Erstaunliches über den Produktionsprozess des „Kapital“

Der erste Band von Marx’ ökonomischem Hauptwerk trägt bekanntlich den Untertitel „Der Produktionsprozess des Kapital“. Erstaunlicherweise ist der unmittelbare Produktionsprozess des in Hamburg verlegten „Kapital“ selbst bislang kaum untersucht worden. Der 150. Jahrestag der Erstveröffentlichung reizte den Hamburger Autor Jürgen Bönig, dieses Thema nicht nur aus lokalpatriotischen Motiven akribisch zu untersuchen. Dabei gelangte der Fachmann für Druckgeschichte zu erstaunlichen Entdeckungen. Fast minutiös leuchtet er einen Zeitraum von fünf Monaten im Leben von Karl Marx aus: Am 12. April 1867 hatte dieser in Hamburg das Manuskript des „Kapital“ an seinen Verleger Otto Meissner persönlich übergeben. An seinem Geburtstag, am 5. Mai 1867, trafen die ersten Andrucke des in Leipzig gesetzten und gedruckten Werkes in Hannover ein, wo sich Marx bei Ludwig Kugelmann aufhielt. Um den 9. September wurde dann der Band ausgeliefert.

Ausgehend von einem sorgfältig analysierten Originalexemplar der Erstausgabe und unter Einbeziehung aller relevanten Ergebnisse der Marx-Engels-Forschung rekonstruiert der Druckspezialist Böning den technischen Vorgang der Herstellung des „Kapital“. Erstmals wird überaus deutlich, was tatsächlich geschah, als Marx in Hamburg eintraf. Die Abfolge und Dauer der Arbeitsschritte, nämlich das Auszeichnen des Manuskripts, Setzen, Korrigieren, Revidieren und Freigeben des Druckes mit anschließender Feststellung der noch vorhandenen Druckfehler, hatten durchaus Einfluss auf Inhalt und Gestalt „des Werks“, wie das „Kapital“ in den Briefen zumeist hieß. Sehr schön wird gezeigt, dass Otto Meissner manchmal etwas anderes will und tut, als Marx meint und Marx etwas anderes macht, als er Engels schreibt. Dazu kommt, dass Marx den Umfang der Textmenge um die Hälfte falsch einschätzt und das Ausmaß der Arbeit nach der Manuskriptabgabe gravierend unterschätzt. Damit stand der ganze Druck unter dem Zwang, eine zu große Textmenge auf 50 Druckbogen unterzubringen und schnell damit fertig zu werden – eine Buchstabenwüste ohne erholsame Oasen von Leerseiten und Zwischenräumen.

Dazu war nur eine zeitgenössisch exzellente Druckerei fähig, die Meissner in Hamburg augenscheinlich nicht zur Verfügung stand. Deswegen wich er nach Leipzig zu „Otto Wigand’s Buchdruckerei“ aus, mit der ihn schon eine mehrjährige solide Geschäftsbeziehung verband. Angefangen von der verwendeten Schrift bis zum konkreten Arbeitsumfang bei der Buchherstellung präsentiert das vorliegende Buch über den eigentlichen Druckprozess viele bislang nicht erforschte Details. Diverse Neuigkeiten über die Druckerei am Roßplatz 3b in Leipzig konnte der Autor dieser Zeilen zuarbeiten, da ihm nicht nur bei der Entdeckung der entsprechenden Bauakte das Finderglück hold war. Nunmehr wissen wir, dass die von Otto Alexander Wigand geleitete Druckerei in den Jahren 1857/1858 von seinem jüngeren Bruder Walther Wilhelm Wigand errichtet wurde und seinerzeit für Druckvorbereitung, Setzerei und Buchdruckerei drei Etagen mit einer Gesamtfläche von ca. 600 Quadratmetern zur Verfügung standen. Bönig hat darüber hinaus genau berechnet, dass die 800 Seiten des Endproduktes durchschnittlich 42 Zeilen und 75 Zeichen pro Zeile und eine Gesamtzeichenzahl – nach elektronischer Zählung – von 1.935.214 Zeichen umfassten; das ergab bei einem Gewicht von ungefähr vier Kilo Kilogramm pro Seite insgesamt 3,2 Tonnen Blei; dieser sogenannte Stehsatz wurde nach dem Druck in Regalen abgelegt und dort für etwaige Nachauflagen aufbewahrt.

Für die eigentlichen Satzarbeiten am „Kapital“ im Umfang von mehr als 2.000 Stunden waren vier bis fünf Setzer notwendig, deren Namen leider nicht überliefert sind. Ihrer sorgfältigen Arbeit, der sorgfältigen Schriftauswahl und dem sauberen Druck auf einer Schnellpresse ist es jedenfalls maßgeblich zu verdanken, dass das Buch trotz eines relativ kleinen Schriftgrades von 9 Punkt (die Fußnoten waren noch zwei Punkt kleiner) und recht eng bedruckten Seiten zumindest in grafischer Hinsicht einigermaßen leicht lesbar war.

Jürgen Bönig: Karl Marx in Hamburg. Der Produktionsprozess des „Kapital“. 184 Seiten, EUR 19,80, VSA: Verlag Hamburg 2017