„Uninformierter Optimismus“

Die Korea-Krise gilt derzeit als Bedrohung des Friedens. Ralf Richter hat mit der in Südkorea geborenen Autorin Anna Kim korrespondiert.

In den Neunzigern gab es kaum ein Buch koreanischer Autoren in Deutschland. Heute ist die Lage wenig besser. Sie sind als Kind koreanischer Eltern in Wien aufgewachsen und haben Koreanisch gelernt. Wie alt waren Sie, als sie das erste Buch eines koreanischen Autors lasen, und worum ging es?

Ich bin zwar zweisprachig aufgewachsen, doch für meine Eltern hatte die deutsche Sprache Vorrang gegenüber der koreanischen – es war ihnen wichtiger, dass mein Bruder und ich Deutsch beherrschten als dass wir fließend Koreanisch sprachen. Deshalb ist mein Koreanisch nicht besonders gut. Außerdem lasen wir zuhause ausschließlich deutschsprachige Literatur. Ich bin also mit Otfried Preußler, Erich Kästner, Mira Lobe, Christine Nöstlinger etc. aufgewachsen. Bis heute habe ich es nicht geschafft, ein koreanisches Buch in seiner Originalsprache zu lesen, von ein paar Kurzgeschichten und Gedichten abgesehen. Die literarischen Bücher, die ich im Zuge meiner Recherchen für „Die große Heimkehr“ gelesen habe, habe ich in englischer bzw. deutscher Übersetzung gelesen. Sehr gut gefallen hat mir etwa Kim Won-ils „Das Haus am tiefen Hof“. Weil wir schon beim Thema sind: Das ist der Grund, weshalb ich mich immer dagegen wehre, als koreanische Autorin bezeichnet zu werden. Ich wurde in Südkorea geboren, aber meine literarische Heimat war und ist in erster Linie deutschsprachig, in zweiter Linie englischsprachig. „Die große Heimkehr“ sehe ich in der deutschsprachigen Literatur beheimatet, nicht in der koreanischen. Die Rahmenhandlung etwa ist eine typische Stefan-Zweig-Konstruktion.

Wenn man ihr spannendes Buch „Die Große Heimkehr“ liest, das überwiegend in Südkorea und in Japan spielt, bekommt man ein Bild vom südkoreanischen Antikommunismus. In Spanien wird immer wieder versucht, die Verbrechen des Spanienkrieges aufzuklären, doch konservative und rechte Kreise verhindern das. Sehen Sie in Südkorea Analogien zur spanischen Geschichte?

Ja, absolut! Ich würde sogar sagen, dass der südkoreanische Antikommunismus vor allem in den fünfziger Jahren ein durch und durch typischer Antikommunismus für diese Zeit war. Die Praktiken in Südkorea unterscheiden sich, wenn man von regionalen Anpassungen absieht, etwa nicht von jenen in den USA. In Südkorea war die Situation wegen des Kriegszustands mit Nordkorea angespannter, doch in Europa ist der Antikommunismus in Form des Kalten Krieges tief verwurzelt. Aus dem Grund hat mich dieses Thema auch interessiert: Das, was sich in Südkorea abgespielt hat, hat sich an so vielen Orten weltweit zur gleichen Zeit in ähnlicher Weise abgespielt. Mir ist es sehr wichtig, Muster, Mechanismen nachzuzeichnen und aufzuzeigen. Das ist etwas, das gerade Literatur sehr gut leisten kann.

Ich nehme nicht an, dass südkoreanische Kinder in der Schule erfahren, wie viele Massenmorde und Folterungen in Südkorea stattfanden, insbesondere an Menschen, die man verdächtigte, kommunistischen Ideen anzuhängen. Dennoch scheint dieses Wissen in Südkorea vorhanden zu sein. Gibt es etwa eine „Untergrundliteratur“?

