Vor 75 Jahren ermordet: Erich Kuttner

von Prof. Dr. Kurt Schneider

Erich Kuttner wurde am 27. Mai 1887 in Schöneberg bei Berlin geboren. Er studierte Rechtswissenschaften und trat danach in die Sozialdemokratische Partei ein. Bereits als Referendar wegen seines Wirkens für die Sozialdemokratie gemaßregelt, arbeitete er in der Folgezeit als Publizist und Redakteur. 1912 erschien seine Arbeit „Klassenjustiz“, in der er die Justiz der kapitalistischen Gesellschaft als Instrument zur Behauptung der Herrschaft der Bourgeoisie kennzeichnete.

Ab 1913 gehörte Kuttner der Redaktion der Chemnitzer „Volksstimme“ an, ein Blatt der Sozialdemokratie. Stark beeinflusst von der demagogischen Losung der „Vaterlandsverteidigung“ meldete er sich 1915 freiwillig an die Front, von der er 1916 schwerverwundet zurückkehrte. Er wurde Redakteur beim „Vorwärts“, dem Zentralorgan der SPD.

In den ersten Jahren der Weimarer Republik analysierte er anhand detaillierten Tatsachenmaterials den unveränderten Klassencharakter der Justiz. Gleichzeitig unterbreitete er umfangreiche Vorschläge für die Demokratisierung des Justizwesens, die ohne Veränderung der ökonomischen und politischen Machtstrukturen der Weimarer Republik nicht verwirklicht werden konnten. 1921 wurde er zum Mitglied des Preußischen Landtags gewählt, dem er bis zur Errichtung der faschistischen Diktatur 1933 angehörte. Von 1924 bis 1927 war er Chefredakteur des sozialdemokratischen satirischen Wochenblatts „Lachen links“. Er gehörte zu den Sozialdemokraten, die obgleich ihrer antifaschistischen Haltung die Einheitsangebote der KPD ablehnten.

1933 emigrierte Kuttner nach Paris und von dort aus nach Amsterdam. Trotz nach wie vor großer Vorbehalte gegenüber der KPD beteiligte er sich zunehmend an der gemeinsamen Arbeit mit Kommunisten und unterschrieb die Aufrufe des Lutetia-Kreises und des Ausschusses für eine deutsche antifaschistische Volksfront, die zur Einheit aller Hitlergegner mahnten.

Ende 1936 ging Kuttner als Korrespondent nach Spanien, um über den antifaschistischen Freiheitskampf des spanischen Volkes zu berichten und für die Verstärkung der internationalen Solidarität zu wirken. Als er gemeinsam mit Franz Dahlem und Egon Erwin Kisch in vorderster Linie ein Kampfbataillon besuchte, schrieb er zutiefst berührt darüber für die Kompaniezeitung: „Die Stunden, die ich vorne bei den Kameraden verbracht habe, werde ich immer in Erinnerung behalten … Hier finde ich das geistige Leben einer Revolutionstruppe. Alle Problem wurden besprochen und diskutiert, die politischen wie die militärischen.“ Hervorzuheben sind seine Beiträge für den „Deutschen Freiheitssender 29,8“ auf spanischem Boden.

Während der Kämpfe um Brunete verwundet, kehrte er nach Amsterdam zurück. Tief erschüttert über die Niederlage des spanischen Volkes und die Nichteinmischungspolitik rechter Führer seiner Partei trat Kuttner nunmehr verstärkt für eine Zusammenarbeit mit der KPD ein. In den Niederlanden veröffentlichte er den Künstlerroman „Hans von Mare’es“ und arbeitete am Roman „Das Hungerjahr 1556“.

Mit dem Einmarsch der faschistischen Wehrmacht in die Niederlande wurden die dortigen deutschen Emigranten und ihre antifaschistische Arbeit aufs Äußerste gefährdet. Wie so mancher andere Kampfgefährte wurde Erich Kuttner im April 1942 von der Gestapo aufgespürt. Er wurde in das KZ Mauthausen überführt und dort am 1. Oktober desselben Jahres ermordet.

Verfasst unter Verwendung von Daten aus „Deutsche Widerstandskämpfer“, Dietz Verlag Berlin 1970.