100 Jahre Oktoberrevolution – Last und Chancen für Linke

von Volker Külow

Am 7. November jährt sich zum 100. Mal der Jahrestag der russischen Oktoberrevolution. Wie immer über dieses Ereignis beurteilt wird: Es bildet eine Zäsur in der Menschheitsgeschichte. Erstmals wurde der Versuch unternommen, aus dem imperialistischen Weltsystem auszubrechen. Er sollte das Ende von Profitmacherei und Krieg bringen. Zunächst in Russland, dann in der ganzen Welt. Das ist zunächst ein Grund zum Feiern, denn mit dem roten Herbst 1917 verbanden sich große historische Chancen und Leistungen. In seinem 1994 veröffentlichten Weltbestseller „Das Zeitalter der Extreme“ charakterisierte der namhafte marxistische Historiker Eric Hobsbawm die Oktoberrevolution als ein für das 20. Jahrhundert „ebenso zentrales Ereignis, wie es die Französische Revolution von 1789 für das 19. Jahrhundert gewesen war.“

Wir Heutigen kennen das folgende Jahrhundert. Wir wissen, was aus den Ideen und Idealen wurde. Wir wissen, dass die von 1917 eröffnete Epoche des Aufbaus des Sozialismus auch von tiefen Widersprüchen und Irrwegen bis hin zum Stalinismus und seinen Verbrechen geprägt war. Letztendlich scheiterte in den Jahren 1989 ff. der europäische Sozialismus sehr unheroisch und weitgehend an sich selbst und mündete in eine Restauration des neoliberalen Kapitalismus. Angesichts dieser bewegten Geschichte ist das Jubiläum auch für die deutsche Linke und die gleichnamige Partei 2017 der Anlass, an die historischen Ursachen und weltgeschichtliche Bedeutung, an die mit der Revolution verbundenen Hoffnungen auf Frieden, soziale Befreiung und soziale Selbstbestimmung der Massen, aber auch deren Enttäuschungen zu erinnern.

Zu scheitern bedeutet natürlich nicht zwangsläufig, dass alles sinnlos und damit umsonst gewesen sein muss. Ohne die Revolutionen von 1917 bis 1922 hätte es die vielen Aufstände gegen den Krieg und für nationale und soziale Selbstbestimmung nicht gegeben. Das weltweite Kolonialsystem wäre wahrscheinlich noch immer nicht beseitigt und das sozialistische China nicht auf dem Weg zur Weltmacht. Ohne die Sowjetunion hätte auch das viel beschworene „sozialdemokratische Jahrhundert“ (Ralf Dahrendorf) nicht das Licht der Welt erblickt und die Lage der arbeitenden Menschen deutlich verbessert und über mehrere Jahrzehnte den Kapitalismus gezähmt. Der Sieg der Sowjetunion über den deutschen Hitlerfaschismus im Zweiten Weltkrieg war vermutlich die bedeutendste historische Leistung des Sozialismus mit langfristigen Folgen bis in die Gegenwart, wie es Hobsbawm an anderer Stelle seines klassischen Werkes dystopisch-dialektisch beschrieb: „Ohne die Oktoberrevolution bestünde die Welt (außerhalb der USA) heute wahrscheinlich aus einer Reihe von autoritären und faschistischen Varianten aus einem Ensemble unterschiedlicher liberaler, parlamentarischer Demokratien. Eine der Ironien dieses denkwürdigen Jahrhunderts ist, dass das dauerhaftestes Resultat der Oktoberrevolution – deren Ziel es ja war, den Kapitalismus weltweit umzustürzen – ausgerechnet die Rettung ihres Antagonisten im Krieg wie im Frieden war.“

Der 100. Jahrestag der Oktoberevolution wirft natürlich neben der geschichtlichen auch die Frage nach ihrer aktuellen Bedeutung auf, insbesondere für die Suche nach erfolgversprechenden Wegen zu einem überlebensfähigen Sozialismus des 21. Jahrhunderts, wie die international sehr lebhaften Strategiedebatten und auch die Diskurse zum „Post-Kapitalismus“ zeigen. Um dieses Erbe zu heben, darf man die zahlreichen tiefen Widersprüche der Revolution von 1917 keinesfalls ausblenden. Manfred Kossok, dem Anfang 1993 im Alter von 62 Jahren leider viel zu früh verstorbenen Leipziger Revolutionshistoriker und Meisterschüler Walter Markovs, verdanken wir wesentliche Einsichten über diese Widersprüche. Seine nach 1990 dargelegten revolutionstheoretischen Überlegungen bergen für uns noch unabgegoltene Wegweisungen für linkes Denken und Handeln in der Gegenwart. An ihn anknüpfend, sollen vier dieser Widersprüche hier benannt werden:

