Stellung zum Selbstbestimmungsrecht der Nationen, die sich bekanntlich von Lenins Auffassung unterschied. Die Geschichte hat die „Doppellegende“ längst ad absurdum geführt. Wer und warum sie auch noch in DDR-Zeiten genährt hat, harrt im Detail sicherlich noch finaler Aufklärung.