Sprachrohr linker Traditionspflege

„Mitteilungen“ informieren über Aktivitäten des Förderkreises Archive und Bibliotheken zur Geschichte der Arbeiterbewegung. Von Wulf Skaun

Die Geschichte der Arbeiterbewegung droht in staatlichen bundesdeutschen Bildungseinrichtungen nach der Epochenwende ins Abseits gedrängt zu werden. Pläne, sie zu bewahren und weiter zu erforschen, signalisieren tendenziellen Rückbau. Umso verdienstvoller das Wirken jener, die sich, zumal im Ehrenamt, der Hege und Pflege einschlägiger Gedächtnisinstitutionen annehmen. Zu ihnen gehört der Förderkreis Archive und Bibliotheken zur Geschichte der Arbeiterbewegung in Berlin. Im vergangenen Jahr beging der eingeschriebene, überparteiliche Verein, dem namhafte Geistesschaffende angehören, sein 25. Jubiläum. Die bei edition bodoni von Rainer Holze und Birgit Leske vorbereitete und herausgegebene Festschrift erinnert in Wort und Bild sowie anhand diverser Dokumente an die facettenreiche Vereinsarbeit zwischen 1991 und 2016. Dass das Wirken des Fördervereins einst und jetzt nicht im Verborgenen blieb und bleibt, ist seinem publizistischen Sprachrohr zu verdanken, das den für meine Begriffe zu schlichten Titel „Mitteilungen“ trägt. Jeweils im März und im September jedes Jahres legt das informative und professionell gestaltete Heft Zeugnis ab, wie die Vereinszwecke mit Leben erfüllt wurden. Immer wiederkehrende Rubriken konstituieren die Binnenstruktur des Blattes und lotsen den Leser rasch zu den ihn interessierenden Fundstellen: „Archive und Bibliotheken“, „Besondere Zeitdokumente“, „Tagungen und Konferenzen“, „Neues aus der Forschung“, „Aus dem Vereinsleben“, „Vorträge“ und „Buchbesprechungen und Literaturhinweise“. Dabei kommen ausgewiesene Autoren mit und ohne Vereinsmitgliedschaft zu Wort.

Nummer 51 vom März 2017 stand im Zeichen von Willkommen und Abschied. Erstmals erschienen die „Mitteilungen“ mit dem neuen Logo des Fördervereins auf dem Cover. Das Symbol des aufgeschlagenen Buches im Kreis mit dem Schriftzug des Vereinsnamens kündet jetzt von den Aktivitäten der Vereinsmitglieder. Die redaktionelle Leitung ging nach langjähriger verdienstvoller Tätigkeit Rainer Holzes und Birgit Leskes in jüngere Hände über. Für Alexander Amberger und Elke Reuter ist die aktuelle Septemberausgabe, die Nummer 52, das zweite von ihnen verantwortete Heft. Darin stellt sich das Müncheberg-Archiv zur „Frühgeschichte der DDR-Fernsehkunst“ vor. Der im Bundesarchiv mustergültig verwahrte und erschlossene Aktenbestand des einstigen Instituts für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED zur Geschichte der Arbeiterbewegung in der DDR wird in einem weiteren Bericht dokumentiert. Die Rubrik „Besondere Zeitdokumente“ überrascht mit Tagebuchnotizen aus dem Jahre 1914 von Artur Crispien, der seine Stimme laut gegen den Krieg erhoben hatte. Crispien war führend in der USPD aktiv, zu deren 100. Gründungstag im April 2017 ein wissenschaftliches Kolloquium in Gotha stattfand. Ein Tagungsbericht informiert über den Umgang mit diesem Erbe deutscher Arbeiterbewegung. Aus Anlass des 100. Jahrestages der Russischen Revolution hatte Vereinsmitglied Peter Brandt im Juni auf der 26. Jahresversammlung des Förderkreises einen Vortrag gehalten. Eine gekürzte Fassung ist nun im Heft 52 der „Mitteilungen“ nachzulesen. Der älteste Sohn Willy Brandts, Historiker für Neuere und Neueste Geschichte und Mitglied der Historischen Kommission beim SPD-Parteivorstand, bilanziert seine Sicht auf die „Russische Revolution“ als „proletarische Revolution“ mit den Worten: „Das Modell enthielt unterdessen so viel Besonderes, nicht Verallgemeinerbares, dass die Fixierung darauf die Kette von Niederlagen des von Moskau geleiteten Zweigs der Arbeiterbewegung fast programmierte. Die innere Entwicklung Russlands führte in kurzer Zeit weg nicht nur von den konkreten Artikulationen der einheimischen Arbeiter, sondern auch von den Traditionen und Zielen der klassischen Arbeiterbewegung Europas einschließlich ihres radikalen Elements – womit gemeinsame Wurzeln und Verbindungslinien natürlich nicht geleugnet werden sollen.“

Die sicher mit besonderem Interesse verfolgte Rubrik „Aus dem Vereinsleben“ ist in Heft 52 dem langjährigen Mitstreiter Manfred Neuhaus gewidmet. Ein Porträt beleuchtet das Wirken des Leipziger Historikers, der sich insbesondere als Editor der Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) einen Namen gemacht hat. Abgerundet wird das Heft wie immer mit einem aktuellen Rezensionsteil. Nachrufe gelten den ehrwürdigen Vereinsmitgliedern und Historikern Henryk Skrzypczak, Theodor Bergmann und Heinrich Gemkow.

Die Schrift kann gegen eine Schutzgebühr von 3 Euro, zuzüglich Versandkosten, unter d.goldbeck@web.de bezogen werden.