Sonntags-Genuss: Konzert im Freien

von Ralf Becker

Kulturell ist Chemnitz ziemlich gut auf den Beinen, auch wenn es hier und da im Gebälk der Finanzierung knirscht. Auch Sport gehört zur Freizeit- und Alltags-Kultur, das sollte nicht vergessen werden. Da gab es gerade in den letzten Monaten eine Debatte. Ich will hier nur anmerken, dass meines Erachtens die Schwerpunkte gesetzt werden: 30 Millionen-Förderung für 6.000 Fußball-Fans, ein neues Stadion für die dritte Bundesliga, traumhafte Förderquote pro Kopf, aber nun nur noch zwei Schwimmhallen für ganz Chemnitz. Und auch das Opernorchester ist ja früher schon verkleinert worden.

Zum achten Male schon (das vierte Mal bin ich dabei gewesen) gab es das Picknick-Konzert auf dem Schlossberg. Im Vorfeld musste ich zweimal erstaunen, da Bekannte von mir und eingesessene Chemnitzer noch nie davon gehört hatten. Interessen sind eben verschieden, da liegen dann manche möglichen Informationen nicht nahe.

In diesem Jahr spielte das Wetter mit. Schon als man auf dem Schlossberg ankam, war es ein Genuss, als die ersten Klänge durch das bunte Gewimmel und die Picknick-Atmosphäre ans Ohr drangen. Der Lärm der Picknicker ist nicht störend, es gehört irgendwie dazu, Kaffee-Haus-Atmosphäre, nur im Freien. Man fühlt sich an Goethes „Faust“ erinnert, der beim Osterspaziergang im Dorf ankommt, wo das Volk ausgelassen feiert. Sie bringen ihre Picknick-Körbe mit, Klapp-Stühle und -tische.

Auf vier Bühnen, im Schlosshof und in der Schlosskirche gab es Veranstaltungen, da hat man wirklich die Qual der Wahl. Flöten-Quartett, Saxophon-Quartett, gemischtes Streicher-Quintett mit Oboe, Violine und Harfe in der Kirche, Orgel und Streichtrio usw., usw.. Und für die Kinder Bastelangebot und Theaterecke zum Ausprobieren. Im besten Sinne des Wortes ein guter Familientag.

Chansons „Von Liebesglück und Liebesschmerz“ aus den 30er und 40er Jahren mit Elzbeta Laabs, begleitet von Adrzej Barlog, im Schlosshof waren ein Ohrenschmaus. Die Interpretin schlüpfte nicht nur vollständig in die Rollen der Texte z. B. von Claire Waldoff, sie garnierte das Ganze auch mit einer guten Portion Selbstironie und pflegte einen angenehm burschikosen Umgang mit dem Publikum. Diesen Namen sollte man sich merken.

Bei Petr Krupa kam ich nur zur zweiten Hälfte. Improvisationen mit einem Gerät. Ja, zuerst dachte ich, es handle sich um die Violine, aber das ist nur eine Art der Töne, die damit erzeugt werden. Gekoppelt mit einem kleinen elektronischen Kasten präsentierte er Improvisationen, die sphärisch auch entrückten – wunderbar. Er spielt eine Melodie und das „Gerät“ kopiert und spielt sie dann als Background weiter, während er mit seinem „Gerät“ das nächste „Instrument“ spielt. Das Blechbläserensemble bildete den Abschluss und mit „Yesterday“ schloss das musikalische Angebot.

Einziges Manko des Tages für mich, für das der Veranstalter aber nichts kann: Ich hatte gehofft, die eine oder den anderen aus meinem politischen Leben zu treffen, um mal nicht politisch zu werden und gemütlich Kaffee zu schlürfen und zu quatschen. Da hatte ich kein Glück. Kultur oder Wahlkampf?