Der Ungeist der Evaluierung

Leipziger Dingsda-Verlag bringt die konfliktreiche Geschichte der Familie von Sarah und Rainer Kirsch heraus. Von Rudolf Scholz

Es ist keine Seltenheit, dass Verleger zu Autoren ihres eigenen Verlages werden. Das trifft auch auf den Leipziger Verleger Joachim Jahns zu, der sich mit dem Dingsda-Verlag für ostdeutsche Literatur engagiert. Welche Risiken sich damit verbanden, zeigte sich zum Beispiel, als er die Autobiographie „Ein ganz gewöhnliches Leben“ von Lisl Urban veröffentlichte. Der an der Liquidierung des Warschauer Ghettos beteiligte SS-Haupt-Sturmführer Erich Steidtmann strengte eine gerichtliche Klage an, die auf das Verbot des Buches zielte.

Als kenntnisreicher, den Fakten akribisch nachspürender Autor erwies sich Jahns seither mit Büchern wie „Der Warschauer Ghettokönig“, „Erwin Strittmatter und die SS, Günter Grass und die Waffen-SS“ und „Erwin Strittmatter und der böse Krieg“. Auch in seinem neuen Band bewährt sich seine Fähigkeit, vielschichtige Lebenssituationen aufzubrechen, die von zeitgeschichtlichen Krisen und Verwerfungen geprägt sind. Den Anstoß zu seiner Recherche gab ein Brief, der den Verleger Anfang 2011 erreichte. Die Absenderin war ihm aus früheren Begegnungen als ehemalige Palucca-Schülerin bekannt.

Beim Sichten des Archivs ihres verstorbenen Mannes habe sie eine Akte mit der Aufschrift „Evaluierung“ gefunden, teilte sie mit. Darin seien akribisch die Vorgänge seiner Entlassung bzw. seines Rausschmisses als leitender Professor aus seinem Institut festgehalten. Es seien Dokumente, die eine genaue Darstellung der Vorgehensweise in den 1990er Jahren zeigten. Sie fragte Jahns, ob er sich vorstellen könne, dieses Material „als sachliche Darstellung anhand von Dokumenten, kurzen Kommentaren und einer entsprechenden Einleitung zwischen zwei Buchdeckel zu bringen“.

Bei dem Betroffenen handelte es sich um den international anerkannten Wissenschaftler Wolfgang Kirsch, Professor für Latinistik und Direktor der Sektion Orient- und Altertumswissenschaften der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Er war der jüngere Bruder des Dichters Rainer Kirsch. Dessen Ex-Ehefrau, die Lyrikerin Sarah Kirsch, war 1977 in die BRD ausgereist. Klar, dass auch den beiden Dichtern Jahns Interesse gilt. Die ihnen gewidmeten Kapitel, beispielsweise der persönliche Besuch bei Rainer Kirsch ein Jahr vor dessen Tod und das faktengesättigte Porträt über die junge Sarah, zeichnen sich sogar durch einen hohen Informationswert aus.

Im Mittelpunkt der zeitgeschichtlichen Recherche steht indes die Verleumdungskampagne, der sich Wolfgang Kirsch nach 1990 ausgesetzt sah. Sie mündete in die rechtsstaatlich fragwürdige Evaluierungsprozedur und stürzte ihn in eine existenzielle Krise, die ihn bis in den Tod hinein nicht ruhen ließ. Ähnliches haben tausende DDR-Bürger seinerzeit über sich ergehen lassen müssen. Selten aber dürfte so prägnant auf den Punkt gebracht worden sein, wie jene Unrechtmäßigkeiten inszeniert wurden und wer sich zu Helfershelfern machte. Da tritt auch zutage, welche Rolle die „Personalkommissionen“ spielten.

Mit einer Sorgfalt, der auch beiläufige Details wichtig sind, zeichnet Jahns anhand lückenloser Quellennachweise, gleichsam mit Name und Hausnummer, alle Zumutungen nach, denen sich Kirsch ausgesetzt sah. Nicht nur, dass seine rechtmäßige Berufung zum Sektionsdirektor in Frage gestellt und seine persönliche Integrität beleidigt wurde. Auch das Gerücht wird gestreut, er sei „Offizier der Stasi“ gewesen. Immer wieder entlarvt Jahns jedoch auch die Selbstlügen derer, die über Wolfgang Kirsch zu Gericht saßen und an ihren Nachwende-Karrieren bastelten. Einer der Beflissenen: Johannes Mehlig, der als „verlängerter Arm des FDP-Ministers Rolf Frick“ gilt, eines Mannes, der Andersdenkende öffentlich als „Ratten“ diskriminierte.

Aber auch couragierte Solidarisierungen weiß der Autor zu würdigen. So erklärte der renommierte Tacitus-Forscher Reinhard Häußler, langjähriger Professor an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, in einem Protestbrief seinen Austritt aus der Mommsen-Gesellschaft, als er miterleben musste, wie sich bei der „kollektiven Vereinigung“ eine Mehrheit als Sittenwächter aufspielte und ostdeutsche Wissenschaftlern von Rang, unter ihnen Wolfgang Kirsch, die Mitgliedschaft verweigerte.

Joachim Jahns, Die Kirschs oder Die Sicht der Dinge, Dingsda-Verlag Leipzig, geb., 224 S., EUR 24,99