Optimistische Vision eines linken Weltbürgers

Der chinesische Weg. Theodor Bergmanns Versuch, eine ferne Entwicklung zu verstehen.
Von Wulf Skaun

Dies ist ein außergewöhnlich inspirierendes Buch. Es könnte all jenen Mut machen und Argumente liefern, die eine gerechtere Welt jenseits kapitalistischer Profitmaximierung und gescheitertem Staatssozialismus anstreben.

Außergewöhnlich ist es auch, weil sich sein Autor (1916?2017) noch als Hundertjähriger als „kritischer Kommunist“ bezeichnete und die Generalschlappe des stalinistisch verfassten Kommandosozialismus mit einer bei Engels geliehenen Ansage erledigte: „Dann fangen wir von vorne an.“

Theodor Bergmann, dessen berufliches und politisches Leben viele Facetten hatte, ist in seiner theoretischen und praktischen Beschäftigung als Wissenschaftler und Autor immer wieder der Frage nachgegangen, „was es an Alternativen zum Kapitalismus gibt“. Denn dass sie existieren, galt dem entschieden Linken, dessen organisatorische Heimat von der Kommunistischen Partei-Opposition (KPO) an der Seite August Thalheimers über die nach 1945 wirkende Gruppe Arbeiterpolitik als Nachfolgeorganisation der KPO bis hin zur PDS in den 1990er Jahren und seit 2007 der Linkspartei reichte, als evident. Also suchte er systematisch nach Ansätzen, wie und wo Prozesse davon kündeten, eine nichtkapitalistische Gesellschaft aufzubauen. In den letzten zehn bis 15 Jahren studierte er unter diesem Blickwinkel die Entwicklung Chinas. Ganz im Widerspruch zu vielen Linken, die die Volksrepublik China bereits als kapitalistisch oder auf kapitalistischem Weg verorten, fügte sich dem früheren Professor für Internationale Agrarpolitik an der Universitär Hohenheim ein anderes Bild. Intensives Quellenstudium, einschließlich umfänglicher Statistiken, und mehrere Studienreisen vor Ort gestatteten ihm, seine gegenläufigen Kenntnisse und Erfahrungen in seinem Buch „Der chinesische Weg“ darzulegen. Und wie er seine Auskünfte vorsichtig als Versuch deklarierte, „eine ferne Entwicklung zu verstehen“, so zurückhaltend fasste er auch seine Schlussfolgerungen in die eher ahnungsvollen Worte: „Ich glaube nicht, dass sie dort den Kapitalismus wiederherstellen.“

Man lese selbst, wie sorgfältig er dieses Fazit anhand faktenreicher Analysen chinesischer Entwicklung auf den Feldern von Wirtschaft (Neue Ökonomische Politik, Planungsmethodik), Landwirtschaft (Faktorbeitrag des Agrarsektors), Politik/Außenpolitik (sozialistische Krisenstrategie, Rolle von Staatsapparat und Massenorganisationen), Sozialentwicklung (Familienplanung, Urbanisierung), Handel (Auslandsinvestitionen), Parteipolitik (Mao-Ära bis Reformpolitik) und anderen vorbereitet. Und weil Bergmanns ganzheitliches dialektisches Denken ihm die Feder führt, verhandelt er die Sachverhalte in ihrer widersprüchlichen Geschichte und Gegenwart, um von daher perspektivische Deutungen (13 Thesen) zu wagen. Außerdem erfährt der Leser kurzgefasste biografische Informationen über die Spitzenreformer der KP Chinas von gestern und heute, wie sie nur ein Szene-Kenner seines Formats liefern kann. Die Charakteristik der neben China verbliebenen drei, vier Staaten mit eigenständiger sozialistischer Orientierung nährt des Autors Hoffnung über mögliche Alternativen zum Kapitalismus.

Bergmanns dialektische Betrachtungen vermitteln aber nicht nur Einblicke in gesellschaftliche und politische Entwicklungslinien der Volksrepublik China jenseits einer klassischen kapitalistischen Marktwirtschaft. Indem er diese in die globalen historischen Zusammenhänge einbettet, mit Fokus auf das Werden und Vergehen des einstigen sozialistischen Weltsystems, erfahren ostdeutsche Linke auch manches Bemerkenswerte über sich und ihre Denk- und Deutungsmuster. Will heißen: DDR-sozialisierte Anhänger des bärtigen Welterklärers aus Trier erleben bei Bergmanns Parforceritt durch die Revolutionsgeschichte des 20. Jahrhunderts manchen Aha-Effekt. Mich hat dabei auch die Art und Weise beeindruckt, wie der Stuttgarter seine Sicht auf die Dinge vorträgt: erwägend, unaufgeregt, dem Faktum vertrauend, fernab jeder Belehrung, mit heiterer Gelassenheit, immer optimistisch. Eine solch demokratisch-tolerante, Widerspruch als normale Kommunikation mitdenkende Darstellung habe ich selten gelesen. Da offeriert ein altersweiser kommunistischer Hochschullehrer seine Weltanschauung nicht ex cathedra, sondern gespeist aus dem Erfahrungsschatz eines seiner jüdischen Herkunft wegen seit jungen Jahren Umgetriebenen, der sich die Welt mit eigenen Augen angeschaut hat. Und der sich, wie seine zukunftsorientierten Gedanken beweisen, eine geistige Frische bewahrt hat, die auch die Kinder- und Enkelgeneration anzuspornen und zu mobilisieren vermag. Ein großartiges Vermächtnis des am 12. Juni verstorbenen Gelehrten.

Prof. Dr. Theodor Bergmann (1916?2017)

Hamburg: VSA-Verlag 2017. 160 S. EUR 14,80
ISBN 978-3-89965-744-9