Wenzel zwischen zwei CDs im Dresdner Schauspielhaus

von Ralf Richter

In diesem Jahr ist Hans Eckhard Wenzel 60 geworden – man glaubt es kaum. Da sah man ihn doch vor scheinbar gar nicht so langer Zeit noch im Heimatmuseum in Riesa mit seinem Kumpel Mensching um die PIKO-Eisenbahn kämpfen („Das ist meine PIKO-Eisenbahn – mit der darf ich ganz alleine spielen!“) und nun ist dieser musikalische Clown immer noch auf dieselbe nachdenklich machende Weise lustig – nur eben nicht mehr im kleinen Rahmen. Heute füllt er schon das Dresdner Schauspielhaus und die Karten kosten auch keine Ostmark mehr. Der Herbst 1988 liegt auch schon 29 Jahre zurück … Wenzel war damals ein Geheimtipp und irgendwie ist er es immer noch, obwohl er zu seinem 60. Geburtstag mit einer „Langen Nacht“, einem drei-Stunden-Programm im Deutschlandfunk Kultur gewürdigt wurde.

Wer ihn einmal kennengelernt hat, kommt zu seinen Konzerten – oft in kleineren Clubs – immer wieder. Dahin reist er dann gelegentlich allein – im Schauspielhaus tritt er allerdings mit Band auf. Er könnte auch den Saal alleine unterhalten. Doch mit seiner Band ist es einfach ein musikalisches Fest für die Ohren. Jeder der Musiker bekommt Raum und Zeit, um sein Können zu zeigen. Wenzel ist nicht der Boss, er ist der Musikerkollege und ein Spieler unter Spielern. Doch noch ist von Wenzel ist nichts zu sehen auf der Bühne, als zwei Gitarren und ein Schlagzeug loslegen – dann kommt der langhaarige große Schlaks im Matrosenpulli auf die Bühne gesprungen. Wenzel ist da, zwischen zwei CDs im Dresdner Schauspielhaus.

Bei einem bestimmten Lied fließen bei einer Frau in der Reihe vor mir die Tränen – sie lauscht ergriffen, wehmütige Erinnerungen steigen in ihr auf. Zwischendurch wird eine Flasche Meißner Wein von einer anderen Frau zu Wenzels Piano gebracht – der mal zur Konzertgitarre greift, sich dann ans Piano setzt. Die Leute sind amüsiert und irritiert, heute wie vor 30 Jahren. Sein Aktionsradius hat sich allerdings erweitert. Gern ist er in Lateinamerika und nimmt dort auch CDs auf, wie auf Kuba. In Nordamerika bedurfte es eines Hans Eckhard Wenzel, um das Archiv des größten US-Folksängers Woodie Guthrie für die Ohren in der deutschsprachigen Region aufzuarbeiten. Wenzel hat Texte gefunden, zu denen es noch keine Melodien gab und selbst welche geschrieben, er stand mit Woodies Sohn Arlo Guthrie in Thüringen auf der Bühne. Obwohl westdeutsche Liedermacher 40 Jahre länger Zeit hatten, kreative Kontakte zu linken Folksängern in den USA zu knüpfen, musste erst die Mauer fallen, damit sich ein ostdeutscher Liedermacher aufmachte, um Guthries Schätze zu heben. Wenzel hat ein ganzes Programm daraus gemacht und eine CD. Warum im Westen keiner so an das linke Folk-Erbe des „großen Bruders“ USA anknüpfen konnte oder wollte, erschließt sich nur wenn man weiß, dass Woody Guthrie und Pete Seeger in der DDR bekannter waren als im Westen. Dort wurde auch nur der Show-Mann Harry Belafonte herumgereicht. Der aber stellte als engagierter schwarzer Bürgerrechtler bei einem Konzertbesuch im Palast der Republik in Berlin Udo Lindenberg in den Schatten. Der Osten kannte die andere Seite Nordamerikas vermittelt von Leuten wie Victor Grossmann, der aus der US Army in Westdeutschland desertiert war, weil ich er nicht im Vietnam-Krieg kämpfen wollte. Als Journalist im ND und bei Radio DDR stellte er Woody Guthrie vor, der während des Weltkrieges auf seine Gitarre geschrieben hatte: „Diese Maschine tötet Faschisten.“ Auch Wenzel hat das wohl gehört, und als er es dann konnte, hat er nach den Erben Guthries gesucht.

Das Programm führt durch die Jahrzehnte seines Schaffens, aber es ist überwiegend Neueres dabei wie „Stacheldraht, Elektrozaun schützt die Reichen vor den Armen … etwas Bess‘res gibt es kaum, etwas Bess‘res hat die Welt doch wohl niemals hergestellt“. Es sind die Lieder der „Vorkriegszeit“, wie Wenzel unsere Zeit nennt. Und er macht sich keine Zukunftsillusionen, wenn er clownesk das Kind einer nicht allzu fernen Zukunft spielt, das Oma und Opa fragt, ob es denn stimmt, dass sie wohl noch Sex haben mussten um ein Kind zu machen in der „schrecklichen alten Zeit“, wo doch nun inzwischen jedes Kind elektronisch designed und bestellt wird – ganz ohne menschliches Zutun. Dazu gibt es Liebeslieder und weitere Balladen – „Ahoj, ahoj – es geht vorbei“ und „Sterben, aber sterben muss man in Wien“. Nein, man muss ihn hören und erleben, immer wieder, um Zeilen zu hören wie „In dem was Du verlangst gib niemals bei“ und: „Was ein Amerikaner tut ist immer legal.“ Die ihn erlebten und am Ende begeistert klatschten, wissen: Sie würden ihn in 30 Jahren auch noch hören wollen – wenn es sie und ihn dann noch gibt …