Vor 150 Jahren wurde Marx‘ „Kapital Band I“ in Leipzig gedruckt

Ein Kolloquium der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen am 6. Mai 2017

von Jürgen Leibiger

Vor 150 Jahren ließ Karl Marx‘ Hamburger Verleger Otto Meissner den ersten Band des „Kapital“ in der Druckerei Wigand in Leipzig drucken. Das Kolloquium aus Anlass dieses Jahrestags widmete sich der Frage, welche Bedeutung dieses Werk für die sozialen Auseinandersetzungen im 21. Jahrhundert hat. Am Kolloquium nahmen im völlig überfüllten Vortragsraum der Stiftung in Leipzig über 50 teils weitgereiste Gäste teil und die Diskussionsfreude zu den sechs Referaten war mit über 40 Wortmeldungen, Anfragen und Kommentaren erfreulich groß.

Dieter Janke, stellvertretender Vorsitzender der Stiftung, eröffnete das Kolloquium mit einer Reminiszenz an wissenschaftliche Konferenzen, die 100 Jahre nach der Erstveröffentlichung des Band I des „Kapital“ 1967 in Frankfurt a. M. und Leipzig durchgeführt wurden. Die Frankfurter Tagung sei von einer „Aufbruchsstimmung“ gekennzeichnet gewesen, was man auch heute noch dem Protokollband entnehmen könne. Die Leipziger Konferenz hingegen sei trotz wissenschaftlich wertvoller Beiträge zu einem Politikum der DDR stilisiert und ideologisiert worden. Heute sei der Umgang mit Marx – auch im Unterschied zu den „Nachwende-Jahren“ – erfreulich sachlich geworden. Natürlich stelle sich die Frage, ob der heutige Kapitalismus mit dem von Marx analysierten noch vergleichbar sei. Was also – so die Fragestellung des Kolloquiums – habe das Marxsche „Kapital“ heute noch zu bieten?

Bevor darauf eingegangen wurde, erinnerte Manfred Neuhaus, Leipziger Marx-Engels-Editor, in einem mit launig erzählten Episoden gespickten Vortrag an die Editionsgeschichte des ersten Kapital-Bandes. Marx habe zwar über eine „Verschwörung des Schweigens“ geklagt, aber angesichts des schwierigen Stoffs sei die Rezeption seines Werkes beachtlich breit ausgefallen. Selbst akademische Gegner wie der Leipziger Professor Wilhelm Roscher hätten ihm in seiner „Geschichte der Nationalökonomie“ schon 1874 seinen freilich mit vergifteten Komplimenten versetzten Respekt nicht versagen können. Die UNESCO setzte 2013 auf deutschen Antrag hin den ersten Band des „Kapital“ (und das „Kommunistische Manifest“) in das Weltregister des Dokumentenerbes. „So viel Marx, meine Damen und Herren, gab es noch nie“, endete Neuhaus.

Der Wirtschaftshistoriker Thomas Kuczynski verfolgte, welche Textveränderungen Marx in den zu seinen Lebzeiten veröffentlichten und übersetzten „Kapital“-Ausgaben vornahm oder vornehmen wollte. Vor allem in der französischen Ausgabe von 1872 habe er nach seinem eigenen Urteil „manches Neue zugesetzt und vieles wesentlich besser dargestellt“. Ein Vergleich fördere, so Kuczynski, in der Tat manche wesentliche Erkenntnisfortschritte bezüglich der Marxschen Textarbeit zutage. Letztlich habe er sein Werk nie vollendet und selbst bezüglich des ersten „Kapital“-Bandes sprach er kurz vor seinem Tod davon, es umzuarbeiten, sobald es die Umstände erlaubten.

Ullrich Busch, Mitglied der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin, ging der Frage nach, wie aktuell der Marxsche Kapitalismusbegriff in Zeiten der Digitalisierung ist. Marx habe unter „Kapitalismus“ eine Gesellschaftsordnung verstanden, deren Wesen, Charakter und Struktur sich aus der kapitalistischen Produktionsweise als einer historischen Einheit von industriellen Produktivkräften und sozialen Verhältnissen ergebe, in deren Zentrum das Kapitalverhältnis stehe. Wende man dieses Herangehen auf die Geschichte des Kapitalismus an, zeige sich, dass dieser in der Vergangenheit eine ganze Reihe von Transformationen durchlaufen habe. Das bisher jüngste sei das in den 1970er Jahren sich herausbildende Regime des Finanzmarktkapitalismus mit der Digitalisierung als dessen Basisinnovation. Eine mit der Industrialisierung vor 200 Jahren vergleichbare Wirkung könne der Digitalisierung bisher nicht zugeschrieben werden. Vieles spreche dafür, dass diese eine Modifizierung des Kapitalismus, nicht aber dessen Aufhebung bewirke.

