Skurriles Gesamtkunstwerk in bitterer Zeit

Jens-Paul Wollenberg folgt den Spuren des sowjetischen Kinderbuch-Autors Daniil Charms

„Einst ging ein Mensch aus seinem Haus / In Mantel, Stock und Hut / Lang ist der Weg / Der vor ihm sich auftut. / Und eines Tags im Morgengrauen / Stand er im dunklen Wald / Und seit der Zeit / er für verschwunden galt.“

Dieser Auszug aus dem Gedicht „Kleines Lied“ von 1937, das der Dichter Daniil Charms in Leningrad verfasste, spiegelt das Dilemma einer düsteren Epoche, in der Freunde, Künstlerkollegen und Unangepasste spurlos in der Verbannung verschwanden. Der damals zweiunddreißigjährige Poet, der eigentlich Daniil Iwanowitsch Juwatschow hieß, galt und gilt als maßgeblicher Wegbereiter des schwarzen Humors in der russischen Literatur und legte gleichzeitig den Grundstein für eine neue, völlig abstruse Dichtkunst, der es gelang, ernste Zustände wie grausame Begebenheiten, Katastrophen oder auch menschenverachtende Willkür, der er auch persönlich ausgesetzt war, derart zu überspitzen, dass sie ihren Schrecken verloren.

Geboren wurde Charms am 17. Dezember 1905 als Sohn einer Lehrerin in St. Petersburg, später Leningrad genannt. Sein Vater war Marineoffizier, der sich den revolutionären Ideen seiner Zeit verschrieb und später Literat der Wissenschaften wurde. Schon recht frühzeitig erkannten seine Eltern das musische Gespür ihres Sohnes, der sich für Musik und Malerei zu interessieren begann und anfing, kleine Geschichten zu erfinden. Von 1915 bis 1922 besuchte der Junge die Spezialmittelschule, wo ihm die deutsche Sprache beigebracht wurde und er erste Gedichte zu Papier brachte, teilweise auf Deutsch.

Zwischen 1922 und 1924 erhielt er Unterricht in einem Gymnasium in Zarskoje Selo, wo er bei einer Tante wohnte. In dieser Zeit entstand erstmals ein Gedicht, das er mit „Daniil Charms“ signierte. „Charms“ wurde wahrscheinlich vom französischen Begriff „Charme“ abgeleitet. Der junge Poet liebte es abgöttisch, sich ständig in andere Personen zu verwandeln, und pflegte seine Vorliebe, sich skurril zu kleiden, ohne auf eitle Eleganz zu verzichten (er kombinierte Kniebocker, karierte Jacketts, Schiebermütze und, wenn ihn fröstelte, einen Kaffeewärmer). Dazu trug er Pseudonyme wie Iwan Toporyshkin, Karl Iwanowitsch Schusterling, Wanja Molchow, Schardam, Garmonius oder Kolgartow.

1924 legte er sein Abitur ab und begann ein Studium an der Elektrotechnischen Hochschule in Leningrad, das er jedoch schon bald abbrach. 1925 absolvierte der Poet und Übersetzer erste öffentliche Auftritte in Bibliotheken und Hörsälen. Im gleichen Jahr lernte er A. Wedensky kennen, den er später als seinen wichtigsten Lehrer bezeichnete, und befasste sich sehr intensiv mit Philosophie. Im Herbst wurde er Mitglied des Leningrader Dichterverbands.

1926 entstand eine Dichtergruppe, die sich „Schule der Tschinari“ nannte und dessen Teil Daniil Charms wurde. Eine 1926 veröffentlichte Gedichtsammlung des Schriftstellerverbands enthielt zwei seiner Gedichte, und er begann mit Wedensky an einem Theaterstück zu schreiben. 1927 wurden die Künstlergruppen „Linke Flanke“ und „Akademie der linken Klassiker“ gegründet, die es sich zur Aufgabe machten, die Moderne und revolutionäre Ideen unter einen Hut zu bringen. Im gleichen Jahr entstand die avantgardistische Vereinigung für reale Kunst, die als „Oberiu“ Poeten, Musikern, Theaterschaffenden und Malern ein Podium bot. Charms hatte eine führende Position inne, und sein legendäres Theaterstück und Poem „Elisabeta Bam“ wurde uraufgeführt. Nach eine spektakulären Auftritt des Ensembles im Institut für Kunstgeschichte erschien eine vernichtende Kritik in einem Leningrader Kulturjournal, das dem Ensemble vorwarf, antisowjetische und konterrevolutionäre Aktivitäten dargestellt zu haben. Das war zu jener Zeit eine heikle Angelegenheit. Die Stalinisten hatten den innenpolitischen Machtkampf schon 1926 für sich entschieden, Trotzki wurde aus der Partei ausgeschlossen und es begann auch kulturpolitisch eine Säuberungskampagne gegen alles, das dem Regime nicht passte. So wurde etwa der populäre Journalist und Literaturkritiker Alexander Woronsky mit Berufsverbot belegt, er wurde nach seiner Verhaftung zu drei Jahren Verbannung verurteilt.

