Ich archiviere, also bin ich

Von Wulf Skaun

Dem Förderkreis Archive und Bibliotheken zur Geschichte der Arbeiterbewegung gehören namhafte Mitglieder an, die nicht nur symbolisch an Hege und Pflege dieser nach der Epochenwende gefährdeten Gedächtnisinstitutionen mitwirken. Ist doch ihr beruflicher wie privater Alltag mit diesem kulturpolitischen Erbe eng verknüpft. Der Leipziger Historiker Manfred Neuhaus zählt zu ihnen. Ein grandios Leidenschaftlicher, wenn es um mühseliges Suchen und glückhaftes Finden archivalischer und bibliothekarischer Artefakte, also von Quellen und Zitaten, geht. Beinahe legendär ist sein Fahndungserfolg im Dienste des großen Universalhistorikers Walter Markov. Er spürte einen Beleg auf, den der Altmeister partout nicht finden konnte. Markovs Dank an den „Herrn Kollegen“ kam einem Ritterschlag für den jungen Neuhaus gleich. Kürzlich war Michael Brie dankbarer Nutznießer seines beinahe lexikalischen Wissens und quellenbewussten Ahnens auch über ziemlich abgelegene Fragen. Wer außer ihm wüsste wohl Auskunft zu geben, ob Friedrich Engels die Tea-Party zu Robert Owens 80. Geburtstag am 14. Mai 1851 in Manchester mit gefeiert habe? Diese Neuhaus-Präsenz beruht auf souverän-professioneller Quellenkunde.

Auch der Kritischen Neuausgabe von Lenins Imperialismuskritik im Vorjahr verhalf sie zu höchster Akribie. Die Herausgeber Wladislaw Hedeler und Volker Külow profitierten vom editionsphilologischen Knowhow des Historikers, den Tugenden des apothekerpräzisen Zitierens, widerspruchsfreien Umgangs mit Fußnoten und regelgerechten Quellennachweises. Fast überflüssig zu erwähnen, dass Neuhaus über eine riesige Privatbibliothek gebietet. Zu den Wahnsinnsschätzen an Büchern gesellen sich Unmengen Zeitungen, Zeitschriften, Pamphlete sowie Karteikästen, Kartons und „Tüten“ voller Schnipsel-Wissen von A?Z. Als wollte sein Leben ewig währen, schneidet Neuhaus immer noch aus unzähligen Publikationen fleißig aus und sortiert ein. Frei nach Descartes: Ich archiviere, also bin ich.

Den Vereinsfreunden ist der inzwischen 70-Jährige seit den Gründungstagen des Förderkreises als Spezialist für die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung bekannt. An der Karl-Marx-Universität Leipzig lehrte und forschte er, seit 1987 auch als ordentlicher Professor auf diesem Fachgebiet, bearbeitete mit jungen Enthusiasten Bände der Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) und engagierte sich für eine moderne editionswissenschaftliche Ausbildung. Mit Mitstreitern wagte er bereits vor drei Jahrzehnten den damals für Archive und Bibliotheken noch bevorstehenden Sprung aus Gutenbergs ins digitale Zeitalter, indem er die computergestützte Informationsverarbeitung in der MEGA initiierte. Auch dies mag ihn dafür qualifiziert haben, für das MEGA-Projekt in der ost-erweiterten BRD an verantwortlicher Position, nunmehr an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und unter dem Dach der Internationalen Marx-Engels-Stiftung Amsterdam, fortwirken zu können. Was er dabei leistete, kam gelegentlich auch dem Förderkreis zugute. So bereicherte Manfred Neuhaus neben Walter Schmidt und anderen die Erkenntnisse zum Demokratieverständnis der deutschen Arbeiterbewegung von 1848 bis 1900.

Die Dialektik von Demokratie und Arbeiterbewegung, von Demokratie und Sozialismus beschäftigte den Historiker seit jeher. So war es nur folgerichtig, dass er von Anfang an dabei war, als seine akademischen Lehrer Helmut und Jutta Seidel, Walter Markov, Manfred Kossok und Gustav Seeber 1991 in Leipzig den Rosa-Luxemburg-Verein aus der Taufe hoben. In der Nachfolge von Gustav Seeber hatte er von 1992 bis 1998 den Vorsitz inne, später übernahm er von Helmut Seidel die Verantwortung für den Wissenschaftlichen Beirat der sächsischen Landesstiftung der Linken. In dieser Funktion ist er maßgeblich für das stiftungseigene Publikationsprogramm verantwortlich. Gemeinsam mit Klaus Kinner hat er sich um die Herausgabe der nicht nur in der Fachwelt beachteten „Rosa-Luxemburg-Forschungsberichte“ verdient gemacht. Beiden Historikern ist im Ruhestand mit „Jour fixe, dem unkonventionellen Gesprächskreis“, noch ein besonderer Clou gelungen. Ihre durchaus selbstsüchtige Idee setzt darauf, nicht im stillen Kämmerlein über philosophische und politiktheoretische, literarische und künstlerische Fragen unserer Zeit brüten zu wollen. Stattdessen Freunde, Bekannte, Interessierte und Einsame zusammenzubringen und sich mit ihnen in ungezwungenem Diskurs gemeinschaftlicher intellektueller Ertüchtigung zu erfreuen. Ein Solidarpakt gegen soziale Vereinzelung und geistiges Einrosten! Dass er auch so verstanden wird, beweisen die jeweils bis zu fünf Dutzend Teilnehmer und ihre angeregten bis heftigen Sachdebatten am besten.