Das Ringen um die kulturelle Hegemonie

Jour fixe erkundet nach AfD-Wahlerfolg intellektuelle Strategien der Neuen Rechten. Von Wulf Skaun

Jour fixe als Idee: kollektive Aneignung themenrelevanter Literatur für tieferes Verständnis aktueller realpolitischer Vorgänge. Jour fixe als Praxis: Der unkonventionelle Gesprächskreis an der Leipziger Dependance der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen erkundet Mitte Oktober auf seinem 26. Treffen den Ideengehalt des vielbeachteten Buches von Volker Weiß „Die autoritäre Revolte. Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes“, um Genese, Zielsetzung und Methodik der Neuen Rechten besser zu erkennen. Eine brandaktuelle, gewichtige Problematik angesichts des historisch einschneidenden Rechtsrucks, den der Einmarsch der rechtspopulistischen AfD in den neuen Bundestag bedeutet. Moderator Michael Zock räumte Monika Runge denn auch üppige 45 Minuten für ihr Impulsreferat ein. Die Philosophin nutzte sie, um theoretische und empirische Befunde des Buchautors mit Bezug auf die politpraktische Bewegung der Neuen Rechten zu analysieren und Anregungen für linkes Denken und Handeln abzuleiten. Mit ihrem dichten, gedanklich und begrifflich anspruchsvollen Vortrag entging sie dabei nicht immer der Gefahr, ihre diskursorientierte Vorlage durch ein Überangebot Weißscher Detailinformationen und Erkenntnisse zu überfrachten. „Schwere, aber aufschlussreiche Kost“, resümierte der Moderator mit Blick in das wiederum zahlreich erschienene Auditorium.

Das wurde für seine konzentrierte Aufmerksamkeit mit manch erhellender Einsicht belohnt. Beispielhaft kann hier nur auf solche zur intellektuellen Strategie der Neuen Rechten verwiesen werden. Deren Denkmuster sind bereits bei Autoren wie Oswald Spengler, Ernst Jünger, Ernst von Salomon und Arthur Moeller van den Bruck in Publikationen der Weimarer Zeit zu finden. Nach 1945 wurden sie vom Schweizer Armin Mohler in einer Melange von Nationalsozialismus, europäischem Faschismus und Radikalkonservatismus ausgebildet und weitergetragen. Von den französischen Rechten bezog ihr deutsches Pendant strategische Impulse, wie die Konzentration auf Metapolitik. Nach Weiß gehe es dabei darum, das dem Politischen unmittelbar vorgelagerte Feld des Kulturellen mit all seinen habituellen, sprach- und sexualpolitischen Teilbereichen zu besetzen. Während in der Linken immer wieder Antonio Gramsci mit seiner Forderung nach Eroberung der kulturellen Hegemonie zitiert werde (worauf der kürzlich verstorbene Philosoph Volker Caysa auch die Linkspartei hinlenkte), machten die neuen Rechten seit langem damit Ernst: den Rechtsextremismus durch intellektuelle Metapolitik zu steuern, um dadurch kulturelle Hegemonie zu erlangen. Eine intellektuelle Bewegung sei Voraussetzung für den Erfolg der Rechten; eine wirksame Methode sei, sich in die Diskursschlachten um den Zeitgeist zu begeben und durch gezielte Tabuverletzungen Aufmerksamkeit zu erzeugen. Dieses metapolitische Konzept sei, so Weiß, der „gangbarste Weg“ unter demokratischen Bedingungen, nicht etwa der (frontale) Kampf gegen die Demokratie. Metapolitik sei so zunächst eine auf Intellektuelle zugeschnittene Strategie gewesen. Mit den Bewegungen gegen Political Correctness, die Ehe für alle, Gender-Mainstreaming und moderne Sexualaufklärung stellten sich auch praktische und politische Erfolge ein. Sarrazin-Debatte und Pegida-Bewegung hätten es sogar vermocht, die durch Tabubrüche geprägte Semantik der Neuen Rechten in breiten Bevölkerungsteilen zu verankern. Auf diese Weise sei es gelungen, aus Theoriezirkeln auf Rednertribünen, ins Internet und in die Parlamente zu gelangen. Den letzten Schritt zur Revision von ’68 stelle nun, so schlussfolgert Weiß, die Bündelung der Kräfte in Gestalt der AfD dar, die die Metapolitik aus dem kulturellen Vorraum auf die politische Hauptbühne überführen soll.

Die Diskussion wurde weitgehend von einem Nachdenken darüber bestimmt, wie die Linke angesichts des politischen Rechtsrucks durch AfD und Co. reagieren, oder besser agieren müsse. In der Auseinandersetzung mit dem Rechtspopulismus, so resümierte Monika Runge, gehe es nicht nur um soziale Belange, sondern stets um die Verteidigung der liberalen und pluralen Demokratie. Die Linke solle die gravierenden Veränderungen im Wählerverhalten, aber auch damit verbundene eigene Versäumnisse furchtlos analysieren, genauer zuhören, wenn Probleme und Alltagssorgen artikuliert werden und die neuen sozialen Medien, derzeit eine Domäne der AfD, wesentlich stärker und effizienter nutzen.

Den Jour-fixe-Abend hatte der Literaturwissenschaftler Klaus Pezold mit der Vorstellung von Ingo Schulzes Schelmenroman „Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst“ eröffnet. Eine Parabel über die Umkehrung autoritärer deutsch-deutscher politischer Verhältnisse im Kopf eines Naiven. Im Feuilleton enthusiastisch gefeiert oder enttäuscht verrissen. Pezolds Urteil fällt verhalten kritisch aus: „Für mich ist der Roman flächenhaft mit Plakatfarbe gemalt, gegenüber früheren von Schulz fein ziselierten Essays, Reden und Artikeln.“