„Das linke Dresden“: Eine herbe Enttäuschung

von Ralf Richter

Im letzten Jahr kam es zu einer Staffelstabübergabe: Hans-Peter Lühr, der langjährige Redakteur der Dresdner Hefte, die vom Dresdner Geschichtsverein e.V herausgegeben werden, übertrug seine Aufgabe auf den aus Coburg stammenden Historiker Justus H. Ulbricht. Dessen Spezialgebiet ist eigentlich die „Völkische Bewegung“: Er hat 1996 gemeinsam mit Uwe Schmitz und Uwe von Puschner das Handbuch zur „völkischen Bewegung“ 1871 – 1918 herausgebracht. Dieses Handbuch gilt seither als Standardwerk. Der Begriff stand schon lange vor dem „Dritten Reich“ für das Streben nach einer anti-egalitären militaristischen Gesellschaft auf der Grundlage rassistischen Gedankengutes, das Slawen und Juden verachtete und dabei auf eine Art Neu-Germanentum reflektierte, wie es später auch die SS bekannt machte. Wer sich also derart fundiert im Wurzelwerk der rechten Geschichte auskennt, der könnte auch ein gutes Werk zum „linken“ Dresden zu Wege bringen – sollte man meinen.

Den Rezensenten allerdings hat das Heftchen – ca. 100 Seiten stark – nicht vom Hocker gerissen. Das Problem beginnt wirklich schon mit dem Titel „Das ,linke‘ Dresden – Eine Spurensuche über 100 Jahre“. Was links ist, das glaubt der in der DDR sozialisierte und geschulte Leser nun wirklich einigermaßen zu kennen. Wer diese Schulung nicht besitzt, kann schon anhand der Banknoten erkennen, wie die DDR „linke“ Geschichte definierte: Sie beginnt mit dem Führer des Bauernaufstandes Thomas Müntzer, geht über die Frauenrechtlerin Clara Zetkin zu Friedrich Engels und Karl Marx. Die unangefochtene Basis linken Denkens aber war in der DDR der Marxismus. Dies freilich ist heute nicht mehr innerhalb der Partei der „Linken“ so und wurde auch in Westdeutschland nicht so gesehen, wo nach der Zerschlagung der KPD diverse linke Gruppen um Aufmerksamkeit rangen. Gleichwohl erscheint es schon befremdlich, wie ein Historiker ein Heft zum „linken“ Dresden als „Spurensuche über 100 Jahre“ konzipieren kann. Dabei weiß der Redakteur doch genau, dass linkes Gedankengut spätestens unmittelbar vor der Abschaffung der Leibeigenschaft ansetzt. Will man aber mit dem Proletariat beginnen, dann würde man mit Einsetzen der Industrialisierung starten. „Einhundert Jahre“ Spurensuche aber sagen schon: Hier geht es nicht um ein systematisches Erforschen einer konkreten politischen Strömung. Das Heft beleuchtet also weder die Arbeiterbewegung noch die Sozialdemokratie oder die Geschichte der Kommunisten in Dresden. Wer auf all das gehofft hatte, wird das Heft am Ende schwer enttäuscht aus der Hand legen.

Was aber aus meiner Sicht wesentlich schwerer wiegt, ist das Ausblenden wirklich spannender Themen. Erwähnenswert ist ja zumindest, dass beispielsweise in Dresden nach 1989 auf Betreiben der CDU nicht nur die Ho-Chi-Minh-Straße verschwinden musste und der Salvador-Allende-Platz, sondern auch der Platz der Einheit. Dieser heißt momentan Albertplatz – eine weniger monarchistisch gesinnte Stadtverwaltung hätte dem Platz seinen alten Namen „Bautzner Platz“ zurückgegeben. Wenn man heute einen Jugendlichen fragt, wie der sich erklärt, dass in Ostdeutschland viele Plätze der Einheit nach 1990 umbenannt wurden, dann kann der sich keinen Reim darauf machen. Dabei kann man ohne diese Einheitsgeschichte weder die Geschichte Dresdens noch die Ostdeutschlands von 1946 bis 1989 verstehen. An diese Stelle hätte es auch gehört, zu erläutern, warum Herbert Wehner empört die Jugendorganisation der SPD in Dresden verließ und Karriere in der KPD machte. Linke Geschichte Dresdens par excellence ist die der SPD-KPD-Regierung von 1923 unter dem SPD-Ministerpräsidenten Erich Zeigner, der von einer SPD-Reichsregierung – Reichspräsident war kein anderer als Friedrich Ebert – mittels militärischer Gewalt gestürzt, von den Nazis ins KZ gesteckt und nach 1945 auf sowjetischen Befehl Oberbürgermeister von Leipzig wurde. Am Beispiel von Friedrich Ebert, Herbert Wehner und Erich Zeigner wird exemplarisch deutlich, dass es eben nicht so einfach ist, bei der Vereinigung beider Parteien – wie in Westdeutschland üblich – von einer „Zwangsvereinigung“ zu sprechen.

Es gab in beiden Parteien schon in der Weimarer Republik Kräfte, und die wurden in den Konzentrationslagern noch stärker, die durchaus SPD und KPD als „verhängnisvolle Spaltung der Arbeiterklasse“ sahen und eine Vereinigung anstrebten. In jedem DDR-Geschichtsbuch sah man die beiden Ströme von KPD und SPD sich aufeinander zu bewegen, bis sie den „Platz der Einheit“ erreichten. Im Heft findet man dazu nichts, dafür etwas zum Volkshaus, etwas zu Kurt Schlosser, etwas „zum Verhältnis von linksexpressionistischer Literatur und Politik während der Novemberrevolution in Dresden“ usw. usf. Das Ganze zerfasert. Die einzelnen, zum Teil durchaus gelungenen Einzelbeiträge fügen sich nicht zu einem Bild. So entsteht kein Verständnis für Revolution und Klassenkampf – das aber kann durchaus Absicht sein.

Das Dresdner Heft Nr. 130 gibt es für fünf Euro. Es kann in jeder Buchhandlung bestellt werden, so es dort nicht bereits vorhanden ist.