Ein Buch, das die Jahrhunderte überdauert

von Manfred Neuhaus

Die Lektüre des Marxschen „Kapital“ war allezeit eine enorme intellektuelle Herausforderung. Wer die Quellen befragt und sich weder von Wunschvorstellungen noch von hagiographischen Deutungen blenden lässt, wird unmittelbar nach dem Erscheinen des vielgerühmten Werkes selbst in den Führungszirkeln der sozialdemokratischen Emanzipationsbewegung nur wenige Personen finden, die neben den intellektuellen Voraussetzungen auch den Mut, die Gelegenheit und die Beharrlichkeit für die Lektüre von 796 Druckseiten komplexester Sachprosa mit 1023 Fußnoten besaßen. Neben August Bebel und Wilhelm Bracke sind vor allem Josef Dietzgen, August Geib, Johann Most und Carl August Schramm zu erwähnen. Bracke gilt als der klarste Kopf unter den Genannten. Der charismatische, leider früh von der Schwindsucht dahin geraffte Sohn eines Braunschweiger Getreidehändlers war ein Multitalent der frühen sozialdemokratischen Bewegung, neben August Bebel einer der ersten Arbeitervertreter im Deutschen Reichstag, befreundeter Korrespondenzpartner von Marx und späterer Adressat von dessen ebenso gerühmter wie selten genau gelesener Programmkritik. Bereits 1868 hatte er die Delegierten der in Hamburg tagenden Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins mit seinen Darlegungen über das „Kapital“ derartig beeindruckt, dass sie einhellig beschlossen: „Karl Marx hat sich durch sein Werk ,Der Produktionsprozeß des Capitals‘ ein unvergängliches Verdienst um die Arbeiterklasse erworben“. Geradezu kühn und verwegen war es, wie er 1878 von der Rednertribüne des Deutschen Reichstages das Opus magnum von Marx gewürdigt hat. Bracke habe, so wird später Wilhelm Blos in seinen „Denkwürdigkeiten eines Sozialdemokraten“ berichten, jederzeit unvorbereitet eine erschöpfende Darstellung der Marxschen Werttheorie geben können.

So sie es wollten, erfuhren die Akteure der frühen proletarischen Emanzipationsbewegung aus den Reden ihrer Parlamentsvertreter, den Pressefeuilletons der aufstrebenden Sozialdemokratie sowie aus eigens zu diesem Zwecke verfassten Popularisierungen, die Marx’ schwierige Gedankengänge dem Verständnis auch des einfachsten Mannes und der einfachsten Frau anzupassen suchten, vom ersten Band des „Kapitals“. Eine der wirkungsmächtigsten Schriften dieses Genres hatte der sächsische Reichstagsabgeordnete Johann Most während einer Haftstrafe verfasst. Es trägt den Titel „Kapital und Arbeit. Ein populärer Auszug aus ,Das Kapital? von Karl Marx“ und ist 1874 in Chemnitz erschienen. Dass sich Marx 1876 entre nous auf eine Überarbeitung für weitere Auflagen eingelassen hat, spricht für und nicht gegen die Qualität von Mosts Argumentation. Weitere „Kapital“-Popularisationen verdanken wir Edward Aveling, Carlo Cafiero, Gabriel Deville, Johann Georg Eccarius, Karl Kautsky, Paul Lafargue und Ferdinand Domela Nieuwenhuis. Avelings Handreichung erschien 1892 bereits mit dem zukunftsweisenden Titel „The Students’ Marx. An Introduction to the Study of Karl Marx’ ,Capital‘“. Aus Bebels Memoiren erfahren wir, dass auch er, ähnlich wie Most, erst in einer sächsischen Haftanstalt die erforderliche Muße zu eingehender „Kapital“-Lektüre gefunden hat. Sie trug, blicken wir auf seinen Bestseller „Die Frau und der Sozialismus“, bemerkenswerte Früchte und leistete wahrscheinlich den bedeutendsten Beitrag zur „Kapital“-Rezeption in der Sozialdemokratie.

Es ist erstaunlich, dass der erste Band des „Kapitals“ zuerst ins Russische übertragen wurde (1872). Bis zu Engels’ Tod 1895 folgten Ausgaben in Französisch (1872?1875, 1885), Polnisch (1884?[1890]), Dänisch (1885), Spanisch (1886, allerdings unvollständig), Italienisch (1886), Englisch (1887, 1889, 1890 und 1891) und Holländisch (1894). Unter dem Titel „Kniga, živušaja v vekach“ [Ein Buch, das die Jahrhunderte überdauert], hat Anna Vasil’evna Uroeva die erstaunliche Verbreitung des „Kapitals“ mit lexikographischer Präzision be¬schrieben. Ihre Zwischenbilanz aus Anlass des Zentenariums umfasst 220 Ausgaben in 43 Sprachen. Erhellende Daten liefert schließlich der Index Translatonium, die Weltbiographie der Übersetzungen: Eine aktuelle Auswertung des von der UNESCO aggregierten Datenfundus von zwei Millionen in der Zeitspanne von 1979 bis 2009 in allen Mitgliedsländern veröffentlichten Übersetzungen verzeichnet für den Zeitraum von 1979 bis 2009 weitere 226 „Kapital“-Ausgaben in Albanisch, Arabisch, Aserbaidschanisch, Assamese, Bengalisch, Bulgarisch, Chinesisch, Englisch, Farsi, Finnisch, Französisch, Griechisch, Hindi, Italienisch, Japanisch, Kasachisch, Katalanisch, Kirgisisch, Koreanisch, Lettisch, Malaiisch, Marathi, Mazedonisch, Moldawisch, Norwegisch, Oriya, Persisch, Polnisch, Portugiesisch, Russisch, Schwedisch, Serbo-Kroatisch, Sinhala, Slowakisch, Spanisch, Swahili, Tamilisch, Telugu, Tschechisch, Türkisch, Ukrainisch, Ungarisch, Usbekisch, Vietnamesisch, Weißrussisch und last not but least Mongolisch.