Intensiv und doch gelassen: Manana Menabde

Die georgische Diva und ihr grenzenloses Universum
von Jens-Paul Wollenberg

Manana Menabde ist ein nachdenklicher Mensch, eine musische Multikünstlerin, der es scheinbar spielerisch gelingt, Musik, Poesie, Malerei und Schauspiel unter einen Hut zu kriegen. Wenn sie die Bühne betritt, behutsam ihre Konzertgitarre stimmt und mit einem kleinen Schmunzeln das Publikum begrüßt, fühlt man sich schon eingeladen – und ahnt, dass da jemand steht, der nicht nur seine Gefühle und Sorgen ausdrücken kann. Ein faszinierender atmosphärischer Zauber umgibt einen, wenn Manana annähernd morphische Stimmungen heraufbeschwört, indem sie in ihrer feinsinnig-einzigartigen Vortragsweise georgische sowie russische Chansons und Romanzen mit unverwechselbarem, vom dezenten Belcanto ornamentierten Gesang beinahe zelebrierend darbietet. Sie spannt einen Bogen zwischen menschlicher Tiefe, urwüchsiger Lebensfreude und orientalisch anmutender Exotik, behutsam, getragen und rhythmisch umgarnt durch ihr eigenwilliges Gitarrenspiel, das von einer unaufdringlichen Dynamik getrieben ist.

Geboren 1948 in Tbilissi als Tochter recht kultur- und kunstliebender Eltern, entwickelte sie rasch ein großes Musikbewusstsein, waren doch ihre Großmütter Tamara und deren drei Geschwister Chormitglieder der damals sehr gefeierten „Ischchnelischwestern“, deren Aktivismus und Leidenschaft es zu verdanken war, dass die altehrwürdigen georgischen Großstadtromanzen nicht in Vergessenheit gerieten. Bereits 1952 erschien in der Zeitschrift „OGONJOK“ eine erste Nachricht über die vierjährige Enkeltochter von Tamara Alexandrowa Ischchneli Manana, die das gesamte Repertoire ihrer Großmutter singenderweise beherrschte.

Von 1963 bis 1966 war sie bereits als Gesangsolistin im sehr bekannten Orchester des Polytechnischen Instituts unter Leitung von Soso Tugushi aktiv, welches sich dem Jazz und Unterhaltungsmusikgattungen widmete. Mit fünfzehn Jahren hatte sie das unbeschreibliche Glück, Jacques Brel persönlich kennenzulernen. Im Nachbarhaus wohnte eine georgisch-französische Familie, wo Jacques Brel während seiner Gesangstournee Unterkunft genoss. Die Begegnung mit dem „kettenrauchenden Weltstar“ war für das Mädchen sehr bedeutsam, Brel war für sie eine Art prägende Bestätigung dafür, wie ein Mensch mit seinem Talent umgehen sollte.

1967 begann Manana ein Studium im Staatlichen Theaterinstitut in Tbilissi, wo sie mit dem Regisseur Shota Rustaveli und dem Dramaturgen Michail Tumanischwili Workshops abhielt. Zeitgleich war sie als Gesangsolistin mit dem Orchester „RERO“ unter Leitung von Konstantin Nikolaus Pevsner durch die Sowjetunion und ihre „Bruderländer“ auf Tournee. 1971 setzte sie ihr Regiestudium im Moskauer Theaterinstitut fort.

Ab 1972 gab sie unzählige Solokonzerte mit russischen Romanzen, Liedern von Alexander Vertinsky und dem russisch-georgischen Songpoeten Bulat Okudshawa, dem Enkel von Galaktion Tabidze, der oft als der georgische Rilke bezeichnet wurde. Okudshawa lernte sie 1981 persönlich kennen, während eines Jubiläumskonzertes ihrer Großmutter im Zentralen Haus der Künste. Als Manana Bulats Lieder auf der Bühne sang, ahnte sie nicht, dass der Meister im Publikum zugegen war, in der vierten Reihe. Nach dem Konzert betrat er die Bühne, bedankte sich, und weil er ihre Interpretationen seiner Texte wunderbar fand, bat er sie, diese weiterhin zu singen.

