Vom Klären und Erklären

von Peter Porsch

Wer sich vor vierzehn Jahren noch im Baltikum an schönen, aber von Touristen kaum überlaufenen Städten erfreuen konnte und von den fast menschenleeren Ostseestränden schwärmte, dem war solches Vergnügen in diesem Jahr nicht mehr vergönnt. Estland, Lettland und Litauen waren mittlerweile der NATO und der EU beigetreten. Durch die Hauptstädte strömen die Touristen hinter den Fahnen der Fremdenführerinnen und Fremdenführer her. Die Ostseestrände sind besetzt wie ihre Pendants an der Adria. Die Preise steigen, der Wohlstand ebenso. Er sei den Menschen in diesen Ländern gegönnt. Die Bausünden, durch Bauboom in ehemaliger Idylle, sind aber auch nicht zu übersehen. Es ist laut geworden in den baltischen Ländern. Ein überschwänglicher Nationalismus gehört dazu. Entsprechende Denkmäler verbrauchen Fläche und wachsen in die Höhe. Man mag es, den Esten und Letten vor allem, verzeihen. Macht über ihr eigenes Schicksal war ihnen in der Geschichte kaum gegeben. Die Litauer hatten einst ein Reich von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer. Aber auch das ist lange her. Danach und davor teilten sie das Schicksal ihrer Nachbarn. Vornehmlich Deutschland und Russland besetzten abwechselnd die Region oder teilten sie unter sich auf. Beteiligt an Besetzung waren auch Schweden und Dänemark, in Litauen kurze Zeit auch Polen. Es ist hier nicht der Platz, diese Geschichte aufzuarbeiten. Neben den Touristen kamen jüngst noch andere Fremde: Die Einseitigkeit nationalen Stolzes, der sich gegen Russland und gegen die „kommunistische Gewaltherrschaft“ nach dem 2. Weltkrieg richtet, ist allgegenwärtig. Die NATO versucht Ängste vor Russland auszunutzen. Nicht zuletzt soll damit Russland in Schranken verwiesen werden, die dieses Land wohl gar nicht niederzureißen trachtet. Zum diesjährigen Jahrestag des Hitler-Stalin-Paktes, der die Aufteilung des Baltikums zwischen diesen Mächten zur Folge hatte und nach seinem Bruch erst die sowjetische, dann die deutsche Besetzung sowie schließlich den Anschluss an die Sowjetunion, kamen jede Menge Polittouristen. Der deutsche Außenminister und der deutsche Bundespräsident waren dabei. Es gab die üblichen antikommunistischen Reden und Konferenzen, verbunden mit halbherzigen Beschwichtigungsversuchen gegenüber Russland und einem zu einseitigen Geschichtsverständnis der baltischen Völker.

Abseits der großen Touristenpfade gab es freilich auch anderes zu entdecken. Ich war zum Beispiel in Liepaja. Wer kennt dieses verträumte Städtchen an der lettischen Ostsee schon? Es hat einiges zu bieten. Zum Beispiel eine Orgel in einer lutherischen Kirche, die bis 1912 die größte Orgel der Welt war. Sie wird eben, wie die Kirche, vor dem Verfall gerettet. Die Stadt hat eine Universität und eine Kunstgewerbeschule für Bernsteinverarbeitung. Sie bietet aber auch noch sehr anderes. An der Ostseeküste wird ein beklemmend großes Fort mehr und mehr Opfer des Meeres. Gebaut von Russland in den Jahren 1893 bis 1906, aufgegeben schon 1916, verrotten dort unzählige und beängstigend klobige Betonbunker. Man kann es positiv sehen als Sieg der Natur über den Menschen und seine Kriege. Schmerzhaft ist aber unweit davon ein anderer Gedenkort. In Liepaja wurden unter dem deutschen Namen Libau von 1941 bis 1944 über 7.000 jüdische Einwohner umgebracht; über 3.000 davon allein zwischen 15. und 17. Dezember 1941. Den jüdischen Familien wurde vom Stadtkommandanten das Verlassen ihrer Wohnungen verboten. Sie wurden abgeholt, vor die Stadt getrieben und ermordet: von SS, von Wehrmachtsangehörigen und von lettischen Freikorps. Das noch ziemlich neue Mahnmal ist ein aus Feldsteinen gebauter riesiger, auf die Erde gelegter siebenarmiger Leuchter. Es stockt der Atem, betritt man das Areal. Deutsche Schuld wird bedrückend sinnlich. In Sichtweite des Denkmals befindet sich eine Kläranlage. Sie war eher da und dient der Reinigung des Wassers von Schlamm und Gift. Gedenkstätten sind keine Kläranlagen, die den Schlamm und das Gift in der Geschichte von dieser trennen könnten. Gedenkstätten sind im günstigsten Fall „Erkläranlagen“, um künftig Schlamm und Gift in der Geschichte nicht zuzulassen. Man verlässt Liepaja in der Hoffnung, dass dies geschehen möge. Ein nebenan gelegenes gepflegtes Denkmal für die sowjetischen Helden bei der Befreiung der Stadt lässt Zuversicht aufkommen.