Den AMIGA-Mythos in Bernburg (Saale) erleben

„70 Jahre AMIGA – Mythos und Kult des ersten deutschen Schallplattenlabels“, so ist eine Sonderschau zum Jubiläum überschrieben. Weder zum 50. noch zum 60. Jubiläum hat es eine derartige Präsentation gegeben. „Es hat einfach keiner dran gedacht“, sagt Torsten Sielmon, der die Idee zur Ausstellung hatte und Wege fand, sie umzusetzen. Er war ist ein großer AMIGA-Fan und arbeitet im Museum Bernburg, das sich im Schloss der Saalestadt in der Nähe von Dessau befindet. AMIGA-Fans aus ganz Mitteldeutschland, wenn nicht aus ganz Ostdeutschland sind aufgerufen, in die Saalestadt zu pilgern, um sich die Geschichte des schwarzen Vinyl-Goldes der DDR vor Augen zu führen. Wer noch nie in Bernburg war, dem sei versichert: Es lohnt sich, die alte Herzogsstadt zu besuchen, in dessen Schlossareal nicht nur wie in Torgau noch die Bären hausen, sondern das darüber hinaus noch einen „Eulenspiegel-Turm“ besitzt. Ralf Richter war dort und hat mit Torsten Sielmon gesprochen.

Wie verlief die Vorgeschichte der Ausstellung?

Vor zwei Jahren hatte ich hier im Hause die Ausstellung „Künstler – Bühne – Show“. Im 25. Jahr der deutschen Einheit reflektierten wir mit der Exposition die Geschichte deutsch-deutscher Künstlerbegegnungen. Im Zusammenhang damit traten wir in Beziehung zu Herrn Stempel …

Jörg Stempel war der letzte AMIGA-Chef …

Ja, und er betreut die Hinterlassenschaften des Labels bis heute. Diese gemeinsame Ausstellung also vor zwei Jahren muss ihn überzeugt haben, dass „die Bernburger“ das können. Sie war so etwas wie unsere Referenzkarte für eine weitere Zusammenarbeit.

Eine Beziehung zu AMIGA haben viele – aber wer weiß schon, wann AMIGA gegründet wurde und welche Jubiläen anstehen?

Es war jener Herr Stempel, der mir vor zwei Jahren davon erzählte. Im Februar 2016 war „Karussell“ in Leipzig unterwegs. Sie brachten zu diesem Zeitpunkt gerade ihre Jubiläumsbriefmarke heraus.

„Karussell“ – ich erinnere mich an „Wer die Rose ehrt“ und „Als ich fortging“. Welches Jubiläum hatten die im vorletzten Jahr?

Ihr 40. Bandjubiläum. Es erschien die DVD „Karussell – Ehrlich will ich bleiben“ und aus diesem Anlass gab die LVZ-Post eine Karussell-Briefmarkensonderedition mit Sonderstempel heraus. Ich wurde zu diesem Jubiläum eingeladen, und dort hat Jörg Stempel mir gesagt: Nächstes Jahr feiert AMIGA seinen 70. Geburtstag! Als ich ihm sagte, dass wir doch da eine Ausstellung machen könnten, war er allerdings noch nicht so begeistert …

Wann kam der Durchbruch?

Es vergingen einige Monate, und als ich ihn im Oktober zur Verleihung der „Goldenen Henne“ traf, sagte ich ihm: Du, der Termin für die AMIGA-Geburtstagsausstellung steht fest bei uns im Kalender!

Sie haben also ihrem Freund die Pistole auf die Brust gesetzt, wenn man das so sagen darf.

Ohne diese Zusammenarbeit wäre es völlig undenkbar gewesen – allein wenn man an die Rechte denkt bei Bildern, TV-Sequenzen usw., da brauchten wir grünes Licht von AMIGA. Allerdings sind die Rechte auf die Dauer der Ausstellung beschränkt, das heißt bis zum 28. Januar 2018.

Wenn es um DDR-Geschichte geht, wird oft eine zeitkritische Betrachtung erwartet, was wiederum bei Ostdeutschen oft auf Verwunderung stößt. Wie sind sie damit umgegangen?