Es folgten mehrere Auftritte in Rundfunk und Fernsehen. 1977 gründete sie mit den jungen georgischen Musikern David Malayonia, Zaza Miminoshvilli und Galina Sulagvelidze das Liedtheater „ENKENI“. Nebenher wirkte sie in dem sehr erfolgreichen Spielfilm „Der Tag ist länger als die Nacht“ von Lana Gogoberidze mit. Sie komponierte die Musik dazu und übernahm die Rolle eines fahrenden Gauklers. Zwischen 1975 und 1985 wurden Mananas Lieder ständig von BBC London und dem Moskauer Sender „Radio Svoboda“ in England und in der gesamten UdSSR ausgestrahlt.

1983 gab es eine Liveübertragung eines Konzerts im Zentralen Staatlichen Fernsehen Kiew. Zwischen 1986 und 1988 nahm sie die Arbeit mit einer experimentellen Theatergruppe unter der Leitung von Oleg Kisilov auf, wo sie basierend auf der Methode von Michael Tschechow plastische Bewegungen kreierte, die es erlaubten, Testpassagen pantomimisch darzustellen.

1991 zog es Manana nach Berlin, deren kulturelle Stätten nicht abgeneigt waren, viele Konzerte, Ausstellungen, künstlerische Projekte, Installationen und Performances zu realisieren. So trat sie unter anderem im Bertolt-Brecht-Zentrum auf, war beim Chansonfest zu erleben und wurde auf den Kleinkunstbühnen und in Szenecafés euphorisch gefeiert.

Ihr kleiner Abstecher nach Leipzig ermöglichte es mir, Manana persönlich kennenzulernen, da sie in der „Ostwind-Reihe“, die ich in den Neunzigern moderierte, einen Konzertabend bestritt – hoch bejubelt. Im selben Jahr erhielt sie ein Stipendium der Heinrich-Böll-Stiftung und wurde als Special Guest zum World Festival nach Stuttgart eingeladen, wo sie gemeinsam mit dem berühmten amerikanischen Jazz- und Klezmer-Musiker Giora Feidman und dessen Trio „JAM“ ein Konzert gab. 1994 produzierte sie mit der georgischen Jazzband „ADIO“ eine CD, und von 1995 bis 2000 stellte sie wieder einmal ihre Vielfältigkeit unter Beweis: Mit der Keramikmeisterin Daniella Schultz arbeitete sie künstlerisch zusammen. Von 1996 bis 1997 wurde ihre Musik auf den Kanälen des MDR und des WDR vorgestellt, nachdem sie bereits ein Jahr zuvor das georgische Jazz-Ensemble „Shin“ gegründet hatte – bestehend aus dem Gitarristen Zaza Miminoshvili und dem Bassisten Zurab Gagnidze, der auch als sensibler Begleitsänger agierte.

1998 erschien ihr Buch „Und die Zeit verging“, aus dem sie übrigens in verschiedenen deutschen Zeitschriften in der Übersetzung der Slawistik-Expertin Hannelore Umbreit die Parabeln „Via Regia“, „Wunder und Zeichen“ und anderes veröffentlichte. 2001 wurden ihre Grafiken in Berlin unter dem Titel „Kaukasische Motive“ ausgestellt, was sie mit den georgischen Musikern Nika Machaidze und Gogi Zoznashvili eröffnete. Gleichzeitig erschienen mehrere Gedichte, Prosastücke und Parabeln in verschiedenen georgischen Zeitungen: „Dämmerung“, „Arili“, „Kalmasoba“ und „Iboria“. Zwischen 2001 und 2002 gab sie Kammerkonzerte in St. Petersburg und Moskau, und sie veröffentlichte die Alben „Dreams Georgia“ und „SAMI“. 2003 erschein ihr autobiografischer Roman „Mittwoch, ein Tag zum Fliegen“ in georgischer Sprache, und ein Jahr später war sie schon wieder musikalisch unterwegs, mit dem Programm „Manana Menabde singt Bulat Okudshawa“, das auch als CD auf den Markt kam.