1930 schließlich wurde auch die „Oberiu“ verboten, und es begann eine gnadenlose Hetzjagd der Geheimpolizei auf ihre Mitglieder und deren Anhänger. Alles, was irgendwie als bürgerlich-dekadent betrachtet wurde, sollte ausgemerzt werden. Auch in anderen Kulturbereichen wurde „aufgeräumt“. Charms zog sich zunächst offiziell zurück und widmete sich mehr denn je der Kinderliteratur. Durch die Bekanntschaft mit dem einflussreichen Jewgeni Schwartz und mit Nikolai Olejnikow, die im staatlich geförderten Kinderbuchverlag angestellt waren, konnte er für denselben schreiben. Seine Geschichten und Gedichte kamen nicht nur bei Kindern gut an, auch Erwachsene erfreuten sich an den oft skurril erzählten, bildreichen Episoden, welche die Zensoren anfangs noch zum Druck freigaben. Doch auch diese Tätigkeit, die Charms einen zwar kleinen, aber zuverlässigen finanziellen Rückhalt bot, war nicht von langer Dauer.

1931 wurden Wedensky, Charms und weitere Kollegen erstmals durch die Polizei in Verwahrung genommen. Die Verhaftung erfolgte aufgrund vermuteter konterrevolutionärer Umtriebe und Verherrlichung des Zarenreichs, womit sie Kinder angeblich negativ beeinflussten. 1932 wurde Charms nach Kursk verbannt, doch als sich die politische Situation entspannte, durfte er zurückkehren und wieder für den Verlag arbeiten. Er übersetzte Wilhelm Buschs „Plisch und Plum“ ins Russische, die Ausgabe wurde 1936 veröffentlicht. In den Zeitschriften „Josh“ und „Tschich“ publizierte er weiterhin skurril-witzige Kindergeschichten, die auf große Resonanz stießen.

In Charms Wohnung kam es gelegentlich zu heimlichen Begegnungen einstiger „Oberiu“-Mitglieder. Diese Zusammenkünfte tauften sie „Vereinstreffen halbanalphabetischer Akademiker“, doch auch dieses bestand aufgrund individueller Diskrepanzen nur kurz.

Charms galt seinen Dichterkollegen oft als „Gesamtkunstwerk“. Er erfand immer wieder Figuren, in deren Rolle er schlüpfte, oder er gab vor, eine berühmte Persönlichkeit zu sein, etwa Sherlock Holmes. Seine Eigenheiten brachten ihm den Ruf eines Straßenclowns ein. Es existiert eine Fotografie, auf der er seinen nicht existierenden Bruder mimt.

Doch all die närrischen Absonderlichkeiten täuschten nicht über seinen tatsächlichen seelischen Zustand hinweg, denn er befand sich in einer ausweglosen Situation. Er litt Hunger, war völlig verarmt und wurde immer depressiver. Seine Texte, die einst so aberwitzig komisch daherkamen, wurden zunehmend düster, drückten Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung aus. Es schien, dass er mit von schwarzem Humor durchwobenem Sarkasmus seine entsetzliche Lage überspielen wollte.

1937 fanden erneut „Säuberungen“ statt. Leitende Redakteure wurden verhaftet, im September wurde der Leningrader Kinderbuchverlag geschlossen. Trotzdem schrieb Charms unnachgiebig weiter, und die Zeitung „Tschiz“ brachte noch im Dezember einige Kindergeschichten. 1940 erschien Charms letztes Kinderbuch mit dem Titel „Der Fuchs und der Hase“.

Am 22. Juni 1941 überfiel die Wehrmacht die Sowjetunion, am 9. September begann die mörderische Blockade Leningrads. Bis zur Befreiung sollten beinahe neunhundert Tage vergehen. Am 23. August 1941 wurde Daniil Charms wegen der „Verbreitung pessimistischer Propagandamacherei“ verhaftet, seine Wohnung durchsucht, Schriften, Briefe und Notizen beschlagnahmt. Dass ein großer Teil seines literarischen Vermächtnisses gerettet werden konnte, ist wohl dem Umstand zu verdanken, dass ein Bekannter Manuskripte, Broschüren und Gedichte in einem Koffer in Sicherheit brachte. Daniil Charms starb am 2. Februar 1942 im Gefängnis. Vermutlich wurde er, wie andere Häftlinge auch, einfach vergessen und verhungerte.

Sein Gedicht „Das blaue Heft Nr. 10“ in der deutschen Übersetzung von Peter Urban beschreibt Charms‘ Lage sehr treffend: „Es war einmal ein Rotschopf, der hatte weder Augen noch Ohren. / Er hatte auch keine Haare, so dass man ihn an sich grundlos einen Rotschopf nannte. / Sprechen konnte er nicht, denn er hatte keinen Mund. / Eine Nase hatte er auch nicht. / Er hatte sogar weder Arme noch Beine. / Er hatte keinen Bauch, / Er hatte keinen Rücken, er hatte kein Rückgrat, er hatte auch keinerlei Eingeweide. / Nichts hatte er! / Sodass unklar ist, um wen es hier eigentlich geht. / Reden wir lieber nicht weiter drüber.“

Daniil Charms wurde viel später rehabilitiert. Seine Texte wurden in verschiedene Sprachen übersetzt und bereichern nicht nur die Theaterwelt.