Das ist eine Geburtstagsausstellung – keine kritische Betrachtung. Im Deutschlandfunk Kultur gab es bereits einen Beitrag. Der Mitarbeiter vermisste die kritische Auseinandersetzung mit der DDR-Vergangenheit. Ich finde seine Position als Kulturkritik angemessen. Allerdings kam der Mann mit einer vorgefertigten Meinung her und wollte einen Beitrag machen unter der Überschrift „Anpassung, Zensur …“ Genau das war nicht mein Thema, als ich die Ausstellung konzipierte.

Was der Redakteur vom Deutschlandfunk Kultur von einer AMIGA-Ausstellung erwartet, ist wahrscheinlich nicht das, was die vorrangig ostdeutschen Besucher von einer AMIGA-Geburtstagsausstellung erwarten.

Die Ausstellung ist durchaus nicht unkritisch, aber wir haben darauf verzichtet, mit dem Zeigestock auf Negatives hinzuweisen. Viele Besucher haben sich über die Jahrzehnte an AMIGA-Produkten erfreut und wollen sich einfach einmal erinnern an Musik und Bilder von Schlagersängern und Rockgruppen, die in der DDR bekannt waren. In erster Linie für sie ist diese Ausstellung gedacht. Hier wird die Breite der Palette dargestellt, die AMIGA bediente: Klassik, Schlager, Märchen, Hörspiele etc.

Welchen persönlichen Bezug haben Sie zur Musik und zu AMIGA?

Ich habe AMIGA-Schallplatten gekauft und gesammelt – fast 80 Prozent der Schallplatten, die hier zu sehen sind, stammen aus meiner Sammlung, in der sich 400 AMIGA-Platten befinden. Die Lizenzplattenwand stammt komplett daraus. Als kleiner Junge war ich begeistert von der Puhdys-Platte „Heiß wie Schnee“. Den Titel „Melanie“ habe ich auf der Waschschüssel mit Begeisterung mitgetrommelt und bin später dementsprechend Schlagzeuger geworden. Ich wurde mit 16 Jahren Musiker in einer Band in den AMIGA-Zeiten, habe zum Beispiel die Einstufung gemacht. Die war notwendig, um in der DDR öffentlich aufzutreten, und sie hatte sowohl Vor- als auch Nachteile.

Es gab ja auch bei den öffentlichen Veranstaltungen eine interessante Reglementierung. So etwas Ähnliches gab es in Frankreich auch, was ebenfalls Kulturförderung hieß und dazu führte, dass mehr in der Landessprache statt in Englisch gesungen wird.

Die 60-40 Reglementierung bestimmte, dass in den Diskotheken zu sechzig Prozent „Ostmusik“ gespielt werden musste und nur zu vierzig Prozent „Westmusik“ erlaubt war. Darunter litten vielleicht manche Disko-Besucher, andererseits trug sie dazu bei, dass einheimische Musik bekannt gemacht, gespielt und auch gefördert wurde. Wir in unserer Band als lokale Tanzmusiker fühlten uns in unserer Kreativität herausgefordert und begannen, eigene Texte zu schaffen und Lieder zu schreiben.

Wer gesellschafts- und sozialkritische Texte in der BRD schrieb oder schreibt, wird auch nicht zwingend im öffentlich-rechtlichen Radio gespielt.

Lassen Sie mich noch eine Ergänzung machen: Die Reglementierung und Einstufungspflicht hatte auch etwas mit Qualitätssicherung zu tun. Es wurde nicht jeder auf die Menschheit los gelassen, wenn ich es mal so salopp sagen darf. Für die Auftritte wurde eine Art Drehbuch geschrieben mit Begrüßung, Zwischentexten usw. Die Zuhörer sollten einen gestalteten Auftritt aus einem Guss genießen können.

Sie haben mit ihrer Ausstellung immensen Aufwand betrieben und sogar die Jüngsten einbezogen.

Ich arbeite ja auch als Museumspädagoge, und da sind wir zu den Schülern der Region gegangen und haben das Thema Schallplatte vorgestellt. Am Ende haben die Schüler ihre persönliche Schallplatte auf Papier künstlerisch gestaltet.

