„Nach weiterführenden Fragen suchen“

Der Ökonom Thomas Kuczynski, Sohn des Wirtschaftswissenschaftlers Jürgen Kuczynski und letzter Direktor des Instituts für Wirtschaftsgeschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR, hat sich einer großen Aufgabe gestellt: Er vereinte die deutsche und die französische Ausgabe des „Kapital“ zu einer „Neuen Textausgabe“. Volker Külow hat mit ihm gesprochen.

Herzlichen Glückwunsch zum Erscheinen Ihrer Neuen Textausgabe. Müssen nun alle den berühmten blauen MEW-Band 23 wegwerfen, den sie zuhause stehen und hoffentlich auch studiert haben?

Bücher wegwerfen? Das geht gar nicht. Aber abgesehen davon: Marx hat 1875 im Nachwort zu der von ihm bearbeiteten französischen Ausgabe des Buches gemeint, sie besitze „einen vom Original unabhängigen wissenschaftlichen Wert und sollte selbst von Lesern zu Rate gezogen werden, die mit der deutschen Sprache vertraut sind“. Mit dem Verweis auf das „Original“ bezog er sich auf die zweite, verbesserte deutsche Ausgabe von 1873. Ich habe nun versucht, in meinem Band die Vorzüge dieser beiden Ausgaben zu vereinen und denke, dass er auch von jenen zu Rate gezogen werden sollte, deren „Kapital“-Studium schon einige Jahre zurückliegt. Deshalb enthält der Band auch ein vergleichendes Inhaltsverzeichnis der geläufigen deutschsprachigen Ausgaben, so dass die, die andere besitzen, sich in der Neuausgabe leicht zurechtfinden können.

Die Vorzüge der beiden Ausgaben zu vereinen klingt sehr verlockend. Entsteht aber auf diese Weise nicht ein Mischtext, den Marx so nie geschrieben hat? Editionswissenschaftler bezeichnen das als eine Kontamination.

Das ist völlig richtig, aber Marx selbst hatte von seinen Übersetzern verlangt, ihren Übersetzungen einen sorgfältigen Vergleich der beiden Ausgaben zugrunde zu legen. Wir dürfen auch nicht übersehen, dass die ersten kontaminierten „Kapital“-Ausgaben von niemand anderem als Friedrich Engels herausgegeben worden sind; die wurden später, in der Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA), sogar historisch-kritisch ediert. Alle nach dem Tode von Marx erschienenen Ausgaben sind in diesem Sinne mehr oder minder kontaminiert.

Da muss ich noch einmal nachhaken: Wenn es, von der MEGA abgesehen, sowieso nur kontaminierte Ausgaben gibt, warum dann eine Neue Textausgabe? Was ist bei Ihnen anders als bei Engels?

Ende Oktober 1881 erreichte Marx die Bitte seines Verlegers, eine dritte Auflage vorzubereiten. Dazu ist er krankheitshalber nicht mehr gekommen. Nach Marx’ Tod fand Engels im Nachlass dessen Handexemplare der zweiten deutschen und der französischen Ausgabe vor, die eine Vielzahl von miteinander korrespondierenden Eintragungen enthalten. Engels musste nach seinem damaligen Kenntnisstand annehmen, dass sie Marx zur Vorbereitung der dritten Auflage dienen sollten. In der Tat dienten sie aber – wie auch von ihm zeitgleich verfasste Instruktionen – der Vorbereitung einer für die USA vorgesehenen englischen Übersetzung; sie waren dementsprechend so abgefasst, wie das ein Autor zur Selbsterinnerung tut, sehr verkürzt, teilweise geradezu kryptisch, demzufolge miss- oder auch gar nicht deutbar. All das ist erst hundert Jahre später sukzessive aufgedeckt und dann vor ein paar Jahren schlüssig aufgeklärt worden. Daher habe ich mich der Aufgabe gestellt, alle von Marx verfassten bzw. von Engels herausgegebenen Ausgaben miteinander zu vergleichen, um auf dieser Basis eine Neue Textausgabe zu erarbeiten, von der ich nur hoffen kann, dass sie den Intentionen des Verfassers möglichst nahe kommt …

Also quasi eine Ausgabe letzter Hand?

Nein, keinesfalls, die hätte nur Marx verfassen können. Ich konnte mich allein auf das stützen, was er in Vorbereitung weiterer Übersetzungen schriftlich niedergelegt hatte. Zur dritten Ausgabe gibt es zwar im Handexemplar der zweiten ein paar Eintragungen in Punkt 1 von Kapitel I, aber wie wenig bei Marx von Vorarbeiten auf das publizierte Resultat geschlossen werden darf, zeigt der Vergleich der Eintragungen im überlieferten Handexemplar der Erstausgabe mit der zweiten Ausgabe: Kaum einem der Hinweise im Handexemplar ist er in der zweiten Ausgabe gefolgt, und zu den meisten der hier von ihm vorgenommenen Änderungen findet sich dort nicht der leiseste Hinweis. Daher kann es auch keine „ultimative“ Ausgabe geben, sondern nur eine Deutung. Ob die meine akzeptiert wird, das wird die Zukunft zeigen.

