Reisende kommt Ihr …

… zum Beispiel nach Malbork, dann befindet Ihr Euch heute in Polen und in der Nähe von Gdansk. Deutsche sagen meistens Danzig und nicht alle Polinnen und Polen hören es gerne. Eigentlich sollte nichts dabei sein. In Österreich spricht man von der Hauptstadt Wien, englischsprachige Menschen nennen die Stadt aber Vienna, wer tschechisch als Muttersprache hat, nennt die Stadt Viden usw.; eine endlose Geschichte – zumindest so lange, als einem die Sprachen nicht ausgehen. Mit polnischen Ortsnamen ist das allerdings anders. In deutschen Ortsnamen für polnische Gemeinden schwingt ein Besitzanspruch mit. Das hängt mit einer wechselvollen Geschichte der Beziehungen und des Zusammenlebens von Deutschen und Polen zusammen; und nicht erst seit dem Vorabend und den Vorgängen während des Zweiten Weltkrieges und den Festlegungen danach. Obwohl, allein die Hauptpost in Gdansk erzählt eine Geschichte, nach der man nicht mehr Danzig sagen will. Die Geschichte ist lang und auch die polnischen Teilungen waren nicht der Anfang konfliktreicher Abläufe. Also Reisende, kommt Ihr nach Malbork, so werdet Ihr Zeugen einer frühen Zeit und eines fast noch aktuellen polnisch-deutschen Zusammenlebens. Aktuell zeigt sich eine relativ langweilige Stadt, in der Polinnen und Polen während des Zweiten Weltkrieges schwer gelitten haben und Deutsche kurz danach bitter für die deutsche Kriegsschuld büßen mussten. Funde von Massengräbern in jüngster Zeit bestätigen dies grauenvoll. Die Altstadt wurde im Krieg völlig zerstört. Man baute sie nicht originalgetreu wieder auf, sondern verwendete die Ziegel und Steine für die Rekonstruktion des alten Danziger Stadtkerns und der Warschauer Altstadt. Dennoch birgt die Stadt Malbork ein Juwel unglaublichen Ausmaßes: die Marienburg. Nach Hradschin und Kreml ist sie die drittgrößte Burganlage Europas und der größte Backsteinbau des Erdteils. Die Burg war im Weltkrieg zerbombt worden, der Wiederaufbau ist fast abgeschlossen. Geht man dort hin, betritt man ein besonderes Relikt polnisch-deutscher und zugleich christlicher Geschichte. Es gab einst und es gibt heute noch einen so genannten Deutschen Ritterorden. Entstanden ist er während der Kreuzzüge; eine mächtige Organisation der Überführung christlicher Fürsorge in christliche Dominanz und christlichen Besitzes in staatliche Macht. Ein wechselvolles Auf und Ab fand 1309 einen festen Punkt. Die Ordensritter verlegten ihren Hauptsitz in die Marienburg, um sich im Baltikum auszubreiten und einen Staat, dem man durchaus Modernität zusprechen konnte, zu begründen. Das Christentum war Polen und vielen Balten nicht fremd. Die Christianisierung Polens begann im 9. Jahrhundert. Vollendet war sie 966 mit der Taufe des Piastenfürsten Mieszko I. Dem katholischen Glauben ist das Volk bis heute tief verbunden. Nicht selten verwandelt er sich zur Staatsdoktrin.

Aber zurück zur Burg: Die Führung dauert gut drei Stunden. Man erfährt sehr viel über Ordensmacht und Ordensleben, über Geschichte, Religion, Kultur und Architektur. Vier Fenster im einstigen Krankentrakt hatten es mir besonders angetan. Sie bestehen aus Glasbildern, die je ein christliches Kardinalgebot zeigen: Man soll Hungernde nähren, Dürstenden etwas zu trinken geben, Nackte kleiden und Obdachlosen Quartier bieten. Das entspricht dem Ideal des Ritterordens, „hilfsbedürftigen Menschen um Christi willen in selbstloser Liebe zu dienen.“ (vgl. Website des Ordens). Hilfsbedürftigen Menschen dienen! Da kann es keine Ausnahmen geben. Begründet ist es nicht zuletzt im Gebot der Nächstenliebe, die sogar Feindesliebe einschließt. Wir wissen, das Christentum hat sich nicht immer daran gehalten. Auch nicht der Ritterorden, denn er verstand zwar das Christentum als Schutz und sah sich zugleich im Kampf gegen den Islam. Fügt sich das denn überhaupt zusammen, überlegen zumindest manche Reisende. Sie bewundern die Fenster, gehen in sich und fragen plötzlich aufsässig, wieso – trotz der Lobpreisung dieser Gebote – das katholische Polen keine Flüchtlinge aufnehmen will und gleich gar nicht solche islamischer Religion, selbst wenn sie von Islamisten bedroht werden. Fremdenführer bleiben stumm und unzuständig, Reisende bleiben ratlos zurück.