Die künstlerische Gestaltung der Plattencover ist auch ein besonderes Thema.

Wenn Sie die künstlerisch toll gestalteten Cover zusammen mit den der jeweiligen Zeit entsprechenden Abspielgeräten sehen … diese Kompositionen wirken wie emotionale Fotoalben, die Geschichten erzählen. Wer in der Zeit gelebt hat, weiß wovon ich spreche, und wer nicht, kann es sich vielleicht beim Ausstellungsbesuch von seinen Eltern oder Großeltern berichten lassen. Was jeder sehen kann: Die AMIGA-Plattencover waren regelrechte Kunstwerke. Wundervolle Lithographien, hochwertige Druckerzeugnisse, die allein ein Kapitel für sich darstellen.

Sie zeigen auch Leihgaben.

Sehr lohnenswerte. Zum Beispiel die erste Schellackplatte aus dem Jahr 1947, im Mai erschienen – da war AMIGA gerade einmal zwei Monate alt. Der Interpret war Kurt Reimann mit dem Titel „Capri-Fischer“. Ich musste bis nach Bad Muskau fahren, um den Besitzer zu überzeugen, diese Platte zur Verfügung zu stellen. Aber es sind auch andere Exponate zu sehen, wie die Jacke von Tamara Danz bzw. Jürgen Ehle von Pankow oder Frank Schöbels erster Anzug aus dem Jahr 1971.

Gab es interessante Geschichten, auf die Sie gestoßen sind?

Im Rahmen der Vorbereitung erfuhr ich, dass Dean Read eine besondere Beziehung zu Bernburg hatte, die hier kaum einer kennt. Der in der DDR bekannte Mann aus Colorado kam Jahr für Jahr inkognito nach Bernburg, um hier am Bett für eine schwerkranke Frau, die ein großer Fan von ihm war, mit der Gitarre ein Privatkonzert zu geben. Das war in den 80er Jahren. Die Frau stand mit Dean Read im Briefkontakt. Darüber hat er selbst nie gesprochen und ich habe es nur durch die Schwester der schwerstbehinderten Frau erfahren, die inzwischen gestorben ist.

Woher kommt eigentlich der Name Amiga?

Amiga ist ja Spanisch und heißt „Freundin“. Es war der Spanienkämpfer, Schauspieler und bekannte Arbeiterlieder-Sänger Ernst Busch, der gute Beziehungen zur sowjetischen Kommandantur hatte und mit deren Genehmigung 1947 dieses Label aus der Taufe hob. Allerdings war seine private „Lied der Zeit Schallplattengesellschaft mbH“ wirtschaftlich nicht erfolgreich, so dass AMIGA 1954 zum VEB Deutsche Schallplatten Berlin wurde.

Wie haben die einstigen AMIGA-Künstler mitgespielt?

Das sieht man hier an großen Bannern mit Grußbotschaften von Künstlern an die Ausstellung, so von Fank Schöbel, Heinz-Rudolf Kunze, Andreas Holm, Thomas Lück, Angelika Mann und Matthias Reim. Von Peter Maffay ist eine Gitarre dabei. Kunze selbst hat noch eine kleine AMIGA-Platte herausgebracht. Die Verehrung für AMIGA ist also durchaus eine gesamtdeutsche Angelegenheit, wie wir beweisen. Somit hatten wir kaum Probleme, an interessante Exponate zu kommen – wenn auch die Bereitschaft zur Unterstützung durchaus unterschiedlich ausgeprägt war, denn wer heute noch groß im Geschäft ist, wird wegen einer AMIGA-Ausstellung vielleicht nicht extra in den Keller steigen. Umso dankbarer sind wir allen, die uns dennoch unterstützt haben.

Wo kann man sich Appetit holen und bis wann kann man die Ausstellung noch sehen?

Gehen Sie auf www.hitwand.de. Bis 28. Januar haben Ihre Leserinnen und Leser Zeit, 70 Jahre AMIGA – Kult und Mythos in Bernburg zu erleben, wozu Sie herzlich eingeladen sind.