2005 rief Präsident Roh Moo-hyun die „Truth and Reconciliation Commission“ ins Leben, die Menschenrechtsvergehen gegen die Bevölkerung (beginnend mit der japanischen Kolonialzeit oder Besatzungszeit, wie die Südkoreaner diese 35 Jahre gerne bezeichnen) sowie die Rolle der USA im Koreakrieg näher untersuchen sollte. 2008 gewann Lee Myung-bak die Wahl, und Rohs Kommission wurde der Geldhahn zugedreht. Die Erkenntnisse, die die Kommission in der doch relativ kurzen Zeit gewinnen konnte, wurden jedoch dankenswerterweise veröffentlicht. Von Untergrund kann also nicht die Rede sein. Es gibt in Südkorea Historiker, die echtes Interesse daran haben, diese Geschehnisse zu untersuchen und zur Sprache zu bringen. Leider sind sie in der Minderzahl und müssen sich gegen eine Geschichtsschreibung zur Wehr setzen, die aus Park Jung-hee einen demokratisch gewählten Wohltäter machen möchte.

Es gibt immer wieder Lichtblicke im Verhältnis zwischen Nord und Süd. So hatte der Präsident Kim Dae-jung die „Sonnenscheinpolitik“ eingeführt, mit dem Ziel einer Entspannungspolitik. Von Hyundai-Besitzern hört man, dass sie den Austausch zwischen Nord- und Süd fördern. Auch der neue südkoreanische Präsident scheint ein Mann des Ausgleichs zu sein. Welche Möglichkeiten hat er angesichts eines Geheimdienst- und Militärapparates, der auf Konfrontation aus zu sein scheint?

Ich habe überhaupt den Eindruck, dass Moon Jae-ins Möglichkeiten sehr beschränkt sind. Das liegt nicht nur an einem korrupten südkoreanischen Geheimdienstapparat, der sich schon seit längerer Zeit gegen Reformen wehrt, das liegt vor allem an Nordkorea. Der Norden scheint nicht an einem Gespräch mit dem Süden interessiert zu sein. Und wieder einmal werden es die USA, China, Russland und Japan sein, die das Schicksal Koreas, beider Koreas, bestimmen werden. Das hätte nicht sein müssen. Süd- und Nordkorea hätten ihre Zukunft, vielleicht sogar eine gemeinsame Zukunft (nicht unbedingt als ein Land) selbst bestimmen können. Diese Chance ist nun endgültig vergeben. Traurig.

In Deutschland scheint die Vorstellung zu herrschen, ein Dritter Weltkrieg könne auf der koreanischen Halbinsel nicht beginnen, weil alle Beteiligten wissen, was auf dem Spiel steht. Teilen Sie diesen Optimismus?

Ich halte dies für einen uninformierten Optimismus. Den USA scheinen zwar die militärischen Optionen langsam auszugehen. Ein Krieg gegen Nordkorea wird nicht nur wegen China, auch wegen Russland immer unwahrscheinlicher. Andererseits eskaliert der Konflikt gerade: Es geht nun nicht mehr um Nordkorea, sondern auch um den Iran. Ich frage mich gerade, ob wir nicht schon mitten in einem Dritten Weltkrieg stecken – wir in Deutschland, Europa, haben es nur noch nicht erkannt.

Ich habe in Dresden das Gefühl, dass die Geschehnisse in Korea Inder, Lateinamerikaner aber natürlich besonders Koreaner viel stärker beschäftigen als Deutsche. Kommt Ihnen Deutschland besonders provinziell vor oder trügt der Eindruck, dass man sich außerhalb Deutschlands viel mehr Gedanken um Weltpolitik macht als hier?