Wenn Engels die ursprüngliche Zweckbestimmung der Marx’schen Eintragungen in den Handexemplaren erkannt hätte, wäre die von ihm herausgegebene dritte Ausgabe anders ausgefallen?

Selbstverständlich. Er hätte wahrscheinlich die zweite Ausgabe sorgfältig durchgesehen und so gut wie unverändert herausgegeben, natürlich mit einem Vorwort, in dem er bedauert, dass der Verfasser nicht mehr dazu gekommen ist, die vom Verleger gewünschte Bearbeitung vorzunehmen, und sicher auch mit einem Hinweis auf die zwischenzeitlich erschienene französische Ausgabe. Aber das wäre wohl alles gewesen.

Warum?

Engels mochte die französische Ausgabe nicht, und hat das Marx gegenüber auch eindeutig zum Ausdruck gebracht. Insbesondere schrieb er ihm: „Bei der englischen Übersetzung das französische Gewand zur Grundlage nehmen, würde ich für einen großen Fehler halten“, und das war das glatte Gegenteil der Ein- und Wertschätzung von Marx. Auch später hat er – natürlich nur in privaten Briefen und niemals in der Öffentlichkeit – des Öfteren über die „französische Verflachung“ gewettert und gemeint, dass Marx auf Deutsch nie so geschrieben haben würde. Nur eine doppelte Verantwortung, die gegenüber dem Lebenswerk seines Freundes und die gegenüber dem Publikum, konnte Engels dazu bewogen haben, diese dritte vermehrte Auflage so in Druck zu geben, wie er es getan hat.

Aber auch Marx spricht doch von Verflachung?

Das tut er an einer einzigen Stelle, und die bezieht sich auf sein eigenes Unvermögen, die im Kapitel I dargestellte dialektische Entwicklung und Begrifflichkeit ins Französische zu übertragen.

Karl Kautsky hat in seiner 1914 erschienenen „Volksausgabe“, allerdings als Vorzug der französischen Ausgabe, deren „leichtere Verständlichkeit“ angemerkt, denn Marx habe bei der Ausgabe danach „getrachtet, ihnen [den französischen Arbeitern] die Lektüre stellenweise zu erleichtern“.

Ich kann hier nur vermuten, dass der zuweilen ziemlich undialektisch denkende Kautsky die von Engels monierte „französische Verflachung“ als Vorzug empfunden hat, denn im Marx’schen Vorwort zur französischen Ausgabe steht das glatte Gegenteil: „Die Untersuchungsmethode, die ich genutzt habe […], macht die Lektüre der ersten Kapitel ziemlich schwierig […] Dies nun ist ein Nachteil, gegen den ich, wenn überhaupt, nichts tun kann, als die um Wahrheit bemühten Leser davor zu warnen und dafür zu wappnen. Es gibt keinen Königsweg für die Wissenschaft …“

Die Darstellung bleibt also schwierig. Wieso sprechen Sie dann von einer „lesefreundlichen Ausgabe“?

Das bezieht sich vor allem auf ihre Struktur. Die zum Teil sehr langen Fußnoten von Marx wurden, um die Literaturangaben entlastet, kleingedruckt in den Text gesetzt, so dass sie leichter zur Kenntnis genommen werden können. Alle Literaturangaben und Erläuterungen befinden sich am jeweiligen Seitenende, wo sie bequem zu lesen und nicht in diversen Anhängen verborgen sind. Sämtliche fremdsprachigen Zitate, nicht nur die in den Marxschen Fußnoten, sind übersetzt. Und vieles andere mehr, das alles ist im Nachwort aufgelistet.

Und wie können daran Interessierte die Zuverlässigkeit Ihrer Ausgabe überprüfen?

Auf der dem Band beigegebenen USB-Card sind sämtliche in den verschiedenen Ausgaben vorhandenen Varianten verzeichnet, die Originaltexte der von Marx genutzten Quellen, seine handschriftlichen Eintragungen in den Handexemplaren usw. – alles in einem zeilenweise organisierten Verzeichnis. Die USB-Card kann zudem genutzt werden, um Namen und Begriffe im jeweiligen Kontext leicht aufzufinden und nachzulesen.

Eine Frage zum Schluss: Was sagt Marx’ beständiges Überarbeiten der deutschen Ausgaben des „Kapital“ und die aktive Mitwirkung an Übersetzungen über sein Theorieverständnis aus?

Dass er mit dem „Kapital“ nie zu Ende gekommen ist, auch nicht mit dem ersten Band, sondern über die darin abgehandelten Probleme weiter nachgedacht hat. Dieses Herangehen sollten auch wir uns zu eigen machen: Nicht nach fertigen Antworten suchen, sondern nach weiterführenden Fragen.