Klaus Müller, Wirtschaftswissenschaftler aus Chemnitz, sprach über den Zusammenhang von Wert- und Geldtheorie. Wertformenanalyse und Geldbegriff gehörten zu den umstrittensten Problemen der marxistischen politischen Ökonomie. Marx leite die Entstehung und das Wesen des Geldes logisch und historisch aus dem Warentausch ab. Das Geld könne mithin nicht, wie heute oft behauptet werde, historisch vor der Existenz eines entwickelten Warenaustauschs entstanden sein. Im Zusammenhang von Produktion und Austauschs der Waren liege begründet, weshalb auch unter heutigen Bedingungen einer Papier- und Buchgeldzirkulation noch eine Geldware existiere und die Zentralbanken trotz fehlender Deckungs- oder gar Umtauschpflicht die Goldreserven wie ihren Augapfel hüteten. In einem letzten Punkt seiner Ausführungen ging Müller auf einige Kritiken an der Arbeitswerttheorie ein und betonte: „Wer das arbeitswerttheoretische Fundament für unbrauchbar hält, schlägt der marxistischen Ökonomie den Boden unter den Füßen weg“.

Georg Quaas, Dozent an der Universität Leipzig, fragte in seinem Vortrag, ob der Mehrwert, also auch der Wert messbar sei, oder ob das „nur“ für deren Erscheinungen, Markpreis und Profit gelte. Damit war das Dauerthema der Wert-Preis-Transformation des Band III des „Kapital“ aufgeworfen. Quaas betonte, dass Marx schon im Band I eine Preistheorie entwickelt habe, die sich widerspruchsfrei modellieren lasse. Dies erkläre auch, warum Marx im Band I des „Kapital“ Werte stets in Preisen angeben kann. Als empirisch forschendem Wirtschaftswissenschaftler sei ihm – Quaas – besonders wichtig, dass damit Analysen des Kapitalismus auf Basis von Preisen werttheoretisch korrekt seien. Dies erlaube die Verwendung der Ergebnisse der modernen Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen für die Analyse und für den Test ökonomischer, darunter auch Marx‘ Theorien.

Stephan Krüger, Berliner Wirtschaftswissenschaftler, entwickelte eine Akkumulationstheorie des 21. Jahrhunderts. Ausgehend von der historischen Entwicklung der gesellschaftlichen Betriebsweise und der Akkumulationsregimes analysierte er die Besonderheiten der heutigen Akkumulation des Kapitals. Kennzeichnend sei eine „strukturelle Überakkumulation“, in der keine langfristige Steigerung der Profitmasse und keine weitere Ausdehnung der produktiven Basis mehr stattfinde. Das disponible Geldkapital werde in unproduktive Verwendungen umgeleitet und die für einen Aufschwung erforderliche Entwertung von Kapital werde um den Preis wachsender Finanzblasen und erhöhter Instabilität hinausgeschoben. Krüger hält Lösungen dieses Dilemmas unter den gegenwärtigen Bedingungen für prinzipiell möglich. Entweder es komme zu einer gewaltsamen Entwertung des Kapitals in allen Daseinsformen mit katastrophischen Konsequenzen oder zur Entwertung toxischer Eigentumstitel und uneinbringlicher Kredite mit Übergang zu einer Entkopplung der Investitionen von ihrer kapitalistischen Profitdetermination. Der Einstieg in letztere Alternative könne durch die Ausweitung öffentlicher Investitionen und eine makroökonomische Strukturpolitik zur Steuerung des Marktsektors sein. Dieser Pfad könne letztlich in der Überwindung der Dominanz kapitalistischer Produktionsverhältnisse – der Ablösung der sozialen durch eine „sozialistische Marktwirtschaft“ – münden.

Nachtrag: Der vom Berichterstatter im Rahmen der Vorbereitung des Kolloquiums gemachte Vorschlag zu einer Marx-Exkursion in Leipzig wurde leider nicht aufgegriffen. Marx‘ Kapital wurde in Leipzig bei Wigand gedruckt, woran eine Tafel am Roßplatz erinnert, und eine Schnelldruckmaschine, das damals Modernste auf diesem Gebiet, kann im Leipziger Druckkunst-Museum besichtigt werden. Dies und die „Gelehrsamkeit der Leipziger Korrektoren“ waren der Grund, weshalb der Druck in Leipzig und nicht in Hamburg, dem Sitz des Verlags, erfolgte. Marx war auch selbst mindestens einmal in Leipzig, wo er sich mit Wilhelm Liebknecht (heutiges Liebknecht-Haus) traf. Er wohnte damals mit seiner Tochter Eleanor im Hotel „Hochstein“ am Bayrischen Platz, das heute noch ein Marx-Zimmer mit Originaleinrichtung vermietet. Er nutzte den Besuch übrigens auch, um gemeinsam mit seinem Gastgeber den sozialistischen Journalisten Wilhelm Blos (nach 1918 kurze Zeit Ministerpräsident Württembergs) am Tage dessen Freilassung am Gefängnis abzuholen. Das berühmte Marx-Relief der ehemaligen „Karl-Marx-Universität“ kann in der Jahnallee besichtigt werden. Vielleicht finden sich ja Leipziger Enthusiasten, die den Vorschlag doch noch realisieren. Der Druck des „Kapital“ begann übrigens Mitte April 1867 und am 5. Mai, seinem Geburtstag, hielt Marx in Hannover, wo er bei seinem Freund Kugelmann wohnte, die ersten Korrekturbögen in der Hand. Am 11. September 1867 lag das Jahrhundertwerk dann in seiner ersten gedruckten Form vor.