Wenn die Welt sich ändert – 1985 und 2017

von Ralf Richter

Erinnern Sie sich noch daran, was Sie am 11. März 1985 gemacht haben? Nicht? Es war ein scheinbar unwichtiger Tag. In Moskau war gerade innerhalb von wenigen Jahren der dritte Generalsekretär und Staatschef gewählt worden. Nachdem das langjährige Staatsoberhaupt Leonid Breshnew 1982 gestorben war, agierten seine beiden Nachfolger Andropow und Tschernjenkow nur für sehr kurze Zeit. Beide waren beim Amtsantritt weder besonders jung noch gesund, sie starben rasch hintereinander. Im März 1985 meinte man: Endlich haben sie es in Moskau begriffen und sich für einen „Jungen“ entschieden – „Gorbi“ war damals 54 Jahre alt. Dass sich mit ihm allerdings die Welt ändern würde, hielt kaum jemand für möglich.

Doch zehn Jahre nach dem 11. März 1985 war die Welt eine gänzlich andere. Die Sowjetunion, den RGW, den Warschauer Vertrag gab es nun genau so wenig wie die Sowjetunion, die CSSR und die DDR. Alles, was uns 1985 als selbstverständlich vorkam, verschwand rasend schnell. In zehn Jahren wurde ein Gesellschaftssystem zwischen Wladiwostok und Berlin abgewickelt. Länder wurden aufgelöst und neue geschaffen, die oft an alte mit wenig rühmlicher Geschichte anknüpften, wenn man an Lettland oder die Slowakei denkt. Dem Rausch nationaler Souveränität folgte rasche Ernüchterung und schnell schlüpften die, die immer von nationaler Souveränität gesprochen hatten, im Osten unter das Dach von EU und NATO – freilich nicht ohne der neu verlorenen „Souveränität“ lauthals nachzutrauern. Kleine Länder können niemals „souverän“ sein, das freilich hatten die Nationalisten den Völkern nie verraten.

Niemand hätte diese Entwicklung am 11. März 1985 für möglich gehalten. Jetzt kam der 20. Januar 2017, und „der Westen“ befindet sich in seiner Abenddämmerung. Die EU, die NATO, der Euro – was wird es davon 2027 noch geben? Wer wird dann noch von den „westlichen Werten“ reden, die von amerikanischen und westdeutschen Nachkriegsideologen erfunden und seit Jahrzehnten beschworen wurden, wenn heute schon die USA und Großbritannien und damit die wichtigsten Länder dieses „Westens“ sie für verzichtbar halten?

Eines war am 20. Januar anders als am 11. März 1985. Damals erwartete kaum jemand den völligen Umsturz der Welt. Heute sehen nach dem Brexit-Beschluss und dem Wahlsieg von Donald Trump viele ihre Felle wegschwimmen und den Zusammenbruch der „Nachkriegsordnung“ voraus. Die Probleme der Welt jedoch können nur in einem Miteinander gelöst werden – am besten wäre eine Brücke zwischen allen fünf Kontinenten und keine „transatlantische Brücke“, deren Nutzer sich gegen den Rest der Welt wenden. Wenn sich am Ende diese Weltsicht durchsetzt und Europa endlich auch geistig mit Afrika und Asien dichter zusammen rückt – ohne die Bindung an die beiden amerikanischen Kontinente zu vernachlässigen –, könnte die neue „Wende“ doch noch zu etwas Gutem führen. Trump könnte den Anstoß geben, sich auf die eigenen Stärken zu besinnen.

Als der DDR-Führung der neue Kurs der Sowjetunion unter Gorbatschow nicht mehr gefiel, erklärte Erich Honecker, dass die DDR künftig den „Sozialismus in den Farben der DDR“ aufbauen werde – das sowjetische Vorbild war obsolet geworden. Mancher mag sich jetzt an seine Worte erinnert haben, als Angela Merkel verkündete: „Wir Europäer nehmen unser Schicksal in die eigene Hand.“ Es war damals genauso wenig klar, was die „Farben der DDR“ eigentlich sein sollten, wie heute klar ist, wer „wir Europäer“ sind … Mit den Verantwortlichen von heute in Politik und Wirtschaft wird das Morgen nicht aufgebaut werden können. Insofern stimmt der Spruch, den man in Dresden so oft gehört hat: „Merkel muss weg!“ Je früher, desto besser. Die Wahl von Trump ist nichts anderes als ein Symbol dafür, wie tief „der Westen“ (und damit der Spätkapitalismus) in der Krise steckt. Weite Teile der Bevölkerung zwischen Berlin und Washington wollen nicht mehr so weiter wie bisher. Bis 1989 glaubten immer noch viele im Osten, dass die Zukunft dem Sozialismus gehöre, wie bis heute Menschen glauben, dass „dem Westen“ die Zukunft gehört. Irren ist menschlich. Wir sollten aufhören, uns mit der Fußnote der Geschichte Donald Trump zu beschäftigen und stattdessen die Ursachen der Krise des Spätkapitalismus unter die Lupe nehmen. Aber wer gewohnt ist, sich lieber mit Hitler und Goebbels als mit den Ursachen des Nationalsozialismus zu beschäftigen, wird sich auch weiter bevorzugt an Personen abarbeiten. Ein Grund, weshalb B. Traven der „bürgerlichen Lügenpresse“ nicht viel abgewinnen konnte und mit seinen eigenen Blättern gegenzusteuern versuchte. Wir brauchen mehr neue B. Travens mit publizistischen Projekten gegen den bürgerlichen Mainstream.