I. der zwischen dem Erfolg der Revolution in einem kapitalistisch rückständigen Agrarstaat an der Peripherie mit einer zahlenmäßig kleinen industriellen Arbeiterklasse und der zwischen 1918-1923 sehnsüchtig erwarteten kommunistischen „Weltrevolution“ im Westen. Deren Ausbleiben führte dazu, dass der Sozialismus das „Zentrum“ des bürgerlichen Kosmos zwar erschütterte, aber nicht bis dorthin siegreich vordrang (auch nicht nach dem II. Weltkrieg). Dadurch kam es in der Sowjetunion gezwungenermaßen zum „Aufbau des Sozialismus in einem Land“, bei dem die „nachholende“ Revolution von 1917 trotz der nahezu verzweifelten Umsteuerungsversuche und Warnungen des todkranken Lenin 1922/1923 („politisches Testament“) ab Mitte der 1920er Jahre unter Stalin schrittweise in eine bürokratische „Entwicklungsdiktatur“ des Politbüros umschlug.

II. Im Gegensatz zur frühbürgerlichen Revolution ab dem 16. Jahrhundert, die bis 1789ff. mehrere Reifestufen und damit einen Revolutionszyklus hervorbrachte, der sich im 19. Jahrhundert weiterentwickelte, gelang es der sozialistischen Revolution ab 1917ff. nicht, einen ähnlichen Entwicklungs- und Reifeprozess hervorzubringen. Damit war untrennbar verbunden, dass es keine Revolutionierung der übernommenen Produktivkräfte und keinen qualitativen Sprung der Arbeitsproduktivität gab.

III. Der Sozialismus brachte nicht nur keine höhere Produktivkraftentwicklung als der Kapitalismus hervor, sondern auch keine grundsätzlich höhere Form der Demokratie. Das historische Kernproblem besteht Manfred Kossok zufolge darin, dass keines der sozialistischen Länder die Phase des Citoyens, d. h. der erfolgreichen bürgerlichen Revolution, mit einem zumindest zeitweiligen und partiell realisierten Emanzipationsanspruch durchlaufen hat. Das führte zur Unterschätzung der Demokratie als eigenständige Frage der Sozialismusgestaltung und zur überwiegenden Betrachtung des Rechts als Mittel der Macht und nicht auch als Maß von Macht.

IV. Revolution bedeutet stets gesellschaftlichen Ausnahmezustand; die Gewalt ist der „Geburtshelfer“ der neuen Gesellschaft. Während in der bürgerlichen Revolution nach dem Thermidor die äußerste Gewalt zumeist in eine Institutionalisierung der „zivilen Gesellschaft“ mündete, blieb die Gewalt nach dem Bürgerkrieg in Russland bestimmend für die neue sozialistische Ordnung. Damit ging einher, dass bei Krisensituationen im Sozialismus (u.a. 1921, 1953, 1956, 1968, 1980) stets repressiv reagiert wurde und keine anhaltende reformerisch-innovative Anpassung des Sozialismus gelang.

Während im heutigen Russland die Oktoberrevolution eher als unbequeme Erinnerung gilt, sollten wir sie weiterhin als ein welthistorisches Ereignis ansehen, das für immer im Gedächtnis der Menschheit angemessen bewahrt werden muss. Die bürgerliche Gesellschaft begriff die Oktoberrevolution und den aus ihr hervorgegangenen realen Sozialismus jedenfalls als existenzielle Herausforderung, die sie mit dem „Übergang ins globale Zeitalter der Konterrevolution“ (Frank Deppe) beantwortete. Der Jahrhundertsieg des Westens wurde dementsprechend als vermeintliches „Ende der Geschichte“ (Francis Fukuyama) enthusiastisch gefeiert. Der „wackere Maulwurf “ Geschichte war aber keinesfalls verstorben, auch wenn sich die Dialektik von Revolution und Gegenrevolution seitdem grundlegend verändert hat. Nicht mehr der Systemgegensatz von Kapitalismus und Sozialismus, sondern die immanenten Widersprüche des entfesselten Finanzmarktkapitalismus des 21. Jahrhunderts treten erneut ins Zentrum. Eine krisenhafte Übergangsperiode mit einer global extrem ungleichen Entwicklung hat eingesetzt. Das Verlangen nach progressiven linken (noch nicht zwingend sozialistischen) Alternativen zur Teufelsmühle des totalitären Neoliberalismus wird deutlicher; zunehmend gewinnen aber auch autoritäre Scheinlösungen von rechts an Masseneinfluss. Möglicherweise stehen wir erneut an einer Epochenschwelle, die man mit Antonio Gramsci als „Interregnum“ bezeichnen kann, in der „das Alte stirbt und das Neue nicht zur Welt kommen kann“.