Ist doch nur ein Kompliment!

Ein Kommentar von Anja Eichhorn gegen die Banalisierung sexistischen Verhaltens

Kennt ihr das? An der Haltestelle auf die Bahn warten und gefragt werden, warum man nicht lächelt? „Du würdest doch schöner aussehen, wenn du lachen würdest.“ Oder von männlichen Kollegen* gesagt bekommen, dass es gut ist, jetzt endlich hübsche Frauen* in der Runde zu haben? Und dann in der Beratung von denselben vier Mal unterbrochen werden? Und Salat ist sowieso ein „Frauenessen“, und überhaupt, das kann man doch wohl mal sagen, „Bist du eine ganz süße Maus!“

Die meisten, darunter vermutlich mehrheitlich Frauen*, kennen das gut. Sie kennen sicherlich auch die Reaktionen des Gegenübers auf direkt angesprochene und zu recht kritisierte verbale Sexismen: „Ist doch ein Kompliment! Hab dich nicht so!“ Mein persönlicher Favorit: „Ihr Feminist*innen! Ihr braucht euch aber auch wirklich nicht wundern, dass keiner euch haben will! – Soll ich jetzt auch Bäum*innen schreiben?“

Dabei sind die angeführten Beispiele nur die Spitze des Eisbergs. Sie sind Teil eines gewaltigen Problems, das sich von sexistischen Äußerungen und Beleidigungen bis hin sexualisierter und/oder körperlicher Gewalt erstreckt und für viele Menschen, vor allem Frauen*, Alltag ist. Die in den letzten Wochen und im Zuge der Veröffentlichung des Skandals um Harvey Weinstein angestoßene Internet-Kampagne #metoo lässt das Ausmaß der weltweiten Erfahrungen von Frauen* mit Sexismus und sexualisierter Gewalt deutlich werden. Was für einige überraschend sein mag, ist für viele feministische Initiativen und Frauen*rechtler*innen seit Jahrzehnten Teil politischer Auseinandersetzungen. Am 25. November jährt sich erneut der Tag gegen Gewalt an Frauen*. Und trotz der hart erkämpften Fortschritte beschreiben die Stellungnahmen vieler Organisationen an diesem Tag heute wie damals die immer gleichen Probleme. Auch 2017, so scheint es, sind die Forderungen dieselben geblieben und Veränderungen geschehen immer noch nicht schnell genug.

Mit dem Blick auf den gesellschaftspolitische Rechtsruck wird klar, dass der gemeinsame Kampf gegen Gewalt an Frauen* und Mädchen nicht selbstverständlich ist und bleibt. Im Gegenteil. Zeigt sich doch gerade hier ein Erstarken zutiefst chauvinistischer und frauen*feindlicher Weltbilder, als Markenkern konservativer und rechter Bewegungen. Einer Politik, die unlängst Teil politischer Entscheidungen geworden ist. So ist es wichtiger denn je, sich für eine geschlechtergerechte und gewaltfreie Gesellschaft stark zu machen und vor allem glaubwürdig nach außen zu tragen, was auf dem Spiel steht, wenn wir das Feld den Gaulands, Trumps und Storchs dieser Welt überlassen. Es darf keine Nebensache sein, sich für Frauen* und Freiheitsrechte stark zu machen. Es muss ein Grundprinzip unseres politischen Handelns sein.

Kampagnen wie #metoo sind wichtig und richtig, weil sie Öffentlichkeit schaffen und den Betroffenen eine Stimme geben. Sexismus ist keine Bagatelle. Vor allem ist es nicht die Schuld oder das „humorlose Unverständnis“ der Frauen*, wenn das meist männliche Gegenüber glaubt, ein Recht darauf zu haben, Frauen* anzugreifen, abzuwerten oder Gewalt auszuüben. Sexistische Kommentare sind kein Flirt und die Objektivierung von Frauen* kein Kompliment. Sexualisierte Gewalt ist ein Verbrechen und nicht, so die patriarchale Erzählung, die Schuld der Frau* oder eines vermeintlich zu kurzen Rockes. Alles andere ist gefährliche Verharmlosung und eine unsägliche Verspottung der Opfer. Und es liegt auch in der Verantwortung der Männer*, sich selbst und ihre Privilegien, den Status Quo männlicher Dominanz, zu hinterfragen, sich solidarisch zu zeigen mit den Betroffenen und emanzipatorische Politik als ein gemeinsames Projekt zu begreifen.

Zum Schluss noch eine persönliche Anmerkung: Ich lache nicht um „schön auszusehen“, sondern weil ich möchte. Das klingt einfach, und das sollte es auch sein. Schließlich verbirgt sich darin doch eine wesentliche Forderung: Selbstbestimmung.