Das Beste vom Herrn Wollenberg

von Reinhard Ständer

Es gibt bedeutende Künstler, die kaum jemand kennt – „dank“ unserer Medien, die dem Mainstream zuliebe immer mehr große Kunst ignorieren und nur senden bzw. drucken, was angeblich massentauglich ist. Zu diesen Künstlern gehört seit Jahrzehnten der Folk- und Chanson-Poet Jens-Paul Wollenberg, ein Wahl-Leipziger, von dem kürzlich das Doppelalbum „Die Loewenzahnjahre 1990 – 2004“ erschien. Es enthält 32 Lieder seiner bisherigen zehn Alben, die von ihm im Löwenzahn-Verlag Leipzig erschienen. Dazu gehören seine Bands Wahdi al-Ehana, Pojechali, Funkner-Trio, Ex.ces und die Mitwirkung in der Leipziger Folksession Band. Den Großteil der Titel hat er selbst geschrieben, es gibt aber auch Texte von Goethe, Hesse, Villon, Wedekind. Oder Hoffmann von Fallersleben, dem Dichter der deutschen Nationalhymne, der aber vor allem wegen seiner gesellschaftskritischen Liedtexte erwähnenswert ist: „Der deutsche Philister das bleibet ein Mann, auf den die Regierung vertrauen noch kann, der passet zu ihren Beglückungsideen, der lässt mit sich alles gut willig geschehn“. Verse aus dem 19. Jahrhundert, die noch heute aktuell sind – leider. Und das nicht nur in diesem Lied. Die ganze DDR-Folkloreszene war ob dieser doppeldeutigen Zeilen so beliebt, weil sich die Verhältnisse aus früheren Jahrhunderten trefflich auf die DDR übertragen ließen, was sich in vielen Fällen bis heute nicht geändert hat. Ausführlich nachlesen darüber kann man im 2016 erschienenen umfangreichen Buch „Volkes Lied und Vater Staat“ von Wolfgang Leyn, an dem ich mitwirken durfte.

An dieser Stelle für jene, denen Jens-Paul Wollenberg noch kein Begriff ist, einige biografische Anmerkungen. Geboren in Speyer (BRD) wuchs er im idyllischen Harzer Städtchen Quedlinburg auf, arbeitete u.a. als Postbote und gründete dort 1978 seine erste Gruppe: Quitilinga. Aufgrund der provozierenden Erscheinung des Sängers, seiner aufmüpfig-kritischen Songs und spektakulären Auftritte wurde die Gruppe durch die DDR-Staatsmacht immer wieder verboten und trat danach zur Tarnung stets unter neuem Namen auf, beispielsweise als Münzenberger Gevattern Kombo. Natürlich wurden sie dabei von einer ganzen Reihe Spitzeln überwacht. 1988 war Wollenberg der Kleinstadt überdrüssig und zog um nach Leipzig. Nach der Wende trat er dort vermehrt als Straßenmusiker auf, auch mit seiner Lebensgefährtin, der Künstlerin Uta Pilling, dem Bajan-Spieler Valeri Funkner und anderen. Nach und nach erschien eine Vielzahl von Alben des Ausnahmekönners unter den Kleinkünstlern.

Wollenbergs Vortragskunst ist beeindruckend. Er singt nicht einfach, er lebt seine Texte aus, von Morbidem, Zärtlichem, Bösartigem, Verzweifeltem, Skurrilem, Traurigem, Berührendem. Beispiele dafür sind unter anderem der ironische „Tantenmörder“, die „Ratten“, die „Seifenblasenliga“ oder die „Ballade am Kiosk“. In „Europa“ heißt es: „Dein Leichentuch stinkt gegen den Himmel, verflucht wer im Abendland lebt, ein Fetzen von Erdteil historischem Schimmel, wie peinlich an Asien geklebt, Europa … doch ordentlich bist du gewebt“. Aus der Reihe der schon zu DDR-Zeiten beliebten Räuberlieder kommt das köstliche „Die Räuber aus dem Böhmerwald“ mit der musikalisch herausragenden Leipziger Folksession Band, in der Musiker der legendären „Folkländer“ dabei waren und die es nur einige Jahre gab. Leider gibt es aus der Zeit vor 1990 nur spärlich Mitschnitte, deshalb ist auch die Originalaufnahme von „La Marmotte“, ein gern gespielter Titel der achtziger Jahre, besonders hervorzuheben.

Alles in allem bietet das Doppelalbum einen passablen Querschnitt durch das Schaffen des brillanten Songpoeten Jens-Paul Wollenberg. Wer mehr von ihm hören möchte, sollte sich die Originalalben besorgen, sofern sie noch erhältlich sind.

Infos: www.loewenzahn-verlag.com, Bestell-Nr.: LZ 20171