Rosa Luxemburg ? die Philosophin

von Annelies Laschitza

Rosa Luxemburg 1871-1919

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Unter diesem Titel ist soeben Heft 13 der Rosa-Luxemburg-Forschungsberichte erschie­nen. Es enthält drei Essays von Volker Casa: Die Parrhesiastin, die Lebens­künstlerin und die Analytikerin des Empire. In ihnen unterbreitet der Autor sehr interessante Anregungen für neue Sichten auf Rosa Luxemburg, vor allem mit Freiheit, Demokratie, Frieden und Sozialismus verbundenes Hauptanliegen und die verschiedenen Facetten ihres Lebens und Wirkens. Die Fülle seiner klugen Erörte­rungen ermuntert regelrecht zu einem Disput, der nun leider ohne ihn fortgeführt werden muss.

In seinen neuen Essays denkt Volker Caysa über Ursprünge und Einflüsse der Gefühls- und Stimmungswelt Rosa Luxemburgs nach. Er pointiert ihre Stärke, selbst in existentieller Bedrohung fest und klar, gelassen und heiter zu sein (S. 42.) Der Autor verweist auf Quellen ihrer Lebensform, die zum Beispiel an die altgriechische Philosophenschule, die Stoa, an die französischen Moralisten und an Goethe anknüpfen. Luxemburgs leidenschaftliches Engagement für Veränderungen der gesellschaftlichen Verhältnisse beruht auf der „Einheit von Individualismus, sozialem Engagement und Kultur, Freiheit, Gerechtigkeit und Schönheit“. Die Idee eines bejahenswerten Lebens gelte dem Sozialismus als Kulturbewegung und einer sozialistischen Kultur der Zukunft (S. 58.). In diesem Zusammenhang fehlt es nicht an charmanten Empfehlungen, die Spaltung in „soziale“ und „kulturelle“ Linke aufzuhe­ben. Nicht zuletzt sei Luxemburgs Marxismus „nicht nur ein philosophisch-ökono­mi­scher, sondern ein lebenskünstlerischer Marxismus, ein Marxismus als Lebenskunst“ (S. 59).

Der erste Essay über die Parrhesiastin ist der philosophisch anspruchsvollste Text, eine um viele Gedankenassoziationen bereicherte Interpretation solcher Schlüs­sel­begriffe der Luxemburgischen Gedankenwelt wie Freiheit, Sozialismus, Demokratie und Partei. In mehreren Varianten wird der Mut zur Wahrheit und zum freimütigen Debattieren unterschiedlicher, auch völlig gegensätzlicher Meinungen verteidigt. Der Autor lässt sich von Hannah Arendt, Georg Lukács und Michel Fou­cault inspirieren, zieht Peter Nettl zu Rate und argumentiert anhand der „Breslauer Gefängnisma­nu­skrip­te“ (S. 16). Editionsgeschichtlich fair und leserfreund­lich wären zusätzliche Seitenangaben aus Band 4 der „Gesammelten Werke“ Rosa Luxemburgs von 1974 gewesen.

Die vielfältigen und zum Teil in kühnen Thesen komprimierten Gedanken des Autors werden gewiss ins Zentrum von künftigen Debatten über die Philosophin Rosa Luxem­burg rücken, die sich selbst auf wissenschaftlichem Gebiet ja vor allem als Ökonomin und Wirtschaftshistorikerin verstanden hat. Dabei könnten und sollten Topoi wie der Mut und die realen Möglichkeiten für die Wahrheitssuche und ihr Aussprechen bei absoluter Freiheit der anders Denkenden und anders Handelnden weiter debat­tiert werden. Dies gilt gleichermaßen für Funktion und Rolle des Rechts­staates und die jeweiligen historischen Bedingungen für das tatsächliche Funktionieren von Räten im Sinne zielgerichteter massendemokratischer Aktivitäten bzw. das Entstehen und Scheitern von Massenbewegungen für Freiheit und Gerechtigkeit.

Äußerst anregend ist, wie Volker Caysa neue physische, soziale, psychologische und kulturelle Dimensionen der Kapitalakkumulation beschreibt. Seine Beobachtungen dazu unterbreitet er im dritten, Rosa Luxemburg als Analytikerin des Empire gewid­me­ten Essay. Im Fokus der Analyse steht der Biokapitalismus: „Es bil­det sich ein neuer Imperialismus unter der Ideologie der demokratischen Globalisie­rung heraus. Der neue Imperialismus ist ein ökologisch-solidarischer Biokapitalismus. Der globale Biokapitalismus in liberaldemokratischer Gestalt ist dadurch gekennzeic­hnet, dass er nicht mehr nur die äußere Natur als primäres Objekt der Ausbeutung betrachtet, sondern zunehmend wird die innere Natur des Menschen, die Natur, die wir selbst sind, der Leib, die Physis und Psyche des Menschen, zum Objekt der Ausbeutung und zum Mittel der Generierung von Mehrwerten. Das Genom-Projekt ist sein Ban­ner. Das Human-Projekt der ,Körperutopien‘ ist der Gegenentwurf, in dem es darum geht, dass der Mensch Projekt seiner selbst und in diesem Sinne Subjekt wird und nicht nur ein biotechnisch unterworfenes Objekt bleibt.“ (S. 61.) Alles in allem eine sehr geistvolle und anregende Untersuchung, die uns Volker Caysa für den Diskurs hinterlassen hat.

Volker Caysa: Rosa Luxemburg – die Philosophin. Leipzig: Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen 2017. 88 S. (Rosa-Luxemburg-Forschungsberichte. Im Auftrag der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen hrsg. von Klaus Kinner und Manfred Neuhaus. Heft 13).

ISBN 978-3-947176-00-1 EUR 2.50

 

Ein lebenskünstlerischer Marxismus im Luxemburgschen Sinne zielt auf eine Politik der Selbstachtung, auf eine Politik der Würde. Denn eine humane Gesellschaft ist für Rosa Luxemburg eine solche, in der sich Menschen in ihrem jeweiligen Anderssein respektieren und anerkennen, in der sie sich selbst und einander nicht demütigen müssen, um sich selbst zu erhalten, und in der gesellschaftliche Institutionen nicht demütigend Macht ausüben. Eine menschenwürdige Gesellschaft ist für Rosa Luxemburg eine solche, in der auf allen Ebenen tatsächlich die Gleichberechtigung und Selbstmächtigkeit der Individuen garantiert ist, und in der es nicht nur Gleichheit für Gleiche und Gleichere gibt, sondern Gerechtigkeit für alle.

(Volker Caysa: Rosa Luxemburg – die Philosophin. S. 61.)