„… das ist das Leben, das ist Theater!“

Jens-Paul Wollenberg stellt das Leipziger „TheaterPACK“ vor

Dieses Zitat aus dem Bühnenstück „Der nackte Wahnsinn“ von Michaeln Frayn, das Ende August die Sommertheaterspielzeit beendete, kann getrost als das Motto gelten, das sich das Ensemble auf die Fahnen geschrieben hat. Gegründet vor zwölf Jahren vom emsig ruhelosen Aktivisten Frank Schletter, kann das TheaterPACK inzwischen auf an die 45 zum Teil sehr gut besuchte Inszenierungen zurückblicken.

„Das ist Theater“, und lebendig ist es stets im Ost-Leipziger „Laden auf Zeit“, in dem sich seit 2015 der Hauptsitz des Theaters befindet. Dort wird geprobt, gehämmert, gesägt, werden Masken, Kostüme und Bühnenbilder entworfen. Und abends gibt es auf der kleinen Bühne ständig abwechslungsreiche Programme zu erleben. Wenn das Stammensemble auf Tour ist, wie bei den unzähligen Sommertheaterveranstaltungen der Region, dann bietet die Räumlichkeit Möglichkeiten für Gastspiele von Akteuren aus Kleinkunst, Jazz, Chanson, Kabarett, Comedy, Literatur oder Poetry Slam.

So präsentiert zum Beispiel der Leipziger Autor und Stückeschreiber Christian von Aster allmonatlich am dritten Donnerstag die Reihe „Staun und Schauder“ unter dem Motto „Literatur, Subversion und wundervolle Gespräche“. Es wird jeweils ein prominenter Gast vorgestellt.

In diversen Zeitabständen kommt es auch zu aktuellen, teils politischen Gesprächen. Seit 2016 probt im Laden auch der sogenannte Kneipenchor. Frank Schletter – der in der Mitte der 80er ein Schauspielstudium begann, das er allerdings nach anderthalb Jahren abbrach, um in der Leipziger Moritzbastei den Posten als Instrukteur für Öffentlichkeitsarbeit zu übernehmen – interessierte sich schon sehr früh für das Theater. Am Ende der 80er Jahre begann er an der Grafikhochschule in Hallean der Saale auf der Burg Giebichenstein erneut ein Studium, das er jedoch während der Wendezeit ebenfalls unterbrach. Er ging wieder nach Leipzig, wo er am Schauspielhaus für sechs Jahre als Grafiker in der Werbeabteilung tätig wurde. Etwa in dieser Zeit wuchs sein heimlicher Wunsch, selbst Theater zu machen.

Während der dreimonatigen Proben für das Stück „Die Stunde, da wir nichts von einander wussten“ von Peter Handke in einer Inszenierung von Wolfgang Engel (übrigens ein Stück ohne Text) bekam Frank die Chance, diesen beizuwohnen, um die Szenen grafisch festhalten zu können. Dabei konnte er nützliche Erfahrungen zur Kunst des Inszenierens sammeln. Nach seinem Wechsel zum „Theater der Jungen Welt“ bekam er zwei Jahre später das Angebot, im Leipziger Stadtteil Grünau am „Theater Fakt“ erstmalig selbst als Regisseur zu agieren, bevor er 2005 letztlich ein eigenes Ensemble gründete.

Mitstreiter hierfür gewann er teils durch die damalige Zentrale Bühnenvermittlung oder in Kollegenkreisen. Unterstützung fand er auch vom in Leipzig sehr populären Theatermacher Didi Voigt, der bereits zu DDR-Zeiten Jugendliche dazu inspirierte, sich mit Schauspiel zu befassen. Er gewann talentierte Laien für sein legendäres „Theaterlabor“ und förderte sie. Das gelang ihm oft, was der Umstand beweist, dass etliche Talente sein „Labor“ als Sprungbrett nutzten, um eine professionelle Laufbahn einzuschlagen. Gleiches sollte später dem TheaterPACK widerfahren.

Nach monatelanger Probenarbeit mit dem neu gegründeten Ensemble folgte noch 2005 die erste Premiere – mit dem Stück „Die Geisterseher“ nach einer unvollendeten Novelle von Friedrich Schiller. Das Stück kam beim Publikum sehr gut an, und für alle Beteiligten stand fest: Weitermachen!

Frank Schletter war von Anfang an klar, dass aus finanziellen Gründen keine eigene Spielstätte, geschweige denn ein eigenes Haus zur Verfügung stehen würde. Also beschloss er mit seinen enthusiastischen Mitstreitern, die ihm teilweise noch heute die Treue halten, eine freie Theatergruppe zu gründen, quasi ein umherziehendes Ensemble. So entschied man sich für den Titel „TheaterPACK“.

Schletters spezielle Art, Regie zu führen, basiert auf Erkenntnissen, die ihm bereits vorher zugutekamen. Dabei war und ist er auch bereit, zu experimentieren, er achtet jedoch akribisch darauf, den Rahmen theatralischer Gebote nicht zu sprengen, und legt großen Wert darauf, allgemein verständlich zu bleiben. Besonders die Würde der Sprache soll erhalten bleiben.

