Die Oktoberrevolution 1917 in zeitgenössischer linker Sicht

Russia_2174 - Start of Russian Communism

Der vorliegende Band enthält 113 Texte, die einen detaillierten Einblick in die im heftigen Widerstreit ausgetragenen Auffassungen der deutschen Linken zum Verlauf und Charakter der russischen Oktoberrevolution 1917 geben. Knapp 20 Texte können als bekannt gelten, während der weitaus größere Teil zu den vergessenen zeitgenössischen Quellen gehört. Komplett unbekannt sind jene Texte, die dem Jahrgang 1918 der Stuttgarter Wochenzeitschrift „Der Sozialdemokrat“, 1914 unter der Patenschaft von Clara Zetkin von Friedrich Westmeyer gegründet und von Leo Jogisches zum Sprachrohr der Spartakusgruppe entwickelt, entnommen wurden. Insgesamt bilden die Beiträge aus dem „Sozialdemokrat“ und der „Sozialistischen Auslandspolitik“ den Grundstock des Bandes. Anzumerken ist, dass sich das einzige vollständige Exemplar „Der Sozialdemokrat“ in Ostberlin nicht nur als sekretiert, sondern für Uneingeweihte unauffindbar abgelegt worden war und erst im Sommer 2016 identifiziert werden konnte. Texte aus der „Leipziger Volkszeitung“ sowie aus Clara Zetkins „Frauen-Beilage“ zum gleichen Blatt und aus dem „Mitteilungs-Blatt des Verbandes der Sozialdemokratischen Wahlvereine Berlins und Umgegend“ runden die Dokumentation ab.

Der den Band einleitende „Prolog – eine Vorblende ins Jahr 1921“ reflektiert den leidenschaftlich geführten Streit um Rosa Luxemburgs literarischen Nachlass, insbesondere um beschlagnahmte und gestohlene Papiere und ihre „Russische Revolution“. Als Paul Levi Ende August 1921 Rosa Luxemburgs Fragment veröffentlichte, „erlebte diese Debatte“, wie Jörn Schütrumpf hierzu in seinen Vorbemerkungen schreibt, „eine – zumindest soweit es Clara Zetkin betrifft – peinliche Nachauflage“, welche durch „die dort in die Welt gesetzten Legenden für die spätere ,linke‘ Verunglimpfung Rosa Luxemburgs prägend wurden“. Es geht vor allem um die von Mathilde Jacob, der Vertrauten von Rosa Luxemburg und Mitbegründerin der KPD, Paul Levi, dem Vorsitzenden der KPD 1919-1921, im April 1921 aus der Partei ausgeschlossen und 1922 nach Auflösung der USPD wieder der SPD zugehörig, und Clara Zetkin geführte Auseinandersetzung. Allein sieben Beiträge dazu sind als „Erklärung“ gekennzeichnet. Es ist eine Debatte, die mit der Kritik am gescheiterten mitteldeutschen Putsch der KPD vom März 1921 verknüpft ist.

Der Hauptteil des Bandes „Pro und kontra BOLSCHEWIKI 1917/18“ umfasst 97 vergessene zeitgenössische Texte. Sie sind vor allem verfasst seitens der Verteidiger der Bolschewiki – Clara Zetkin, Franz Mehring, Paul Levi, August Thalheimer, Edwin Hoernle, Rudolf Breitscheid, Arthur Crispien und Alfred Henke – sowie der Kritiker von Eduard Bernstein, Karl Kautsky, der keineswegs immer Lenin und die Bolschewiki abgelehnt hatte, und Heinrich Ströbel. Rosa Luxemburg als „Schutzhaft-Gefangene“ konnte sich lediglich über den illegalen „Spartacus“ und zudem nur anonym melden, „grenzte sich zwar von Ströbel, Bernstein und vor allem von dem ihr seit Beginn des Jahrzehnts verhassten Kautsky, ihrem einstigen Verbündeten, verbal ab“, schreibt Schütrumpf in seiner Nachbetrachtung „Zankapfel Bolschewiki“, „stand aber inhaltlich ihnen deutlich näher als ihren Freunden Franz Mehring und Clara Zetkin“.

Dass in der Haltung zur russischen Revolution unter den deutschen Linken unterschiedliche Auffassungen zutage traten, war nicht verwunderlich. Die Welt war seit 1914 im imperialistischen Krieg, die Sozialistische Internationale total zusammengebrochen, ihre nationalen Gliederungen zutiefst zerstritten und gespalten, nicht in der Lage, den Krieg mittels einer Revolution zu beenden. Entgegen der allgemeinen Auffassung, dass eine sozialistische Revolution nur in hochentwickelten kapitalistischen Ländern möglich ist, brach diese jedoch auf sich allein gestellt in dem rückständigen zaristischen russischen Reich aus. Nicht zuletzt deshalb traten mit der russischen Revolution 1917 ernsthafte Probleme auf, von deren Bewältigung nicht nur ihr Schicksal abhing.

Nicht zu übersehen ist, dass die Beurteilung damaliger Auffassungen und Prozesse oftmals darunter leidet, dass sie aus der Sicht der erst über Jahrzehnte gewonnenen Erkenntnisse erfolgt. Die Frage war und ist: Was war entsprechend dem damaligen Wissenstand erkenn- und erreichbar, und was konnte zu Recht als Fehler bezeichnet werden? Der Sozialismus als Gesellschaftssystem war bis dahin theoretisch konzeptiert, die Notwendigkeit und die Spezifik einer längeren Übergangperiode vom Kapitalismus zum Sozialismus noch nicht voll erkannt. Den Reifegrad, die Unterschiede und Widersprüchlichkeit sowohl der objektiven als auch der subjektiven Bedingungen für die Verwirklichung revolutionärer Strategien zu beachten war unerlässlich. Was für ein hochentwickeltes Land wie Deutschland zutraf, konnte nicht schematisch auf andere Länder übertragen werden, wie auch umgekehrt. Objektiv notwendige Entwicklungsstufen durften nicht ignoriert werden.

Ganz in diesem Sinne belegt die von Jörn Schütrumpf sorgfältig aufbereitete Quellen-Dokumentation die Einsicht in die Kompliziertheit des Entwicklungsweges der deutschen und damit zugleich in die internationale Arbeiterbewegung im 20. Jahrhundert.

Jörn Schütrumpf (Hrsg.): Diktatur statt Sozialismus. Die russische Revolution und die deutsche Linke 1917/18. Karl Dietz Verlag Berlin 2017, 463 Seiten, ISBN 978-3-320-02331-7. 29,90 Euro.