Es gilt noch immer, Wolfgang Harich zu entdecken

von Prof. Dr. Kurt Schneider

Wolfgang Harich, geboren am 9. Dezember 1923 in Königsberg, war der bedeutendste Vertreter der marxistisch geprägten intellektuellen sozialistischen Opposition in der DDR. Davon zeugt auch der jüngst erschienene, von Andreas Heyer herausgegebene Band „Wolfgang Harich: Frühe Schriften“. Dieselben sollen in insgesamt drei Bänden veröffentlicht werden. Im vorliegenden ersten Teilband behandelt der Herausgeber einleitend den jungen Harich im Zeitraum 1946 bis 1956. Es sind Jahre der Annäherung an den Marxismus, der Parteinahme für die gesellschaftliche Entwicklung in der SBZ und die mit der Gründung der DDR eingeleitete neue Politik. Doch innerhalb weniger Jahre ging er in verschiedenen Punkten auf Distanz zur offiziellen Linie und wendet sich auch von früheren Überlegungen ab. „Die Entfernung Harich von der Politik der DDR“, schreibt Heyer, „war beiderseitig motiviert. Die SED, ihre Institutionen und führenden Personen kamen zu Positionen, die Harich nicht mehr mittragen konnte. Und auf der anderen Seite entwickelte er Konzeptionen …, die nun nicht mehr mit der offiziellen Politik kompatibel waren.“ Während die SED begann, Meinungen und Ansichten zu dogmatisieren, verteidigte Harich in immer stärkerem Maße die Meinungsfreiheit.

Dem folgen, auf ausdrücklichen Wunsch von Anne Harich, Briefe an Ina Seidel vom Frühjahr/Sommer 1941/1942, Ausdruck seiner Hoffnungen in den Kriegszeiten. Ihnen schließt sich an die von Harich verfasste Biblio-Biographie vom 3. Februar 1991, ergänzt durch eine Autobiographie aus dem Jahre 1965. Es folgen Angaben zu seinen Lehrern – er nennt 18 Personen – und das autobiographische Fragment „Widerstand und Neubeginn im zerstörten Berlin“. Im Weiteren behandelt Heyer, anhand Harichs Artikel in der Weltbühne 1946-1950, die Grundsteinlegung einer politischen Philosophie. Dem schließt sich sein am 24. Juni 1948 abgeschlossenes 114-seitiges Manuskript „Ursprung des Kommunismus“ an. Der höchst inhaltsreiche Band endet mit seiner an der Berliner Humboldt-Universität vom 22. April 1949 bis 16. Februar 1951 gehaltenen Vorlesungsreihe „Dialektischer und historischer Materialismus“, abgedruckt auf 203 Seiten.

Für den zweiten Teilband ist die Veröffentlichung der Dissertation Harichs über Herder, die er an der Humboldt-Universität 1951 verteidigte, vorgesehen. Der dritte Teilband soll zahlreiche kleinere Texte und Manuskripte, darunter Reden und Vorträge vom Ende der vierziger Jahre sowie Dokumente zur Gründungsgeschichte der Deutschen Zeitschrift für Philosophie, deren Mitbegründer und Chefredakteur er war, enthalten. Insgesamt weist der Editionsplan „Schriften aus dem Nachlass Wolfgang Harichs“ 13 Bände aus, von denen mit Band 1.1 nunmehr bereits acht erschienen sind.

Politisch hatte sich Harich für die Sowjetische Besatzungszone und für die spätere DDR entschieden. In keiner Phase ihrer Entwicklung war er einer ihrer Gegner. Kritik übte er am praktizierten autoritären Sozialismus, was in Verdrehung der Tatsachen dazu führte, Harich nicht selten frontal anzugreifen. Seine Frau Anne, von Wolfgang Harich als Universalerbin eingesetzt, schreibt darüber in ihrem Geleitwort, datiert vom 5. Juli 2016, rückbetrachtend: „Er fühlte sich geradezu berufen, sein erworbenes Wissen auf dem Gebiet der Philosophie, Geschichte und Literatur an andere, möglichst lebend, weiterzugeben, selbstverständlich nach eigenen Erkenntnissen, beruhend auf marxistisch-leninistischer Grundlage. Er ließ sich da nicht hineinreden, verteidigte seine Standpunkte, wenn er davon überzeugt war.“ Ergänzend fügt sie hinzu: „Das machte ihn unbeliebt und politisch unbequem, besonders bei der Parteiintelligenz, obwohl Harich ihr Genosse war. Er wusste um seine Widersacher, die schlecht über ihn redeten, um ihm zu schaden, er lebte damit, er ließ sich nicht davon beirren.“ Seine höchst leidenschaftlich vertretene positive Wertung und Interpretation Hegels – „Ich lasse mir auf Hegel nicht scheißen!“ – und die klassische deutsche Philosophie generell, die sich im krassen Gegensatz zur sowjetischen Auffassung befand, löste eine breite Debatte aus. Harich jedoch wird die „Mißachtung der Einschätzung Hegels durch Stalin“ und eine „Überheblichkeit gegenüber der Sowjetunion“ vorgeworfen, die 1953 zu einer Parteistrafe (schwere Rüge) führen.

