NO WAR IN KOREA

Was einer erlebt, der mitten in Dresden vor einem neuen Korea-Krieg warnt
von Ralf Richter

Es ist ein Test. Frank Richter, langjähriger Chef der Landeszentrale für politische Bildung in Sachsen, hat öffentlich beklagt, dass unter der CDU-Herrschaft seit einem Vierteljahrhundert die allgemeine, politische, kulturelle und ethische Bildung in Sachsen vernachlässigt wurde. Ich werde mich mit einem A4-Blatt aufstellen, auf dem vier Wörter stehen, und damit die Probe aufs Exempel machen. Reichlich drei Stunden lang stehe ich im August stehe ich im Herzen Dresdens am „Denkmal für den permanenten Wiederanfang“ in der Nähe der Frauenkirche – und erlebe wirklich Erstaunliches, das zwar nicht repräsentativ ist, aber die Aussage des CDU-Kritikers unterstreicht.

Wer reagiert jetzt, wo ein neuer Korea-Krieg sich rasch sich zum Dritten Weltkrieg auswachsen könnte, überhaupt mitten in Dresden auf das Schild „NO WAR IN KOREA“? 30 Kilometer sind es von den nordkoreanischen Atomanlagen bis zur chinesischen Grenze. Weiterhin gibt es eine Grenze zu Russland. 40 Kilometer liegt die südkoreanische Metropole Seoul von Nordkorea entfernt. Zehn Millionen Südkoreaner leben dort, 25 Millionen im Großraum von Seoul. Ein Angriff der USA und Verbündeter auf Nordkorea würde sofort auch China, Japan, Russland und Südkorea zu Kriegsparteien machen. Weltkriege müssen nicht immer in Europa beginnen. „NO WAR IN KOREA“ heißt für mich auch: Kein Dritter Weltkrieg! Während ich die Menschen beobachte, fällt mir auf, dass zunächst vor allem die Kinder etwas wissen wollen: „Was steht da auf dem Schild?“ – „Kein Krieg in Korea.“ Das war’s. Keine weitere Reaktion. Den Kindern wird nichts erklärt und die Eltern haben offensichtlich keine Meinung. Ältere Frauen, vielleicht um die 80, nicken mir zustimmend zu. Plötzlich kommt ein Riese auf mich zugewalzt, er trägt das T-Shirt eines Dresdner Stadtreiseunternehmens, baut sich gefährlich nah vor mir auf und blafft mich an: „Warum denn kein Krieg in Korea? Sollen die Amis den Verrückten doch platt machen! Dann ist Ruhe!“ Ich bin erst einmal perplex, aber keine Frage: Der Mann meint es ernst. Mit Atomwaffen hat das große Kind kein Problem: „Sollen sie doch gleich die Neutronenbomben nehmen, da bleibt die Infrastruktur intakt und die Leute sind weg – saubere Lösung!“ Dieser Mann kümmert sich also in Dresden täglich um Touristen, auch um asiatische.

Ein Trio beobachtet mich längere Zeit neugierig. Zwei junge Frauen und ein junger Mann. Die Frauen, so um die zwanzig Jahre alt, sind auffallend gut gekleidet – und sie wollen etwas wissen. Vermutlich sind es Studenteninnen, deren Eltern genug Geld haben, um ihre Kinder auf eine Weltreise schicken zu können. Schließlich fasst sich eine ein Herz und fragt mich: „Sagen Sie bitte, was soll das eigentlich bedeuten? Was bezwecken Sie?“ Ich bemerke, dass die jungen Frauen ehrlich neugierig sind und absolut keine Ahnung davon haben, was auf der koreanischen Halbinsel auf dem Spiel steht. Ich versuche, es ihnen ein wenig zu erklären. Sie hören aufmerksam zu, machen große Augen und bedanken sich, bevor sie sich – nachdenklich geworden – entfernen.

Eine Gruppe Inder kommt vorbei. Einer ruft: „No war in Korea? I agree!“ (Ich bin einverstanden.). Ein Tscheche meint: „Sie haben recht!“ Und aus einer englischen Gruppe höre ich, wie eine Diskussion anfängt, als sie an mir vorüber ziehen: „Oh, diese zwei verrückten Kerle, wo soll das bloß hinführen?“ Eine Familie kommt vorbei. Vater, Mutter und Tochter – der Vater sagt auf Englisch, dass er sich mit mir gern fotografieren lassen möchte und berührt das Blatt Papier. Als seine Frau uns fotografiert, frage ich ihn, woher er kommt: „Costa Rica!“

Die interessantesten Reaktionen kommen erwartungsgemäß von den Asiaten. Niemals kommt aus einer Gruppe von Reisenden jemand auf mich zu, aber bei den Familien, die auf eigene Faust reisen, ist das anders. Zuerst fragt mich ein Mann, „welches Korea“ ich meine und, vor allen Dingen, welche Beziehung ich zu Korea habe. Ein zweiter südkoreanischer Familienvater bittet sofort darum, mich fotografieren zu dürfen und sagt: „Thank you! Trump no good!“ Schließlich der Höhepunkt: Ein Paar steuert mich zielstrebig an. Er ist Journalist, sie hat die amerikanische Staatsbürgerschaft und arbeitet gelegentlich in einem Waisenhaus in Nordkorea. Beide sind Christen und sie klären mich auf über das große „Welttreffen“ der Herrnhuter, an dem sie teilnehmen werden. Er macht sofort ein Videointerview und platziert mich vor der Frauenkirche. Wir haben ein längeres Gespräch über die Beziehung zwischen Nord- und Südkorea und über die Konsequenzen eines Angriffes der Amerikaner: Er wäre eine Riesenkatastrophe für beide Koreas, für Asien, für die Welt, darüber sind wir uns einig.

Die Koreaner sind Kriegsgegner, auch die Lateinamerikaner und Inder, Tschechen und Engländer haben eine klare Meinung „zu Korea“ – nur die Einheimischen interessieren sich entweder nicht dafür, sind ahnungslos oder vertreten seltsame Ansichten. Dresden hat neuerdings einen Korea-Platz und einen Oberbürgermeister, der mit einer Koreanerin verheiratet ist. Für die Masse der Einheimischen aber ist Korea gleich Samsung ohne jegliches Interesse oder Verständnis für Land und Leute.