Es folgten Konzerte in Berlin, Leipzig, Hamburg, München, Wuppertal etc., und immer wieder lud man sie auf Gastspielreisen nach Russland und in die Ukraine ein, um Aufnahmen für Rundfunk und Fernsehen zu machen. Wieder in Leipzig, kam es zu einem Wiedersehen mit der dort ansässigen Multi-Instrumentalistin Ingeborg Freytag, mit der sie von 1994 bis 2000 ein sehr intensives Programm darbot. Freytag wurde bekannt durch mehrere Solo- und Duoprojekte und leitet bis heute das Chanson-Ensemble „Pojechaly“, dem ich angehöre.

Von 2004 bis 2005 begann Manana Menabde am „Theater der Musik und Poesie“ von Helena Kamburova neue Horizonte zu erobern, indem sie ihre Erfahrungen mit der bereits erwähnten Methode plastischer Bewegungen Tschechows weiterentwickelnd einbrachte. Von 2006 bis 2007 experimentierte sie mit dem Komponisten und Dramaturgen David Malazonia an dem georgischen Ethno-Jazz-Projekt „Akedana“. Das Resultat dieser Arbeit wurde im Studio des staatlichen Konservatoriums in Tbilissi festgehalten und auf CD produziert.

Danach nahm sie das russischsprachige Album „Der Weg in zwei Finale“ auf und begann die Arbeit am Buch „Das Verb“, das hauptsächlich Prosa und kurze Gedichte beinhaltet. In ihrer Prosa bevorzugt Manana eine Art Gelegenheitspoesie, die sich mittels spontaner Improvisation inhaltlich darauf konzentriert, überflüssige Textpassagen auszukoppeln, so dass letztlich als poetische Ausdrucksform die Parabel bleibt. Hierbei achtet die Autorin darauf, dass groteske und absurde Elemente nicht zu kurz kommen, ebenso wenig wie politische Satire. Von 2006 bis 2010 produzierte sie drei weitere Alben in Georgien, die teilweise in russischer bzw. ihrer Heimatsprache gesungen wurden. 2012 gab sie Solokonzerte im „Theater der Musik und Poesie“ und im „Haus der Wissenschaften“, und sie leitete Workshops an der Theaterschule für dramaturgische Künste. Ab 2013 konzentrierte sie sich wieder auf ihre Fotoarbeiten, die sie selbst als Aquarelle bezeichnet, da sie durch eine raffinierte Entwicklungstechnik, deren Rezeptur ihr Geheimnis bleibt, den Bildern malerische Atmosphären verleiht.

2014 folgte die Präsentation ihre Buches „Und die Zeit verging“ in Tiflis. Am 9. März 2015 erschien ihr Katalog mit eigenen Collagen, der auch die CD „Illusion 2013“ beinhaltet.

Dass Manana auch sozial engagiert ist, bewies sie oft durch ihre Teilnahme an Benefizveranstaltungen. So trat sie 2015 im „Schota Rustaweli Theater“ zugunsten leukämiekranker Kinder auf. 2016 wurden ihre Parabeln und Gleichnisse in ukrainischer Übersetzung in Kiew präsentiert und im Juni 2016 begann die Aufführung ihres eigenen Theaterstücks nach Motiven ihres Manuskripts „Und die Zeit verging“. 2017 wurde ihr Stück „Ist das wahr“ aufgeführt, bevor sie in Deutschland mehrere gute besuchte Konzerte gab.

Wenn man Manana fragt, woher sie die Kraft für die vielfältig künstlerischen Aktivitäten schöpft, so kann sie sich eines kleinen Lächelns nicht erwehren und antwortet gelassen, dass diese Kreativität ihren Ursprung in tiefer Spiritualität finde. Nun ja, ich glaube, da schwingen noch andere Energien in Mananas Kosmos.