„Am Liberalismus gehen die Völker zugrunde!“?

Auszüge aus dem Vortrag von Dr. Monika Runge

Die wesentlichen Stichworte [der Neuen Rechten] sind: „Volksaustausch“ und „Identität“ sowie die Formel alter Rechter aus der Zeit der Weimarer Republik. Der Grundtenor lautet: „Am Liberalismus gehen die Völker zugrunde!“ Alle eint eine tiefe Sehnsucht nach staatlicher Autorität und völkischer Bindung, für deren Verschwinden der westlich-liberale Einfluss verantwortlich gemacht wird. Der Antiliberalismus ist zwischen der alten und neuen Rechten konstant geblieben. In einer Rede von Björn Höcke in Erfurt wird das auf den Punkt gebracht: „Der Islam ist nicht unser Feind, unser größter Feind ist die Dekadenz!“

Wie steht es nun um das Verhältnis der neuen Rechten zum Islam? Die Neuen Rechten wissen durchaus zwischen Islam als Religion und dem politischen Islam zu unterscheiden. Mehr als der Kampf gegen den Islam gilt aber der neuen Rechten die Bewahrung der „ethnischen, also volkstümlichen Substanz“ eines Landes, die in ihren Augen erst die Grundlage ihrer „Kultur“ in den ihr zugehörigen „Räumen“ bilden. Die betreffenden Menschen sollen gefälligst in ihren Räumen verbleiben. Die Einwanderung und die zunehmende Präsenz des Islam und seiner Strömungen im öffentlichen Raum, der weltweite islamistische Terror und schließlich die Fluchtbewegungen aus Afrika und dem mittleren Osten nach Europa haben den Inhalten [der Neuen Rechten] enormen Auftrieb beschert. […]

Weiss zeigt in seinem Buch, wie Vertreter des westlichen Liberalismus angesichts autoritärer Realitäten im konservativen Islam sprachlos sind und bestimmte Erscheinungen falsch einschätzen. Das betrifft u. a. auch die Frage nach den Sexualnormen als Indikator für die Freiheit des Einzelnen, wie das Michel Foucault bereits in den siebziger Jahren nachgewiesen hat. Nach ihm sind die Frau, ihr Körper und ihre Sexualität ein zentrales Symbol einer Gesellschaft. Die wachsenden Verhüllungspraktiken des Frauenkörpers in vom politischen Islam geprägten Regionen und bei Frauen auch in Westeuropa zeigen, worum es tatsächlich bei konservativer Auslegung der islamischen Religion geht, nämlich um politische Herrschaft der Männer gegenüber Frauen. Alle religiös fundierten Herrschaftssysteme haben die Sexualität als Schlüssel zur Privatsphäre und damit die Herrschaft über die Gesamtgesellschaft erkannt. Zwischen konservativem Islam und neuen Rechten findet unser Buchautor Volker Weiss in Bezug auf die Genderpolitik Übereinstimmungen mit dem politischen Islam. Denn auch in der europäischen Rechten ist nichts mehr verhasst als Emanzipation, sexuelle und reproduktive Selbstbestimmung. Damit ist der politische Islam selbst Teil der konservativen Revolution gegen den westlichen Universalismus.