Meiner Erfahrung nach sind alle Menschen provinziell, nicht nur Deutsche. Erst wenn der Konflikt über die nicht befestigte Grenze marschiert, wird er zur Kenntnis genommen. Dass er schon die ganze Zeit existierte und gewachsen ist, möchte man nicht sehen, denn dies würde die schöne Blase zum Platzen bringen, die man sich geschaffen hat. Ich habe sogar den Eindruck, dass ein gewisser Provinzialismus zurzeit en vogue ist, ganz bestimmt in der Literatur. Nur ja nicht zu viel Welt in die Literatur bringen. Zuerst kommt Deutschland, dann Europa, und danach erst „die Welt“. Aber nicht zu viel. Kim Jong-uns verrückte Föhnfrisur reicht schon vollkommen. Zusammenhänge zu verstehen, zu verstehen, wie die Welt wirklich funktioniert, interessiert die meisten leider überhaupt nicht. Vielleicht gehört es ja zum europäischen Selbstverständnis zu glauben, die Welt tangiere Europa nicht, Europa stehe über der Welt? Ich hoffe nicht.

Ihr Buch beschäftigt sich sehr kritisch mit der Geschichte der Heimat Ihrer Eltern. Wie hat man die Diskussion um ihr Buch im deutschsprachigen Raum eigentlich in Südkorea aufgenommen? Gibt es eine Diskrepanz in der Wahrnehmung in den Mainstream-Medien und in der Bevölkerung?

Die „Heimkehr“ wurde noch nicht ins Koreanische übersetzt. Sollte der Roman übersetzt werden, würde er ganz sicher sehr gemischt aufgenommen werden. Die liberale, gebildete, jüngere Generation interessiert sich für diese Zeit und die Verbrechen, die damals begangen wurden, die ältere, konservative hingegen möchte sich lieber nicht damit beschäftigen. Leider gibt sie noch immer den Ton an. Aber es gibt ein investigatives linkes Blatt, das von der Bevölkerung sehr geschätzt wird. Es gilt als eine der wenigen Zeitungen, die nicht korrupt sind – allerdings wird den Redakteuren oft genug unterstellt, sie seien heimliche Kommunisten.

Können Sie sich vorstellen, dass Ihr Buch vielleicht in beiden Korea LeserInnen findet? Würde es Sie reizen in Phönyang und Seoul aus Ihrem Buch zu lesen?

Ich war noch nie in Nordkorea, und seitdem Kim Jong-Un an der Macht ist, reizt mich eine Reise dorthin auch nicht – schließlich möchte ich heil zurückkommen und nicht als Leiche. Ich bin auch nicht sicher, wie groß die Unterstützung der Bevölkerung für Kim ist. Ehrlich gesagt bin ich enttäuscht, dass der Widerstand nicht größer, um nicht zu sagen wirklich groß ist. Es wäre höchste Zeit, die Diktatur im Norden zu beenden.

Sie haben dankenswerterweise der deutschsprachigen Leserschaft als erste die Augen geöffnet über die Geschehnisse auf der koreanischen Halbinsel. Wenn Ihre Leser nun mehr wissen will, was empfehlen Sie Ihnen? Und ist es absehbar, dass Sie sich wieder in literarischer Form der Heimat Ihrer Eltern annehmen werden?

Der amerikanische Historiker Bruce Cumings hat ein Mammutwerk über die Ursprünge des Koreakriegs geschrieben, das absolut faszinierend ist. Es heißt „The Origins of the Korean War“ und ist zweiteilig. Seine kürzeren Bücher über den Koreakrieg und die Geschichte Koreas sind ebenfalls lesenswert. Großartig fand ich das Sachbuch „The North Korean Revolution“ von Charles K. Armstrong. Darin beschreibt er, welchen Einfluss die Sowjetunion auf die Bildung des nordkoreanischen Staates genommen hat. Ein anderes Buch, das ich gerne empfehlen möchte, ist „Der Korea-Krieg und die Gesellschaft“ vom südkoreanischen Historiker Dong-Choon Kim. Er bietet eine koreanische, extrem gut recherchierte und differenzierte Sicht auf den Bürgerkrieg. Im übrigen: Die „Heimkehr“ wird es als Taschenbuch geben, vermutlich in einem halben Jahr. In Sachsen habe ich noch nicht aus ihr gelesen, ich warte noch auf eine Einladung. Dann aber natürlich sehr gerne!