Während der Probenphasen kommt es nicht selten zu ernsthaften Diskussionen zwischen Darstellern, Regieassistentinnen und Kollegen. Tauchen Zweifel an der Durchführung dramaturgischer Irrungen auf, verfallen sie jedoch nicht dem Chaos, da Schletter es glänzend versteht, beruhigend zu vermitteln, zu besänftigen. Er wirkt in diesen Fällen keineswegs diktatorisch, ganz im Gegenteil. Es ist schon bemerkenswert, mit welcher Geduld und stoischen Gelassenheit er Probleme bewältigt.

Im „Laden auf Zeit“ werden hauptsächlich Stücke mit kleiner Besetzung aufgeführt, während man sich in der Sommertheaterzeit schon an aufwändigere Inszenierungen wagt. So wirkten zum Beispiel in der „Odyssee“ nach Homer fünfzehn Darsteller mit, wobei Schletter wichtig erschien, dass sie mehrere Rollen übernehmen. Deshalb ist ein häufiger Kostümwechsel hinter den Kulissen nicht zu vermeiden. Auch Stevensons „Schatzinsel“ oder Pratchetts „Mordverdacht“ wurden mit großem Aufwand inszeniert.

Die Kostüme werden, falls noch nicht vorhanden, selbst genäht, oder man leiht sie aus; Requisiten ebenfalls. Und wenn die großen Theater der Stadt ausgediente Kulissenteile entsorgen, ist Schletter gleich zur Stelle. So leistet das TheaterPACK auch zum Recycling einen großen Beitrag. Sparsamkeit wird groß geschrieben, denn es gibt so gut wie keine Zuschüsse von höherer Ebene. Frank Schletter und sein Gefolge zeichnet aus, dass sie sehr idealistisch sind. So werden die Eintrittsgelder erst am Jahresende gerecht unter allen Beteiligten aufgeteilt, nach Abzug der Unkosten für Miete, Heizung, Strom, Wasser oder Benzin.

Das Ensemble setzt sich nicht nur aus Laien und professionellen Darstellern zusammen. Oft stoßen junge Leute aus bloßer Neugier dazu, um sich auszuprobieren, oder auch Studierende der Theaterwissenschaft, die eine praktische Theatererfahrung vermissen. Sie können im „PACK“ eine Art Praktikum in kreativen Bereichen wie Maskenbild, Bühnenbild, Dramaturgie oder Schauspiel durchführen.

Ein außergewöhnliches Beispiel kreativer Vitalität lieferte der dreiundzwanzigjährige Student der Theaterwissenschaft Alejandro Vallejo. Der in Bogota geborene Kolumbianer, der vier Jahre zuvor nach Deutschland gekommen war, ist ein wahres Sprachgenie. Innerhalb kürzester Zeit erwarb er Vorkenntnisse der deutschen Sprache; schon nach einem zweijährigen Aufenthalt war er fähig, erste Gedichte in Deutsch zu verfassen und auch an einem Theaterstück zu arbeiten, der am 30. Mai 2017 im „Laden auf Zeit“ seine Premiere hatte.

Das Stück mit dem Titel „Ich werde jetzt tanzen und möchte es möglichst real wirken lassen“ in der Regie des Verfassers und Frank Schletters handelt von einem vereinsamten Mann, der aus seiner beinahe ausweglosen Situation – er kann nicht gut gehen – auszubrechen versucht. Das scheint ihm letztlich auch zu gelingen, in merkwürdigen szenischen Zwischenfällen. Mit cleveren und abwechslungsreichen Überraschungen überzeugt das zum Teil auch sozialkritische Stück durch surreal-grotesk anmutende Subversivität. Inzwischen erarbeitet der sympathische „Umhergetriebene“ Alejandro an einem zweiten Stück, wobei er die praktische Umsetzung mit seinen im Studium erworbenen theoretischen Kenntnissen verbinden kann.

Die Vielfalt des Spielorts wird zusätzlich bereichert durch Ausstellungen beispielsweise origineller Kostümentwürfe, Grafiken und Gemälde Frank Schletters oder anderer Protagonisten aus dem Bereich der Bildenden Kunst. Oder durch Stücke, die in denen die Zuschauer ganz bewusst einbezogen werden, wie in „Menschen mit beleuchteten Häuptern“, wo es heißt: „Eine These steht bereits im Raum“, wo das Publikum aufgefordert wird, seine Stimme abzugeben, um selbst ein Teil des Experiments zu werden. Dabei ist abzustimmen, was letztendlich als Antwort auf die übergeordnete Frage gegeben werden kann: „Ist Kunst oder Theater in der Lage, die Gedankenwelt der Menschen zu beeinflussen?“

Dass sich hierbei eine schöpferische Lebenskraft entwickelt, die Lebendigkeit und Vielfalt im geistigen Sinne fördert, ist die Voraussetzung für gelungene Veranstaltungen. „Das ist das Leben, das ist Theater.“ Weiter so!