Das Romaparlament in Ungarn ist unter Druck

Von Richard Gauch

1990 wurde das Ungarische Roma-Parlament (Magyarországi Roma Parlament) in Budapest von zivilen Romagruppen gegründet. Es war deren erste nichtstaatliche und selbstverwaltete Dachorganisation. Ziel war es, die Situation der Roma in Ungarn zu verbessern. Dazu wurden öffentliche, künstlerisch-professionelle Programme organisiert und über Rechtsschutz informiert.

Wer sich heute mit der Situation der Roma in Ungarn beschäftigt, wird früher oder später unweigerlich dem Namen Aladár Horvath begegnen. Aladár Horvath ist Menschenrechtsaktivist, Bürgerrechtler, Politiker und Vorsitzender des Romaparlaments. Er zählt zu den bedeutendsten Vertreterinnen und Vertretern des Kampfs gegen soziale Unterdrückung und Rassismus in Ungarn. Sein bürgerschaftliches, demokratisches Engagement für Gerechtigkeit und sein Eintreten für ein menschliches Miteinander sowie sein Bemühen um gewaltfreie Lösungen von Konflikten sind bewundernswert. Auch international ist er bekannt geworden als herausragender Vertreter gegen die zunehmende Segregation, Unterdrückung und soziale Ungerechtigkeit der ungarischen Mehrheitsgesellschaft gegenüber ihren vielen Minderheiten. Er, selbst Rom, ist für viele Roma zum politischen und moralischen Vorbild geworden und stärkt somit Zivilcourage, liberales und demokratisches Denken und Handeln.

Der ungarische Premier Viktor Orban erklärte in seiner Rede auf der 25. Freien Sommeruniversität in Baile Tusnad (Rumänien) im Juli 2014: „Wir wollen eine arbeitsbasierte Gesellschaft organisieren, die – wie ich schon früher erwähnte – das Odium auf sich nimmt, dass sie offen ausspricht, dass sie hinsichtlich ihres Charakters keine liberale Demokratie ist. … Mit den liberalen Prinzipien und Methoden der Organisierung einer Gesellschaft und überhaupt mit dem liberalen Verständnis von Gesellschaft müssen wir brechen.“

Das Roma-Parlament schuf vor 25 Jahren ein Bürgerzentrum in Budapest, das u.a. ein Museum beherbergte. Dort gab es auch eine einzigartige Dauerausstellung der zeitgenössischen Kunst der Roma, die János Balázs Galerie, eine Gemäldesammlung bestehend aus über 220 Werken von 53 ungarischen Roma- und Romnija-Kunstschaffenden. Es ist eine der bedeutendsten Sammlungen der Roma-Kunst in Ungarn und Europa. Darunter sind Werke des Roma-Künstlers Gábor Dilinkó, der als junger Revolutionär 1956 am Corvin köz für Freiheit und Demokratie kämpfte. Seine Lebensgefährtin Ilona Szabó wurde von einer Kugel tödlich getroffen, als sie im vierten Monat schwanger war. Später musste Dilinkó sieben Jahre im Gefängnis verbringen. Dort war er unter anderem zusammen mit dem späteren ungarischen Staatspräsidenten Arpad Göncz inhaftiert.

Des Weiteren befinden sich unter den zahlreichen künstlerischen Werken Tusche-Zeichnungen von Magda Szécsi. Die Roma-Künstlerin malte und zeichnete nicht nur, sondern sie schrieb auch Gedichte, Märchen und Novellen, welche in Ungarn von großer Bedeutung sind. Die Bibliothek des Roma-Parlaments sammelte alle Ausgaben künstlerischer und fachlicher Werke, auch um sie Schulen und Institutionen zur Verfügung zu stellen.

Leider ist dies alles gefährdet. Das Gebäude des Romaparlaments wurde geschlossen, die Werke und alle anderen Gegenstände den Roma entzogen. Derzeit kämpft eine Initiative dafür, dass die Roma alles zurückerhalten. Ob sie eine Chance haben? Victor Orban will eine Roma-Vertretung in seinem Sinne schaffen.