Gekennzeichnet durch dramatische internationale Ereignisse markierte das Jahr 1956 eine historische Zäsur. In dieser Situation findet auf Initiative von Wolfgang Harich, Ernst Bloch und Georg Klaus im März 1956 in Berlin die hochkarätig besetzte Konferenz „Das Problem der Freiheit im Lichte des Wissenschaftlichen Sozialismus“ statt, die darauf zielte, Kernfragen der philosophischen Neubestimmung nach dem XX. Parteitag der KPdSU in Gang zu bringen.

Harich agierte wie kein anderer, wagte außerordentlich viel. Genannt seien vor allem seine Denkschrift „Studien zur weltgeschichtlichen Situation“ (1956), bekannt als „Memorandum für Botschafter Puschkin“, die sich dagegen wandte, den Stalinismus auf den Personenkult einzuengen. „Der Stalinismus“, erklärte er, „ist ein ganzes System der Verzerrungen der marxistischen Theorie und Praxis“, womit er weit über die Aussagen des XX. Parteitages der KPdSU und die Erklärungen der SED hinausging. Und im November 1956 entwirft er die „Plattform für einen besonderen deutschen Weg zum Sozialismus“, die erst 1993 der Öffentlichkeit bekannt wird. Letztere war auf die tiefgreifende Entstalinisierung der DDR und die Schaffung von Voraussetzungen für die „Wiedervereinigung Deutschlands auf der Grundlage der Demokratie, des Sozialismus und der nationalen Souveränität“ gerichtet. Angesichts der kompakten politischen Krise, in der sich 1956 die europäischen sozialistischen Staaten befanden, und der zunehmenden Kriegsgefahr, reagierte die SED-Führung stark verunsichert und äußerst sensibel. Am 29. November 1956 wurde Harich wenige Stunden nach Rückkehr von einer Reise nach Hamburg verhaftet und im März 1957 durch das Oberste Gericht der DDR wegen „Bildung einer konterrevolutionären staatsfeindlichen Gruppe“ zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Davon verbüßte er sechs Jahre und drei Wochen, bis er im Zuge der Amnestie zum 15. Jahrestag der DDR im Dezember 1964 frei kam. Auf den Seiten 149-173 sind Teile der Anklageschrift veröffentlicht.

Den Beitritt der DDR zur BRD sieht Harich äußerst kritisch. Nach einem kurzzeitigen Engagement für die Gründung einer ostdeutschen Partei wird er schließlich Mitglied der PDS. Als Antwort auf die von Rainer Eppelmann geleitete Enquete-Kommission (EK) gründete er die AEK (1992-1995). Am 15. März 1995 verstarb Wolfgang Harich.

Insgesamt verdeutlicht der Band 1.1, der als Einführung in die Editionsreihe abgefasst ist, dass Harich bereits bis zu seiner Zuchthausstrafe kein kritikloser Diener der Politik war. Er war nicht bereit und gewillt, das eigene, freie und individuelle Denken und Handeln aufzugeben. Die Veröffentlichung des Bandes wurde gefördert durch die Rosa-Luxemburg-Stiftung, gedruckt mit Mitteln der Heinrich-Böll-Stiftung.

Wolfgang Harich: Frühe Schriften. Teilband 1: Neuaufbau im zerstörten Berlin. Mit weiteren Dokumenten und Materialien, hrsg. von Andreas Heyer. Teckum Verlag, Marburg 2016, 624 Seiten, 39,95 Euro, ISBN 978-3-8288-3820-8