Der Erste Weltkrieg – Deutungen und Haltungen

von Prof. Dr. Kurt Schneider

Der Erste Weltkrieg ist seit Jahrzehnten ein Schlüsselthema der Weltgeschichtsschreibung. Allein die anlässlich des 100. Jahrestages seines Beginns 1914 dazu erschienende internationale Literatur ist schier unübersehbar. Damit ist die von den Herausgebern des vorliegenden Sammelbandes, dessen Titel Eric Hobsbawms „Das Zeitalter der Extreme“ (1995) entstammt, gestellte Frage: „Warum noch ein Sammelband zum Ersten Weltkrieg?“ durchaus berechtigt. Mit dem Verweis auf „bedauerliche Leerstellen und problematische Interpretationen“ in der Diskussion der letzten Jahre über den Krieg 1914-1918 geht es den Autoren um drei Themenkomplexe: „Wie sind die aktuellen erinnerungs- und geschichtspolitischen Deutungen einzuordnen? Welche Rolle spielen die militärischen Auseinandersetzungen und deren Interpretation für die Entwicklung der radikalen Rechten in der Zwischenkriegszeit? Und schließlich: Welche Haltungen nahmen die politische Linke und hier insbesondere die Arbeiterbewegung vor, während und nach dem Krieg ein?“ Derartig breit gefächert verbindet sich damit ein Anspruch, der mit wissenschaftlichem Gewinn eingelöst worden ist.

Insgesamt kommen in dem in drei Teile gegliederten Sammelband nach dem Vorwort der Herausgeber 22 Autoren mit 18 Beiträgen zu Wort. Es sind vor allem Texte, die auf zwei wissenschaftlichen Konferenzen der Rosa-Luxemburg-Stiftung gehalten worden sind: „Das Jahr 1914 und die Frage von Krieg und Frieden im 20. und 21. Jahrhundert“ vom 29. August 2014 in Potsdam und „100 Jahre Erster Weltkrieg – Bezugnahmen und Deutungen in Europa“ vom 19. bis 21. September 2014 in Wuppertal.

Der Teil I „Erinnerung und geschichtspolitische Bedeutung“ wird einleitend von Wolfgang Kruse mit der Sicht auf die deutsche Rolle in der Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges behandelt und die Differenzierungsprozesse in der deutschen Arbeiterbewegung während der Kriegszeit skizziert. Das geschieht in Auseinandersetzung mit der Revision der „Kriegsschuldthese“, die in der öffentlichen Diskussionen der letzten Jahre von Christopher Clark mit seinem Buch „Die Schlafwandler“ eröffnet und mit Herfried Münklers Werk „Der Große Krieg“ weiter befeuert worden ist. Die geschichtspolitische Absicht der neu aufgelegten Kriegsschulddebatte sei, schlussfolgert Kruse, sich von der kritischen Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte zu lösen. Zugleich weist er darauf hin, dass Martin Schulz als damaliger sozialdemokratischer Präsident des Europaparlaments Clarks „Schlafwandler“ regelrecht gefeiert habe. Dem Kompendium zugeordnet folgen Beiträge zu revisionistischen sowie linken Deutungen und Haltungen zum Kriegsausbruch 1914 sowie zur Kriegsursachenforschung und zu den Problemen deutscher Erinnerungspolitik heute. Das geschieht mit Kritik an Joachim Gaucks offiziöser Erinnerungspolitik, die zum Ausdruck bringt, dass Deutschland „selbstbewusst, moralisch unbelastet und frei von ,Schuldstolz‘ nach neuer Weltgeltung strebt“.

Die Beiträge der Autoren des Teils II untersuchen die „langen Linien: Erster Weltkrieg, Faschismus und Nationalsozialismus“. Obwohl unbestritten ist, dass der Zweite Weltkrieg ohne diese geschichtlichen Zäsuren nicht erklärbar ist, überrascht nach deren Sicht dennoch, dass im Doppeljahrestag des Beginns beider Weltkriege diese Linien in Forschung und Feuilleton weitgehend ausgeblendet worden sind. Es sei das erklärte Anliegen der Verfasser, diese Lücke wenigstens partiell zu schließen. Die bislang bekannten Planungen zu dem im kommenden Jahr 100. Jahrestag der deutschen Novemberrevolution 1918, die Marcel Bois auflistet, lassen annehmen, dass die Entwicklungen 1918/19 die angemessene wissenschaftliche und politische Aufmerksamkeit finden werden.

Der Teil III „Arbeiterbewegung, politische Linke und Krieg“ ist der umfangreichste. Er enthält hierzu Beiträge wie: Antikriegsaktionen in Berlin und Wien, den Zentren der Macht; Rosa Luxemburgs Haltung zu vom Kapitalismus geführten Kriegen und die Mission des Proletariats; Die „Verpreußung“ der deutschen Arbeiterbewegung; Slowenische Frauenproteste vor und im Krieg; Die serbische Sozialdemokratie in Kriegszeiten; Der Erste Weltkrieg aus afrikanischer Perspektive; Arbeiterbewegung und Internationalismus nach dem Krieg, die alte und die neue Internationale; „Krieg dem Kriege“; Die kriegskritische Strategie Ernst Friedrichs in der Weimarer Republik. Die lediglich aus Platzgründen nicht genannten sind nicht minder informativ. Generell jedoch ist zu vermerken, dass nicht alle wichtigen zeitgenössischen Quellen die ihnen zukommende Beachtung fanden. So bleiben zum Beispiel die deutschen Linken Franz Mehring und Clara Zetkin ungenannt.

Das Resümee der Analyse des Sammelbandes kann in Anlehnung an das von Ángel Alcade zitierte Urteil George L. Mosses (1918-1999) lauten: „Die einzige Neuerung, die der Krieg ganz Europa brachte, war eine Brutalisierung des Lebens“, die sich in Deutschland in der Nachkriegszeit fortsetzte und gewissermaßen der Boden war, auf dem der Faschismus entstand. Es ist eine Entwicklung, die in die heutige Zeit hineinreicht.

Einhundert Jahre nach dem Ersten Weltkrieg ist die Welt weder von Kriegsgefahr noch Rüstungswahn befreit, wie Holger Politt in seinem Beitrag konstantiert. Allein die welthistorische Alternative, von der sich Rosa Luxemburg leiten ließ, ist verschwunden. „Der Zusammenbruch des sowjetischen Staatsozialismus in Europa ist unwiderruflich …“ Geblieben ist die Friedensfrage, die heute, angesichts der aktuellen internationalen Entwicklungen, zu den wichtigsten Menschheitsfragen überhaupt gehört. Zugleich hat in vielfältiger Hinsicht der Rechtsextremismus in Deutschland zugenommen. Seine Formen und Methoden sind vielfältiger und gefährlicher denn je. Ebenso ist die Restauration faschistisch-völkischer Bewegungen in neuer Gestalt in nahezu ganz Europa stark angewachsen. Damit kommt dem Antifaschismus als humanistisches Erbe in ganz Europa wachsende Bedeutung zu. In diesem Sinne haben die historischen Themen des vorliegenden Sammelbandes höchst aktuelle Bedeutung.

Axel Weipert, Salvador Oberhaus, Detlef Nakath, Bernd Hüttner (Hrsg.): „Maschine zur Brutalisierung der Welt“. Der Erste Weltkrieg – Deutungen und Haltungen 1914 bis heute. Verlag Westfälisches Dampfboot 2017, 363 Seiten, 35,00 Euro ISBN: 978-391-108-7