Z 111: „Kapital“ total in dieser Nummer

Septemberheft der Zeitschrift Marxistische Erneuerung diskutiert ersten Band von Marx‘ Hauptwerk.

Von Wulf Skaun

Wer erinnert sich nicht an Ronald Beiers maliziöse Marx-Karikatur 1990 mitten im Epochenbruch: „Tut mir leid, Jungs“, entschuldigt sich der Trierer Meisterdenker, „war halt nur so ’ne Idee von mir“. Oder an Francis Fukuyamas vielzitierte These vom Ende der Geschichte und der damit obsolet gewordenen Suche nach Alternativen zum Kapitalismus. Da hatte ein schlichtes katholisches Polit-Köpfchen vorweg schon vollmundig ausgerufen: „Marx ist tot, Jesus lebt!“ Drei Orakel, drei fatale, vorhersehbare Irrtümer. Einen geschichtlichen Wimpernschlag später kracht es im Gebälk der globalisierten Welt ? und der Totgesagte ist mitsamt seinen Ideen wieder in aller Munde. Dem 150. Jubiläum seines Hauptwerks öffnen Parteigänger wie Gegner Tür und Tor. Karl Marx und kein Ende. Selten waren seine Analysen und Theorien lebendiger als heute.

Für die Zeitschrift, die sich die Erneuerung seines Erbes in ihren Namen geschrieben hat, täglich Brot. Die Septemberausgabe, die Z 111, bildet aber doch eine Ausnahme. Beinahe vollständig widmet sie sich mit werkgeschichtlichen und aktuellen Themen dem Erscheinen des ersten Bandes des „Kapital“ im September 1867. Die Schrift stehe heute im „postsozialistischen“ Kontext eines internationalisierten und zugleich von ökonomischen, sozialen und ökologischen Krisen geprägten Weltkapitalismus, heißt es im Editorial. Die unter diesem Blickwinkel geradezu enzyklopädisch breite Analyse des Generalthemas, die Exklusivität der fach- und sachkundigen Autoren und deren erfreulich diskursive und widerspruchsdialektische Argumentationen bestimmen das Heft über die aktuelle Lektüre hinaus zu längerfristigem Gebrauch, einem sich auf der Höhe der Zeit befindlichen Nachschlagewerk gleich. Was lässt sich Nützlicheres über ein Periodikum sagen?

Es ist hier nicht der Ort, auf alle 30 marxzentrierten Beiträge einzugehen. Beispielhafte Fingerzeige mögen die Absicht von Redaktion und Autoren demonstrieren, Marx’ konzeptionelle, theoretische und methodologische Überlegungen in ihren Grundlagen und Grenzen, Widersprüchen und Irrtümern zur Erfassung der heutigen Welt des Kapitals zu diskutieren. So begründet Elmar Altvater seine Auffassung, das 150 Jahre alte „Kapital“ weise immer noch die Alternative, die gesellschaftliche Kapitalform radikal zu verändern. Anders als von Marx erwartet, hätten sich die Eigentumsverhältnisse komplexer und differenzierter entwickelt, weist Jürgen Leibiger auf die daraus resultierenden verschiedenartigen Interessenlagen der lohnabhängigen Klassen und Schichten und die Notwendigkeit neuartiger Lösungen der Eigentumsfrage hin. Neu denken müsse man auch angesichts heutiger globalisierter Wertschöpfungsketten die „Weltarbeiterklasse“ und den Marxschen Subsumtionsbegriff, konstatiert Karl Heinz Roth. In diesem Kontext betont Harry Harootunian, bereits Marx habe den modernen Kapitalismus als Kombination unterschiedlicher Produktionsweisen gedacht und die Annahme eines „vollendeten“, „reinen Kapitalismus“ abgelehnt. Neben solchen und anderen Überlegungen zu Globalität und Vielfalt des modernen Kapitalismus gibt Z 111 pointierten Beiträgen über die entstehungsgeschichtlichen Umstände des ersten „Kapital“-Bandes breiten Raum (Manfred Neuhaus, Carl Erich Vollgraf, Marcello Musto, Michael Heinrich). Welche Hindernisse das anspruchsvolle Werk zu überwinden hatte, bis es in vielen Sprachen sein internationales Publikum fand, beschreiben exemplarisch Xy Yang und Lin Fangfang für China. Acht Autoren argumentieren in ihren Leseempfehlungen, warum es sich lohnt, „Das Kapital“ zu studieren. Sahra Wagenknechts Lesart dürfte besonders jungen Menschen eine Orientierung vermitteln, die sich erstmals mit dem großen Denker beschäftigen. Wie sie Marxens Erkenntnisse mit deren aktueller Erfahrungswelt und zudem in einer erfrischenden Sprache verbindet, gehört zu den Glanzstücken des Heftes. Es schließt mit einem Rückblick auf das legendäre Kolloquium aus Anlass des 100. Jahrestages des „Kapitals“ 1967 in Frankfurt am Main. Eckart Spoos damaliger Bericht in der „Frankfurter Rundschau“ erinnert an Protagonisten der Debatte wie Wolfgang Abendroth, Fritz Behrens, Ernest Mandel, Oskar Negt, Otto Reinhold und Klaus Steinitz.

Summa summarum: Die Z 111 bekräftigt mit ihrem vielfältigen Marx-Diskurs Friedrich Engels’ berühmte Prophezeiung: „Sein Name wird durch die Jahrhunderte fortleben und so auch sein Werk!“

Z.Zeitschrift Marxistische Erneuerung. Heft 111 (September 2017). Zu beziehen im Buchhandel oder über Redaktion und Verlag Postfach 500 936 in 60397 Frankfurt am Main. E-Mail: redaktion@zme-net.de