Vor 85 Jahren: Götterdämmerung der Weimarer Republik

Von Winfried Steffen

Nach dem Untergang der Hohenzollernmonarchie entstand mit der 1919 gegründeten Weimarer Republik der erste bürgerlich-demokratische deutsche Staat. Belastet mit den Folgen des vom deutschen Imperialismus verlorenen Ersten Weltkriegs, nach wenigen Jahren einer relativen Stabilisierung des kapitalistischen Systems und einem kurzen Aufschwung stürzte das deutsche Volk in eine sich rasch vertiefende Krise. Ab 1929 wurde Deutschland ganz besonders schwer von der von den USA ausgegangenen Weltwirtschaftskrise betroffen.

In der zweiten Jahreshälfte 1932 spitzte sich die soziale Situation großer Teile der Bevölkerung dramatisch zu. Es gab nunmehr in Deutschland 5.772.984 registrierte und zwei bis drei Millionen nicht registrierte Erwerbslose, von denen 4.480.044 finanzielle Unterstützung erhielten. Rund ein Viertel aller deutschen Akademiker war ohne Anstellung. Von 8.000 Absolventen der technischen Schulen fanden nur rund 1.000 Arbeit in ihrem Beruf. Von 22.000 Junglehrern in Preußen fanden nur 900 eine Anstellung, größtenteils als Hilfslehrer oder nur vertretungsweise. Im Zeitraum vom 1. April 1930 bis zum 1. April 1932 war die Arbeitslosigkeit bei den Ingenieuren und Chemikern auf das Fünffache gestiegen, bei den Angestellten um die Hälfte, bei den technischen Angestellten auf das Doppelte. Das durchschnittliche Wocheneinkommen des Industriearbeiters war seit 1929 von 42,20 RM auf 21,75 RM gesunken. Auch die Lage der Angestellten, Beamten und Akademiker hatte sich rapide verschlechtert. 70 Prozent der deutschen Ärzte verdienten monatlich weniger als 170 RM (vgl. Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Chronik, Teil II, Dietz Verlag, Berlin 1966, S. 304-305).

Auf diesem Hintergrund verloren die bei der Gründung maßgeblichen Parteien – die Sozialdemokraten und die Parteien der bürgerlichen Mitte – ihren Masseneinfluss und es kam zum Aufstieg der Hitlerschen NSDAP. Die Reichstagswahlen am 31. Juli 1932 brachten für die KPD 14,6 Prozent, die SPD 21,5 Prozent, die Zentrumspartei 15,7 Prozent, die Deutschnationale Volkspartei 5,9 Prozent und die NSDAP 37,4 Prozent der Wählerstimmen. Unter Führung Hermann Görings zogen in Braunhemden 230 Abgeordnete in den Reichstag ein.

Noch war Reichspräsident von Hindenburg nicht bereit, Adolf Hitler zum Reichskanzler zu ernennen. Zu der von Franz von Papen gebildeten Regierung ging Hitlers NSDAP in Opposition. Die Krise der Weimarer Republik verschärfte sich. Bei blutigen Auseinandersetzungen auf den Straßen deutscher Städte ermordeten die Polizei 81, die Nazis 139 Antifaschisten. 1932 wurden 33.686 Antifaschisten in 7.316 politischen Prozessen angeklagt.

Im Herbst 1932 erschütterte eine Streikwelle ganz Deutschland. Gegen die Notverordnung vom 4. September fanden rund 1.100 Streiks in allen Landesteilen statt. Höhepunkte bildeten die Streiks der 8.000 Arbeiter der Hamburger Hochbahn AG vom 1. bis 4. Oktober und der Streik der Berliner Verkehrsarbeiter (BVG-Streik) vom 3. bis 7. November 1932. Nach vorgezogenen Reichstagswahlen am 6. November 1932 büßte die NSDAP über zwei Millionen Wählerstimmen ein. Die Bildung der Regierung unter General von Schleicher kennzeichnete Ernst Thälmann als ein „Übergangskabinett, als ein Platzhalterkabinett zur Vorbereitung der Hitlerkoalition bzw. Hitlerregierung“. Mit einer am 17. November 1932 von Monopolisten und Junkern eingereichten Eingabe an den Reichspräsidenten und einem vom Freiherrn Kurt von Schröder in dessen Haus organisiertem Treffen am 4. Januar 1933 mit Hitler, von Papen, Heß, Himmler und Keppler gipfelte die Krise der Weimarer Republik am 30. Januar 1933 in der Machtübergabe an Hitler. Das Unheil nahm seinen Lauf.