„Jetzt reden wir weiter – Die Kombinatsdirektoren“

von Ralf Richter

Die Autorin Katrin Rohnstock verfolgt ein interessantes Geschäftsmodell: Sie ist Geschäftsführerin des Unternehmens Rohnstock Biografien und konzentriert sich dabei ganz – der Name sagt es – auf das Schreiben von Biografien. Seit 2012 hat sie den Fokus auf DDR-Wirtschaftsgeschichte gelegt.

Mit ihrem aktuellen Buch kann man als Leser glücklich und unglücklich zugleich sein. Man bekommt einen gewissen Einblick in die DDR-Wirtschaftsgeschichte, wenngleich sich kein wirklicher Durchblick einstellen will. Das ist vielen Faktoren geschuldet. Einerseits ist das Büchlein mit 250 Seiten zu schmal, um wirklich tiefgreifende Erkenntnisse zu vermitteln. Andererseits hat die Idee, „Salongespräche“ mit ehemaligen DDR-Kombinatsdirektoren zu führen, durchaus ihren Charme (Übersetzung für Jüngere: Kombinate waren in der DDR das, was die Konzerne in Westdeutschland sind. Da es keinen kapitalistischen Markt gab, waren beispielsweise alle Schuhgeschäfte der DDR von einem Kombinat abhängig.). Gleichzeitig ist sie nicht ganz unproblematisch, fügt sie sich doch ein in die Reihe der „Eliten-Interviews“. Der Arbeiter kommt allenfalls als anonyme Masse vor, und die individuellen Sichten der Direktoren auf die Kombinate – keiner der Beteiligten hat ein Kombinat von der Gründung bis zur Abwicklung erlebt – zeigen einen Ausschnitt im Ausschnitt. Was würde man alternativ erwarten, wenn eine Germanistin Autokonzern-Manager interviewen würde? „Die tiefe Wahrheit“ über eine Branche? Eher nicht.

Gerade wenn man mit der DDR-Wirtschaft zu tun hatte, beispielsweise im Rahmen der wirtschaftspolitischen Arbeit in einer Blockpartei, dann stellen sich zahlreiche Fragen. Der Autor dieser Zeilen hat selbst erlebt, wie Anfang der 90er Jahre die ehemaligen Unternehmer, die in den 70er Jahren de facto enteignet wurden, aber oft als stellvertretende oder technische Betriebsdirektoren in ihren Betrieben verblieben, ihre Unternehmen zurückhaben wollten. Nicht wenige waren in LDPD, NDPD und CDU organisiert. Diese Alt-Unternehmer bildeten die Keimzelle der ersten Unternehmerverbände, die nach 1990 mit Unterstützung der Liberalen beispielsweise in Dresden gegründet wurden. Über diese Unternehmer der Einzelbetriebe der Kombinate erfährt man in dem Buch nahezu nichts. Es gibt eine Makroperspektive, allerdings kann das Format nicht sehr weit in die tiefe gehen. Ohne Zweifel erfährt man viel Interessantes aus vielen Bereichen, es schwingt bei allen Beteiligten ein großer Stolz auf Erreichtes mit – trotz großer Widrigkeiten. Wenn man das Buch liest, kann man im Nachhinein ein Verständnis für all die Mangelerscheinungen aufbringen, die es in der DDR gab. Nur ein Fakt macht deutlich, vor welcher Herkulesaufgabe die Wirtschaft dieses kleinen Landes stand: Nahezu 90 Prozent aller in der DDR verkauften Produkte wurden auf dem Boden der DDR hergestellt! Kann man sich das heute vorstellen? Man braucht sich nur die elektronischen Konsumgüter anzuschauen. Wer hatte jemals ein Smartphone eines deutschen Herstellers in der Hand?

Auch das ZK bekommt sein Fett weg, das klingt dann sinngemäß schon fast wie bei den Konzernlenkern in kapitalistischen Staaten, frei nach dem Motto: Wenn man uns hätte machen lassen und Honecker uns nicht mit seiner sozialen Wohnungsbaupolitik-Priorität auf die Nerven gegangen wäre, dann wäre der Sozialismus nicht unter gegangen. Wenn das stimmt, dann hätte die Sozialstaatspolitik des Politbüros maßgeblich zum Ende der DDR beigetragen. Immerhin wird erwähnt, wie stark die Betriebe unter der Embargopolitik litten; gleichzeitig werden die guten Beziehungen zu westdeutschen Managern hervorgehoben, von denen sogar einige – wie bei Volkswagen – aus Ostdeutschland stammten.

Zu selten sind hingegen die Anekdoten, die es allerdings in sich haben. So fragte Erich Honecker bei der Präsentation des 32 Bit-Prozessors seinen Regierungsbeauftragten für Mikroelektronik, Karl Nendel: „Mal ehrlich, ist das wirklich unsere Leistung?“ – „Natürlich hat Mielke etwas mitgeholfen.“ – „Viel?“ – „Er hat die Unterlagen von Intel beschafft.“ Die Amerikaner wussten sehr gut, wie die Gegenseite ihre Technik auseinander nimmt. Als die Spezialisten in Erfurt das Intel-Bauteil Schicht für Schicht abtrugen, stießen sie plötzlich auf kyrillische Buchstaben. Der Text lautete: „Wann hört ihr endlich mit dem Klauen auf?“ Die Botschaft war an die Sowjets gerichtet, weil man bei Intel damit rechnete, von dieser Seite „auseinandergenommen“ zu werden – die DDR hatte man in Kalifornien nicht auf dem Zettel.

Bei aller möglichen Kritik an dem Buch bleibt festzustellen: Es vermittelt verglichen mit vielen anderen Beiträgen zum Thema DDR einen ungleich objektiveren Blick auf die Epoche und ist deshalb als zeitgeschichtliches Dokument wertvoll. Eine staatliche Wirtschaftspolitik auf der Grundlage der Planwirtschaft, die gleichzeitig mit einer scharfen Embargopolitik belegt war und von Anfang bis Ende unter Devisenmangel litt, musste Unzufriedenheit bei der Bevölkerung produzieren, die nach westlichen Konsumgütern lechzte und sich nicht dafür interessierte, unter welchen Produktionsbedingungen diese weltweit entstanden.

„Jetzt reden wir weiter!“ erschien in der edition berolina und kostet 9,99 Euro.