Von der Festung zur Republik: Europatour im Wahlkampf

Von Tilman Loos

Einer der zahlreichen Bestandteile des Jugendwahlkampfs der linksjugend [’solid] Sachsen war die Europatour. In Chemnitz, Leipzig, Dresden und Bautzen gab es neben Material, Eiskaffee und süßen Leckereien Infomaterial zu linker Europapolitik. Am Anfang konnten alle vorbeilatschenden Leutchen ihre Gedanken zum Thema anhand einiger offener Fragen auf Flipcharts festhalten. Nach zwei Stunden gab’s dann je eine kurze Diskussionsrunde, bei der dreimal je ein Vertreter von DiEM 25, der unter anderem von Janis Varoufakis gegründeten progressiven und europaweiten Organisation, teilgenommen hat. Einmal war zudem ein Vertreter von Pulse of Europe dabei, einmal Conny Ernst als unsere Europaabgeordnete und zweimal Anja Eichhorn aus dem Landesvorstand. Moderiert wurden die Runden von Josi Michalke. Thematisch gab’s je nach Zusammensetzung ein recht buntes Themenhopping. In Chemnitz standen vor allem Strategiefragen im Vordergrund: Was bringt eine Organisation wie DiEM 25? Sollte in Zukunft ein linkes Bündnis in einigen Ländern mit gemeinsamem Programm zur Europawahl antreten? Wie schafft man es, der politischen Rechten entgegenzutreten und den Spagat aus Kritik an der bestehenden Union und einer vorwärtsgerichteten, linken Vision von Europa zu kommunizieren? Auf den anderen Podien ging es eher um die Thematisierung der bestehenden Probleme: Zu wenig Demokratie, zu viel nationale Egoismen, zu viel Wettbewerb und Konkurrenz statt Solidarität. Auch die Frage, wie eine europäische Republik aussehen könnte und wie ihre Demokratie ausgestaltet werden sollte, wurde debattiert.

Ein besonderes Bild bot sich indes in Bautzen: Dort stand circa 30 Meter weiter die NPD mit einer „Kundgebung“, die aus kaum mehr als vier grimmigen Herren bestand, die entweder Wahlaufrufe aus der Dose abspielten oder selbst ins Mikrofon geschrien haben. Da die Bautzener Linksjugendgruppe aus nicht wenigen begeisterten Tänzer*innen bestand, hat zwischendurch gefühlt die Hälfte der Leute an unserem Stand – zu jedem Zeitpunkt deutlich mehr als bei der NPD – zu fetziger Rock’n’Roll-Musik getanzt. Sehr bildlich wurde damit deutlich, wie verschieden die beiden Gesellschaftsvorstellungen auf dem Kornmarkt an jenem Tag waren: entweder eine Gesellschaft, in der marschiert und geschrien wird, oder eine in der getanzt und diskutiert wird.